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Erschienen in: Pädiatrie & Pädologie 2/2014

01.12.2014 | Leitthema

Die Suche nach der Herkunft – ein „mental health aspect“

Gedankensplitter aus Sicht der Kinder- und Jugendpsychiatrie

verfasst von: Dr. W. Leixnering

Erschienen in: Pädiatrie & Pädologie | Sonderheft 2/2014

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Zusammenfassung

In diesem Beitrag wird die Rolle des Kinder- und Jugendpsychiaters bei dem Thema „Eltern unbekannt, Auswirkungen auf die Identitätsentwicklung des Kindes“ beschrieben. Es stellt sich die Frage, wir uns mit unserer Herkunft auseinandersetzen. Dabei wird deutlich, wie wichtig das Wissen um die eigene Herkunft für die Identitätsfindung ist. Die psychotherapeutische Begleitung von Kindern und Jugendlichen soll ihnen die Sicherheit für diesen Entwicklungsprozess geben.
Die Suche nach der Herkunft stellt ein Grundproblem des Menschen dar. So ist auch das Thema des Symposiums „Eltern unbekannt, Auswirkungen auf die Identitätsentwicklung des Kindes“ zu verstehen, nämlich „Wie setzen wir uns mit unserer Herkunft auseinander?“ In diesem Beitrag soll kurz angerissen werden, welchen Bezug der Kinder- und Jugendpsychiater zu diesem Thema hat, und zwar im Allgemeinen als Kinder- und Jugendpsychiater und speziell bei Kindern und Jugendlichen, die nicht in ihren Herkunftsfamilien aufwachsen.
Grundsätzlich muss es Anliegen der Kinder- und Jugendpsychiatrie sein, die Entwicklung psychisch gesunder Kinder zu gewährleisten. Unsere primäre Absicht sollte auch in der Kinder- und Jugendpsychiatrie die Prävention sein. Wir müssen immer wieder die Frage stellen: Was ist eigentlich zu tun, um bei Kindern und Jugendlichen sicherzustellen, dass sie eine sichere Identität bekommen? Denn die sichere Identität ist ein wichtiger Bestandteil der psychischen Gesundheit.
Wie gehen wir mit dem Begriff psychische Gesundheit um? Wir sind gewohnt, Gesundheit immer nur somatisch zu sehen, aber es gibt eben auch die psychische Gesundheit, und die lässt sich umschreiben und in ihre Komponenten gliedern. Ein wichtiger Teil der psychischen Gesundheit ist das Ich-Sein, wir sagen in der Psychotherapie und in der Psychoanalyse vielfach auch Selbstsein, um sicher bei sich selbst zu sein.
Um bei sich selbst zu sein, bedarf es einer Sicherheit über das Wissen der Herkunft, und diese Sicherheit ist eigentlich jenes Kriterium, das eine solide Identität eines Menschen ausmacht. Daher ist man natürlich bemüht, in der Befassung mit Menschen, die psychische Probleme haben, nicht nur diese Sicherheit herzustellen, sondern auch zu verstehen, ob bzw. welche Voraussetzungen sie bisher hatten, diese Sicherheit zu erwerben.
Die Befassung mit der Herkunft eines Kindes ist stets ein zentraler Aspekt in der Anamneseerhebung. Um Kinder und deren psychische Problematik zu verstehen, müssen wir uns immer mit der Frage der Herkunft der betroffenen Kinder und Jugendlichen beschäftigen.

