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Ärzte Woche

03.12.2019 | Tekal | Ausgabe 49/2019

Early Adopter

Autor:
Dr. Ronny Tekal, Medizin-Kabarettist

Von der großen Liebe zu neuen, unbelebten Dingen.

Manche Menschen lieben leblose Dinge mehr als andere ihre Ehepartner. „Objektophilie“, auch „Objektsexualität“, heißt das in der Fachsprache. Im Jahr 2007 heiratete die Amerikanerin Erika LaBrie sogar in einer symbolischen Zeremonie den Eiffelturm. Seither heißt sie Erika Eiffel (der Turm trägt jedoch keinen Doppelnamen). Das wäre mir gerne als Pointe für diese Kolumne eingefallen, ist aber nicht erfunden! Allzu treu scheint Frau Eiffel indes nicht zu sein, denn während ihrer Ehe mit dem Eiffelturm gestand die Aktivistin, die sich stark für die OS-Community einsetzt, eine Affäre mit der Golden Gate Bridge gehabt zu haben. Das klassische Schicksal von Fernbeziehungen.

So ein klein wenig verliebt sind wir jedoch irgendwie alle in unbelebte Gegenstände wie Schuhe, Smartphones, Autos oder Lebensgefährten, die regungslos auf der Couch herumliegen. Auch wenn die meisten nur in wilder Ehe mit ihnen zusammenleben und sie rasch entsorgen, wenn was Neues daherkommt. Diese Begeisterung für Neues hat auch einen Namen: Early Adopter – Menschen, die bereits in einem Elektrofahrzeug sitzen, noch bevor der Strom erfunden wurde.

Gerade Mediziner lieben derartige kleine Gadgets. Das betrifft nicht nur das brandneue 3-Tesla-Hochleistungs-MRT im Haus, sondern auch den brandneuen Tesla vor der Haustür, der im Gegensatz zu den kostspieligen medizinischen Spielzeugen leider nicht vom Spital bezahlt wird. Der Grat zwischen Early Adopter und krankhafter Manie ist schmal und führt schon mal dazu, dass man, um sich die allerneueste Version eines 8K-Flachbildfernsehers zuzulegen, das Familiensilber verhökert. Oder das Jahresbudget des Spitalserhalters.

Die Begeisterung kann bis ins hohe Alter gehen. Viele Senioren haben Hightech-Hörgeräte statt eines profanen Hörrohrs, einen Magnetschwebe-Treppenlift oder eine Nano-Noppen-Anti-Rutsch-Duschmatte, die sich über Bluetooth mit der Zahnprothese im Glas verbinden kann.

Auch das Geschäft mit gepimpten Senioren-Handys läuft erstaunlich gut. Sensoren erheben gesundheitsrelevante Daten und leiten sie weiter, um medizinische Notfälle erkennen zu können. Viele Anwender stehen dieser mobilen Überwachung durchaus positiv gegenüber. Eine Firma, die Senioren-Handys vertreibt, hat kürzlich gemeinsam mit der deutschen Senioren-Liga eine Umfrage gemacht. Die Mehrheit der Rentner hat angegeben, dass sie ihrem Arzt erlauben würden, auf diese Daten zuzugreifen. Eine noch größere Mehrheit weigert sich jedoch, diese Daten an die eigene Familie weiterzugeben. Schließlich möchte man ja nicht irgendwelchen dahergelaufenen Verwandten sein Leben offenlegen.

Wenn Vertrauen von vertrauten Personen in eine unvertraute Technik ausgelagert wird, so sind wir von der „Objektophilie“ gar nicht mehr so weit entfernt. Und dazu muss man das Smartphone nicht einmal heiraten.

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