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25.03.2019 | Hygiene- und Umweltmedizin | Ausgabe 13/2019

Tabakrauchen

Alte und neue Suchtmaschinen

Autor:
Katrin Schaller und Ute Mons

Trendige Formen des Rauchens wie Wasserpfeifen und die E-Zigaretten sind für junge Menschen interessant. Wasserpfeifenrauchen birgt ein ähnliches Gesundheitsrisiko wie Zigarettenrauchen. E-Zigarettenaerosol enthält zwar weniger Schadstoffe als Tabakrauch, die daraus wahrscheinlich resultierende Schadensreduktion lässt sich derzeit nicht verlässlich beziffern.

„In den 35 OECD-Mitgliedsländern ist das Rauchen seit Jahren rückläufig. Wir sind (in Österreich; Anm.) das einzige OECD-Land, in dem der Anteil der Raucher zunimmt. In den 1970er-Jahren waren es 22,9 Prozent der Bevölkerung, jetzt 24,3 Prozent.“ Das sagte der Grazer Gesundheitswissenschafter und Allgemeinmediziner Florian Stigler bei einem Hearing des parlamentarischen Gesundheitsausschusses im Februar dieses Jahres. Eines der Länder, in denen der Tabakkonsum rückläufig ist, ist Deutschland. Aber auch dort raucht immer noch knapp ein Drittel der Bevölkerung.

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Diese Fakten sollten bekannt sein: Tabakrauchen kann abhängig machen und ist der bedeutendste Risikofaktor für Lungenkrebs und COPD. Zudem erhöht er das Erkrankungsrisiko für weitere Krebsarten, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Typ-2-Diabetes. An den Folgen des Rauchens sterben in Deutschland jährlich rund 120.000 Menschen. Die zahlreichen tabakbedingten Krankheits- und Todesfälle verursachen jedes Jahr Kosten in Höhe von rund 79 Mrd. €. Daher liegt es im medizinischen und gesellschaftlichen Interesse, den Tabakkonsum durch Maßnahmen zur Verhinderung des Einstiegs und zur Förderung des Ausstiegs dauerhaft zu senken.

Rauchtabak

Der Rauchtabakkonsum ist in Deutschland seit rund 15 Jahren rückläufig und auch der Anteil der Raucher in der Bevölkerung sinkt, insbesondere unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Dennoch rauchten in Deutschland im Jahr 2015 noch rund 31 Prozent der Männer und etwa 26 Prozent der Frauen im Alter zwischen 18 und 64 Jahren. Unter jungen Erwachsenen ist der Raucheranteil am höchsten: Von den 25- bis 29-Jährigen rauchte im Jahr 2015 ein Drittel (32 % der jungen Männer, 34 % der jungen Frauen). Von den 12- bis 17-Jährigen rauchten im Jahr 2015 rund 8 Prozent (7,7 % der Jungen, 7,8 % der Mädchen).

Junge Menschen sind meist Gelegenheitsraucher, bei älteren Menschen überwiegt das regelmäßige und starke Rauchen. So konsumierten im Jahr 2015 nur 9 Prozent der 18- bis 20-jährigen Raucher und Raucherinnen täglich 20 Zigaretten oder mehr, unter den über 40-Jährigen war dies bei rund einem Viertel der Raucher der Fall.

Wasserpfeife

In Deutschland hatte im Jahr 2015 mehr als ein Viertel (27,3 %) der 12- bis 17-Jährigen schon einmal Wasserpfeife geraucht, von den 18- bis 25-Jährigen sogar 68,4 Prozent. Jungen und junge Männer probieren Wasserpfeifen häufiger aus als Mädchen und junge Frauen. Wasserpfeifen werden meist gelegentlich konsumiert, der etwas häufigere Wasserpfeifenkonsum ist weniger verbreitet: Innerhalb der letzten 30 Tage hatten knapp 9 Prozent der Jugendlichen (8,9 %) und 15,4 Prozent der jungen Erwachsenen Wasserpfeife geraucht.