Therapie

Die psychotherapeutische Begleitung von Kindern und Jugendlichen soll ihnen die Sicherheit für die Entwicklungsprozesse geben. Aus der entwicklungspsychologischen und psychotherapeutischen Forschung wissen wir, dass Bindungsprozesse nur über Einbeziehung und Teilhabe konstanter Bezugspersonen verstehbar und entwickelbar sind. Daher ist es natürlich unabdingbar, dass auch Bezugspersonen anstatt der leiblichen Eltern diese Bindungsprozesse ermöglichen und gestalten. Das bedeutet jedoch nicht, dass für die weitere Persönlichkeitsentwicklung die Auseinandersetzung mit jenen Personen irrelevant ist, welche biologisch gesehen die Menschwerdung ermöglicht haben.
Auch in der sozialpsychiatrischen Rehabilitation Jugendlicher – das bedeutet, die Befähigung psychisch beeinträchtigter junger Menschen zur Integration in den Erwerbsprozess, in einen selbständigen Lebensprozess – stoßen wir wieder auf das Thema der Herkunft, denn dort geht es sehr stark um Identifikationen. Insbesondere in der Entwicklungsphase der Pubertät, einer besonders sensiblen Phase, ist die Auseinandersetzung mit jenen Personen, die das Erwachsenwerden ermöglicht haben, ein bedeutendes Thema und damit auch die Auseinandersetzung mit den Eltern. „Welche Personen kenne ich, die vor mir diese Prozesse durchgemacht haben? Wie haben das meine Eltern geschafft? Wie haben das meine wichtigsten Bezugspersonen gemacht?“ Mit anderen Worten, in der Pubertät spielen die folgenden 3 Fragen eine zentrale Rolle:
  • „Woher komme ich?“
  • „Wer bin ich?“
  • „Wohin will ich?“
Gerade die Pubertät und auch die Adoleszenz sind ja nur scheinbar ein Alter, in dem man genau das Gegenteil dessen macht, was die Eltern bzw. Hauptbezugspersonen vorgelebt haben. In Wirklichkeit schauen Jugendliche genau darauf, was die Eltern tun, nur sagt man es nicht, gibt man es nicht zu.
Darum ist es auch eine Fehlinterpretation zu glauben, junge Menschen in der Pubertät und Adoleszenz soll man tun lassen, bis sie wieder ordentlich sind. Nein, denn gerade dort bedürfen sie unserer Begleitung; aber eben nicht, indem man ständig sagt „So ist es zu tun!“, sondern ihnen vielmehr zeigt, wie man es tut, um ihnen auch ein Vorbild zu sein. Dieser Aspekt hat gerade in der Jugendpsychiatrie große Bedeutung.
Die nächste Überlegung bezieht sich auf die Frage: „Wie begleitet man jene Kinder und Jugendliche, die nicht in ihrer Herkunftsfamilie wohnen und leben können, oder die von anderen Personen begleitet werden?“
In den gut über 30 Jahren, in denen ich mich mit diesem Thema beschäftige, gab es deutliche Änderungen. Als ich meine Tätigkeit begonnen habe, war die Frage der Herkunft ein Tabuthema. Man hat versucht, Kindern und Jugendlichen, die nicht in ihren Herkunftsfamilien gelebt haben, möglichst das Wissen bzw. die Zugänge zur Herkunftsfamilie vorzuenthalten, um auszuschließen, dass sie Näheres über die Vergangenheit und ihre biologische Abstammung erfahren konnten. Das Thema „Elternarbeit“ oder „Arbeit mit der Herkunftsfamilie“ war in sozialpädagogischen Einrichtungen (einst „Heime“ genannt!) ein Tabuthema. Heute sprechen wir eben von sozialpädagogischen Einrichtungen, nicht nur der Name, sondern die Zugangsweise und der Umgang mit den Kindern und Jugendlichen hat sich geändert.
Erst in den letzten 20 Jahren wurde die Bedeutung der Herkunftsfamilie in der Sozialpädagogik zu einem wichtigen Thema. Man hat glücklicherweise erkannt, welche Bedeutung für Kinder, die nicht in der Herkunftsfamilie aufwachsen, die Befassung der jungen Menschen mit ihrer Herkunftsfamilie (soweit es möglich ist) hat. Aber auch das ist nicht immer möglich, es gibt dort Grenzen.
Die Intention sollte immer sein, die Beschäftigung mit der Herkunftsfamilie, soweit es geht, zu ermöglichen.
