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Erschienen in: ProCare 8/2020

01.10.2020 | Pflege & Wissenschaft

Cochrane Pflegeforum

Verbesserung der Inanspruchnahme von Schutzimpfungen durch Jugendliche

verfasst von: Doris Eglseer, BSc Verena Kollmann, BSc Anja Lisa Plank-Straner, MSc BBSc Dr.in Daniela Schoberer, MSc BBSc Dr.in Doris Eglseer

Erschienen in: ProCare | Ausgabe 8/2020

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Plain Language Summary:

Ziel dieses Cochrane Reviews war es, die Wirkungen von Ansätzen zur Steigerung der Inanspruchnahme von Schutzimpfungen durch Jugendliche zu bewerten. Cochrane-Wissenschaftler sammelten und analysierten alle relevanten Studien, um diese Frage zu beantworten, und fanden 16 Studien.
Hauptaussagen: Dieser Review zeigt, dass mehrere verschiedene Ansätze die Zahl der Jugendlichen, die die ihnen empfohlenen Impfungen erhalten, erhöhen könnten. Zu diesen gehören Gesundheitserziehung, das Angebot von Präsenten und die Verabschiedung von Gesetzen. Weitere wissenschaftliche Arbeiten sind jedoch erforderlich, um zu verstehen, welche Ansätze am besten funktionieren, insbesondere in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen.
Hintergrund: Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt für Kinder im Alter von zehn bis 19 Jahren (Jugendliche) mehrere Impfungen. Einige dieser Impfungen werden hauptsächlich für diese Altersgruppe angeboten, wie der Impfstoff gegen das humane Papillomavirus (HPV; eine Virusinfektion, die Genitalwarzen und Krebs verursachen kann). Andere sind Auffrischungsimpfungen und werden auch an jüngere Kinder verabreicht, wie z. B. Impfstoffe gegen Hepatitis B, Diphtherie, Tetanus und Keuchhusten (Pertussis).
Viele Jugendliche erhalten ihre empfohlenen Impfungen nicht. Regierungen und Organisationen haben durch unterschiedliche Ansätze versucht, dies zu ändern. Ein Ansatz besteht darin, sich an Jugendliche und ihre Eltern und ihr soziales Umfeld zu wenden. Dies kann z.B. durch Informationen über Impfungen, durch das Erinnern an die Fälligkeit der Impfungen oder durch das Ausgeben von Präsenten geschehen. Ein weiterer Ansatz richtet sich an Gesundheitsfachpersonen, beispielsweise durch Informationen, Erinnerungen und Feedback zu ihrer Praxis. Ein dritter Ansatz besteht darin, den Menschen den Zugang zu Impfungen zu erleichtern. Dies kann z. B. dadurch geschehen, dass Impfungen kostenlos oder kostengünstig angeboten werden oder dass Impfstoffe näher am Wohnort, einschließlich in Schulen, angeboten werden. Ein vierter Ansatz ist die Verabschiedung von Gesetzen über Impfungen. In einigen Ländern müssen Schüler beispielsweise nachweisen, dass sie geimpft sind, bevor sie die Schule besuchen können.
Die wichtigsten Ergebnisse: Die Review-Autoren fanden 16 relevante Studien. Zwölf der Studien kamen aus den USA. Die anderen Studien stammten jeweils aus Australien, Schweden, Tansania und dem Vereinigten Königreich.
Die Studien zeigten: Wenn Jugendliche (Mädchen oder Jungen oder beide) und ihre Eltern Informationen und Schulungen über Impfungen erhielten, wurden mehr Jugendliche gegen HPV geimpft (hohe Vertrauenswürdigkeit der Evidenz). Die Verteilung von Gutscheinen für Präsente an Jugendliche führt möglicherweise zu einem Anstieg an HPV-Impfungen (niedrige Qualität der Evidenz). Es ist jedoch ungewiss, ob Maßnahmen der Gesundheitserziehung, die Bereitstellung von Bargeld und Präsentpäckchen für die Jugendlichen und ihre Eltern dazu führten, dass mehr Jugendliche Hepatitis-B-Impfungen erhielten (sehr niedrige Vertrauenswürdigkeit der Evidenz). Wenn Gesetze verabschiedet wurden, die besagen, dass Jugendliche geimpft werden müssen, um in die Schule zu gehen, erhielten wahrscheinlich wesentlich mehr Jugendliche Hepatitis-B-Impfungen (moderate Vertrauenswürdigkeit der Evidenz). Wenn Gesundheitsfachpersonen beim Öffnen der elektronischen Krankenakte daran erinnert wurden, Jugendliche zu impfen, hatte dies wahrscheinlich keine oder nur eine geringe Wirkung auf die Zahl der Jugendlichen, die Tetanus-Diphtherie-Keuchhusten-, Meningokokken-, HPV- oder Grippeimpfungen erhielten (moderate Vertrauenswürdigkeit der Evidenz). Wenn Gesundheitsfachpersonen Schulungen mit Leistungsrückmeldungen bekamen, könnten mehr Jugendliche HPV-Impfungen erhalten haben (niedrige Vertrauenswürdigkeit der Evidenz). Wenn Gesundheitsfachpersonen Schulungen, individuelles Feedback, häufige Besuche und Anreize bekamen, erhielten wahrscheinlich mehr Jugendliche HPV-Impfungen (moderate Vertrauenswürdigkeit der Evidenz). Wenn Gesundheitsfachpersonen und Eltern gezielt auf verschiedene Weise, u.a. durch Schulungen, Telefonanrufe oder Radiomeldungen, auf Schutzimpfungen aufmerksam gemacht wurden, könnten mehr Jugendliche HPV-Impfungen erhalten haben (niedrige Vertrauenswürdigkeit der Evidenz).
Diese Studien verglichen die Anwendung dieser verschiedenen Ansätze zur Steigerung der Inanspruchnahme von Schutzimpfungen (Gesundheitserziehung, Präsente und Belohnungen, Gesetze oder Erinnerungen) mit dem Einsatz keines solchen Ansatzes. Darüber hinaus gab eine Studie aus Tansania allen Mädchen, die in der sechsten Schulklasse waren, aber nicht zwingend das gleiche Alter hatten, Informationen über Impfungen. Diese Mädchen wurden mit Mädchen verglichen, die Informationen über Impfungen erhielten, weil sie alle im selben Jahr geboren wurden, aber nicht zwingend in der gleichen Klasse waren. Diese Studie zeigte, dass der klassenbasierte Ansatz wahrscheinlich dazu führte, dass geringfügig mehr Mädchen HPV-Impfungen erhielten (moderate Vertrauenswürdigkeit der Evidenz).
Aktualität des Reviews: Die Autoren des Reviews suchten nach Studien, die bis zum 31. Oktober 2018 publiziert worden waren.