E-Zigarette

Im Jahr 2016 hatten 9 Prozent der über 16-Jährigen E-Zigaretten zumindest einmal ausprobiert; der regelmäßige Konsum ist mit 1,2 Prozent allerdings deutlich seltener. Vor allem Raucher – von ihnen hat fast ein Viertel jemals E-Zigaretten verwendet – und eher jüngere Menschen bis 40 Jahre probieren E-Zigaretten aus. So hatten im Jahr 2016 17 Prozent der 16- bis 19-Jährigen, 14 Prozent der 20- bis 29-Jährigen und 13 Prozent der 30- bis 39-Jährigen jemals E-Zigaretten verwendet, aber nur 8 Prozent der 40- bis 49-Jährigen, 9 Prozent der 50- bis 59-Jährigen, 6 Prozent der 60- bis 69-Jährigen und nur 1 Prozent der über 70-Jährigen.

Tabakrauch

Tabakrauch ist ein komplexes Gemisch aus über 5300 Substanzen, darunter zahlreiche giftige und krebserzeugende Stoffe. Diese liegen teils gasförmig und teils gebunden an Tabakrauchpartikel vor. Die Partikel lösen sich nach dem Einatmen im feuchten Oberflächenfilm der Lungenbläschen auf, wobei ihr Inhalt in der Feuchtigkeitsschicht aufgeht und von den Lungenzellen schnell aufgenommen wird.

Bisher wurden 90 Bestandteile des Tabakrauchs als krebserzeugend oder möglicherweise krebserzeugend eingestuft. Für die Mehrzahl der Kanzerogene des Tabakrauchs kann kein Schwellenwert festgelegt werden, unterhalb dessen sie unbedenklich wären. Zudem können die zahlreichen im Tabakrauch enthaltenen Stoffe miteinander in Wechselwirkung treten und sich gegenseitig in ihrer Wirkung verstärken. Die Gesundheitsgefährdung entsteht daher nicht nur durch die einzelnen Substanzen, sondern durch das komplexe Stoffgemisch.

Wasserpfeifenrauch

Wasserpfeifenrauch enthält neben Nikotin mindestens 82 schädliche Substanzen, darunter 27, die Krebs erzeugen oder im Verdacht stehen, Krebs zu erzeugen; zudem enthält er giftige Metalle, lungengängige Partikel und Kohlenmonoxid – dieses in deutlich höherer Menge als in Zigarettenrauch. Einige der Schadstoffe entstehen beim Verbrennen der Kohle. Der Rauch von tabakfreien Wasserpfeifenzubereitungen enthält – abgesehen von Nikotin – dieselben Schadstoffe wie der Rauch von Wasserpfeifentabak. Beim Wasserpfeifenrauchen werden deutlich größere Rauchmengen inhaliert als beim Zigarettenrauchen.

E-Zigaretten-Aerosol

Das Aerosol von E-Zigaretten besteht aus feinen und ultrafeinen Flüssigkeitspartikeln. Die Hauptbestandteile sind die Grundsubstanzen des Liquids, also Propylenglykol und/oder Glyzerin, Nikotin und Aromen. Daneben kann das Aerosol in Abhängigkeit von der Art der E-Zigarette, deren Leistung, dem verwendeten Liquid sowie dem Nutzerverhalten außerdem Formaldehyd, Acetaldehyd, Acrolein, reaktive Sauerstoffverbindungen und Metalle, darunter Nickel, Chrom und Blei enthalten. Die Schadstoffe liegen im E-Zigarettenaerosol bei sachgemäßem Gebrauch in deutlich geringeren Mengen als in Tabakrauch vor, einzelne Substanzen können aber auch ähnlich hohe oder sogar höhere Konzentrationen erreichen. So kann die Konzentration von Formaldehyd bei starker E-Zigarettenleistung und vor allem bei Überhitzung der E-Zigarette im Aerosol ähnlich hohe Konzentrationen wie in Tabakrauch erreichen; Blei und Chrom wurden in vergleichbaren Konzentrationen wie in Tabakrauch detektiert und Nickel sogar in höherer Menge.