Warum ist das so wichtig? Oft suchen junge Menschen in dieser Frage nach Scheinlösungen. Eine davon ist die Schaffung von Idealisierungen, d. h. die Entwicklung persönlicher Wunschbilder. Das bringt aber letztlich in aller Regel Enttäuschungen.
Es ist besser, mit Realbildern zu arbeiten. Scheinbilder sind nicht unbedingt von Vorteil. Die reale Auseinandersetzung mit Herkunftspersonen sichert nämlich eher die Entwicklung der Identität. Scheinbilder können negativ oder positiv sein, sie können überhaupt nicht der Realität entsprechen, wenn man eben kein reales Bild von diesen Bezugspersonen hat. Und insofern ist dort die Suche nach der Herkunft ein Aspekt der Sicherung und der Entwicklung der psychischen Gesundheit. Junge Menschen brauchen dies für ihre weitere Entwicklung. Aus diesem Grund habe ich das einen „mental health aspect“ genannt. In der heutigen Zeit haben wir einen ganz anderen Wissensstand und nehmen die Bedeutung des Wissens um die Herkunft wesentlich ernster.
Daher wird die Suche nach den biologischen Eltern heute oft sehr subtil geplant und vorbereitet. Man nimmt sich sehr viel Zeit und gibt sich Mühe, den jungen Menschen auch zu helfen, wenn es um die Ausforschung von Herkunftspersonen geht. Wir begleiten sie beim Herstellen von Kontakten, wenn sie sehr lange keinen Kontakt hatten, zumindest sich auch nicht bewusst daran erinnern können. In dem wunderbaren und ergreifenden Beitrag von Volkmar Harwanegg wird deutlich, wie wichtig in jeder Altersstufe und in jeder Altersphase das Wissen um die Eltern, die Mutter wie auch den Vater, ist. Selbst im fortgeschrittenen Alter beschäftigt uns diese Frage noch genauso.
Interessant scheinen mir auch in diesem Zusammenhang die Entwicklungen im Adoptionswesen. Ich habe lange Zeit im Rahmen der Jugendwohlfahrt (heute: Kinder- und Jugendhilfe) der Stadt Wien als Konsiliarpsychiater gearbeitet und mich mit diesen Bereichen intensiv beschäftigt und auch mitbekommen, wie sich die Dinge dort entwickelt haben. Bei den Adoptionen wurde die Möglichkeit der offenen Adoptionen eingeführt, um sicherzustellen, dass das spätere Kennenlernen ihrer Herkunftsfamilien für junge Menschen nicht grundsätzlich ausgeschlossen ist.
Nun komme ich zum letzten Aspekt: Ich glaube, es geht um eine gesellschaftlich fundamental veränderte Sichtweise von Kindheit und Jugend. Diese hat sich schon in den letzten Jahren abgezeichnet. Österreich hat vor einigen Jahren einen Großteil der Kinderrechtskonvention unterzeichnet, wie Prof. Lischka schon in seinem Beitrag ausgeführt hat. Hierbei handelt es sich um ein Thema, welches auch vor diesem Hintergrund gesehen werden muss. Denn es geht hier um die notwendigen Rechte von Kindern, ihre Bezugspersonen kennenzulernen, und darum, Kinder nicht den Entscheidungen und Wünschen von Erwachsenen ausgeliefert zu sehen. Auch geht es um die Partizipation, das Einbeziehen der Kinder und Jugendlichen. Es geht um die Sicherheit von Kindern: „Es wird mit mir ehrlich umgegangen!“
Es geht um die Sicherheit von Kindern
Dabei gibt es oft Dilemmasituationen. Aber es ist allemal besser, wenn ein Kind merkt: „Meine nächsten Bezugspersonen wissen, dass sie mir vielleicht jetzt auch weh tun, wenn er/sie mir sagen, wie es meiner Mutter/meinem Vater wirklich geht. Aber sie sagen es mir ehrlich!“ Meiner Meinung nach gibt dies einem Kind mehr Sicherheit, als wenn es feststellt: „Dauernd ist da ein Tabuthema, mir wird etwas verheimlicht. Da ist etwas, aber es drücken sich alle drum herum.“ Man muss in diesem Zusammenhang auch sehen, dass Kinder suchen. Man muss sehen, dass es ein Teil der gesunden Neugier des Kindes ist, nicht nur nach vorne zu schauen, sondern auch zurückzuschauen. Dies ist ein Grundprinzip des Menschen, das ihm offensichtlich immanent ist. Wir – die Gesellschaft – haben es Kindern zu garantieren und zu ermöglichen.