 

Seit 2016 sind in Deutschland und Europa neue Produkte erhältlich, in denen Tabak elektronisch erhitzt wird. Das beim Gebrauch entstehende Aerosol enthält einige Schadstoffe wie Tabakrauch, darunter auch Kohlenmonoxid und krebserzeugende Substanzen, jedoch in geringeren Mengen als in Tabakrauch. In verhältnismäßig großen Mengen wurden in einer Studie im Aerosol folgende Substanzen nachgewiesen: Acrolein (82 % der Menge in Tabakrauch), Formaldehyd (74 % der Menge in Tabakrauch), Benzaldehyd (50 % der Menge in Tabakrauch), Acetaldehyd (22 % der Menge in Tabakrauch). Zudem liegen im Aerosol krebserzeugende tabakspezifische Substanzen vor, wobei die Menge deutlich geringer als in Tabakrauch ist.


Tabakprävention

Der Tabakkonsum verursacht nicht nur großes menschliches Leid, sondern infolge von Krankheit und vorzeitigem Tod auch hohe Kosten für die Gesellschaft. So sterben in Deutschland jedes Jahr rund 121.000 Menschen an den Folgen des Rauchens. Durch Krankheitskosten, Produktionsausfälle und Frühverrentung entstehen jährlich rund 79 Mrd. € tabakbedingte Kosten. Daher liegt es auch im gesellschaftlichen Interesse, dass möglichst wenig (junge) Menschen mit dem Rauchen anfangen und möglichst viele Raucher damit aufhören.

Zur Prävention des Tabakkonsums stehen verschiedene wirksame Maßnahmen zur Verfügung. Dazu gehören neben spürbaren Tabaksteuererhöhungen vor allem umfassende Nichtraucherschutzgesetze und Tabakwerbeverbote, die Beschränkung der Verfügbarkeit von Tabakprodukten, Warnhinweise auf Tabakverpackungen und die standardisierte Verpackung sowie massenmediale Aufklärung.

Zu wenige Maßnahmen

In Deutschland wurden zwischen 2002 und 2008 mehrere Maßnahmen zur Eindämmung des Tabakkonsums umgesetzt. Nach 2008 wurden allerdings keine politischen Maßnahmen zur Unterstützung dieses Trends zum Nichtrauchen unternommen. Der Zigarettenpreis stieg von 2006 bis 2010 nur unbedeutend von 13,8 Cent pro Stück auf 14,2 Cent an; seit 2011 wurde die Tabaksteuer jährlich um etwa 2 Prozent angehoben – zu wenig, um das Rauchverhalten zu beeinflussen.

Die Verringerung des Tabakkonsums in der über 15-jährigen Bevölkerung um 30 Prozent bis 2020 im Vergleich zu 2013 ist wesentlicher Bestandteil des globalen Aktionsplans der WHO zur Vermeidung und Kontrolle nichtübertragbarer Krankheiten. Um sich diesem Ziel zu nähern, muss Deutschland kontinuierlich Maßnahmen zur Eindämmung des Tabakkonsums ergreifen.

Fazit für die Praxis

- Rauchen ist Hauptrisikofaktor für Lungenkrebs und COPD, es erhöht das Risiko für Asthma, Lungenentzündung und Tuberkulose;

- Wasserpfeifenrauchen erhöht sehr wahrscheinlich das Risiko für COPD, chronische Bronchitis, Lungenemphysem und Lungenkrebs;

- E-Zigarettenkonsum ist sehr wahrscheinlich deutlich weniger schädlich als Rauchen, kann aber die Lungenfunktion beeinträchtigen und entzündliche Reaktionen auslösen;

- Patienten sollten über Gesundheitsgefahren durch Wasserpfeifenrauchen aufgeklärt werden;.

- Patienten, die keine leitliniengerechte Tabakentwöhnung wünschen und E-Zigaretten verwenden möchten, sollten wissen, dass die Schadstoffbelastung sehr wahrscheinlich geringer ist als beim Rauchen, E-Zigaretten aber keine harmlosen Life-Style-Produkte sind.

Der ungekürzte Originalartikel  „Tabakrauchen“ ist erschienen in „Der Pneumologe“ 4/2018, https://doi.org/10.1007/s10405-018-0185-7 , © Springer Verlag

Weitere Informationen:

https://doi.org/10.1007/s10405-018-0185-7


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