Epilog

Abschließend darf ich persönlich festhalten, dass mir die Teilnahme an diesem Symposium eine große Freude und Ehre war. Ich möchte dem Veranstalter, Univ.-Prof. Dr. Andreas Lischka, herzlich danken und ihm für die Zukunft alles Gute wünschen. Das Symposium gab auch mir Gelegenheit, zurückzublicken auf unsere gemeinsame Vergangenheit. Wir kennen einander seit unserer Kindheit und sind beide Söhne von Kinderärztinnen. Und mein Vater war Leiter der Anstaltsapotheke im Wilhelminenspital.

Einhaltung ethischer Richtlinien

Interessenkonflikt. W. Leixnering gibt an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Dieser Beitrag enthält keine Studien an Menschen oder Tieren.
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Literatur
1.
Zurück zum Zitat Leixnering W (o J) Persönlichkeitsentwicklung und Institution – Möglichkeiten, Grenzen, Perspektiven. In: Leixnering W (o J) Persönlichkeitsentwicklung und Institution – Möglichkeiten, Grenzen, Perspektiven. In:
2.
Zurück zum Zitat Posch C, Ilsinger H (Hrsg) (1993) Ich bin aus vielen – Beziehungen Selbstfindung Institution. In: Gruen A, Hrdina K, Leixnering W, Westermann A (Hrsg) SOS Kinderdorf Sozialpädagogische Reihe. Tyrolia, Wien, ISBN 3-7022-1910-2 Posch C, Ilsinger H (Hrsg) (1993) Ich bin aus vielen – Beziehungen Selbstfindung Institution. In: Gruen A, Hrdina K, Leixnering W, Westermann A (Hrsg) SOS Kinderdorf Sozialpädagogische Reihe. Tyrolia, Wien, ISBN 3-7022-1910-2
3.
Zurück zum Zitat Remschmidt H (1988) Risikofaktoren, protektive Faktoren und Prävention. In: Psychiatrie der Gegenwart, Bd 7. Springer, Berlin Remschmidt H (1988) Risikofaktoren, protektive Faktoren und Prävention. In: Psychiatrie der Gegenwart, Bd 7. Springer, Berlin
4.
Zurück zum Zitat Schreyer W (Hrsg) (1992) Selbst.Ständig.Werden. SOS-Kinderdorf, sozialpädagogisches Institut, Innsbruck Schreyer W (Hrsg) (1992) Selbst.Ständig.Werden. SOS-Kinderdorf, sozialpädagogisches Institut, Innsbruck
Metadaten
Titel
Die Suche nach der Herkunft – ein „mental health aspect“
Gedankensplitter aus Sicht der Kinder- und Jugendpsychiatrie
verfasst von
Dr. W. Leixnering
Publikationsdatum
01.12.2014
Verlag
Springer Vienna
Erschienen in
Pädiatrie & Pädologie / Ausgabe Sonderheft 2/2014
Print ISSN: 0030-9338
Elektronische ISSN: 1613-7558
DOI
https://doi.org/10.1007/s00608-014-0201-z