Kommentar zum Review:

Unter einer aktiven Schutzimpfung versteht man, den Körper mit abgetöteten oder abgeschwächten Krankheitserregern oder mit Bestandteilen von Krankheitserregern über einen Impfstoff in Kontakt zu bringen. Dadurch können Antikörper gebildet werden, welche bei einer nachfolgenden Infektion die Erkrankung verhindern oder zum Ausbruch einer abgeschwächten Form führen können. Die für Österreich aktuellen Empfehlungen des nationalen Impfgremiums sind im Impfplan 2020 zusammengefasst und für die Bevölkerung frei zugänglich (Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz 2020a).
„Als weiterer Schritt könnte vermehrt auf den Ausbau der Information und Aufklärung der Jugendlichen selbst gesetzt werden.“
Im österreichischen Impfplan werden derzeit Empfehlungen für 18 Impfungen ausgesprochen, 14 davon für die Altersgruppe zwischen zehn und 19 Jahren. Zur Steigerung der Impfakzeptanz werden die Kosten zahlreicher Impfungen von den Krankenkassen ganz oder teilweise übernommen. Beispielsweise werden die Impfungen gegen Diphtherie, Tetanus und Hepatitis B bis zum 15. Geburtstag vollständig kostenfrei zur Verfügung gestellt (Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz 2020b). Die Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln wird sogar lebenslang vollkommen kostenfrei angeboten.
Weitere Offensiven zur Steigerung der Durchimpfungsrate wurden bereits im nationalen Aktionsplan Masern-/Röteln-Elimination des Bundesministeriums für Gesundheit 2013 definiert und geplant. Dazu zählen unter anderem die Aufklärung und Sensibilisierung von Erziehungsberechtigten, beispielsweise durch Sensibilisierungs-Kampagnen und Zugang zu verständlichen Informationsmaterialien. Weitere Maßnahmen, die die österreichische Bundesregierung verfolgt, sind die Sensibilisierung von Ärzten und anderem Gesundheitspersonal, Erinnerungs-Systeme in postalischer Form für Erziehungsberechtigte, die Überprüfung des Impfstatus bei Schuleintritt und die Optimierung des Zuganges zu Nachholimpfungen (Bundesministerium für Gesundheit 2013). Die Umsetzung einer elektronischen Impferfassung im Sinne eines elektronischen Impfpasses erfolgt derzeit. Eine Impfpflicht, die es in vielen Ländern Europas und seit kurzem auch in Deutschland gibt, ist derzeit in Österreich nicht vorgesehen.
Der Bedarf an weiteren Maßnahmen zur Steigerung der Impfakzeptanz zeigt sich bei der näheren Analyse der Impfraten. Konnte für 2018 bei den Elf- bis 18-jährigen eine sehr gute Durchimpfungsrate für Masern-Mumps-Röteln festgestellt werden, fehlte bei den anderen Altersgruppen häufig die zweite Teilimpfung, um die angestrebten 95 Prozent Durchimpfungsrate zu erreichen (Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz 2019a). Die Durchimpfungsrate gegen Poliomyelitis bewegt sich im Schulalter bei 70 bis 80 Prozent, also weit unter der angestrebten Zahl (Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz 2019b).
Die Häufigkeit allergischer Reaktionen auf Impfungen wird derzeit bei 1,0 von 1,5 Millionen verabreichten Dosen geschätzt, 356 vermutete Nebenwirkungen wurden in Österreich im Jahr 2018 bei geschätzten drei bis vier Millionen Impfdosen gemeldet. Im Zeitraum von 2009 bis 2018 wurden in Österreich 13 Impfschäden (Gesundheitsschädigungen laut Impfschadengesetz) anerkannt, in diesem Zeitraum wurden im Rahmen des kostenfreien Kinderimpfkonzeptes über 8,5 Millionen Impfdosen abgegeben (Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz 2020b).
Der vorliegende Review beschäftigt sich mit der Wirksamkeit von Maßnahmen zur Steigerung der Durchimpfungsrate bei Kindern und Jugendlichen im Alter von zehn bis 19 Jahren. Untersucht wurden verschiedene Ansätze, die potenziell zu einer Verbesserung der Inanspruchnahme von Schutzimpfungen bei Jugendlichen beitragen können.
In den Review wurden 16 Studien mit allen bekannten Interventionsansätzen inkludiert. Weiters wurden alle (laut Weltgesundheitsorganisation) empfohlenen Impfstoffe für die relevante Altersgruppe und alle Ländersettings miteinbezogen. Daraus resultierte eine umfassende Arbeit, deren Ergebnisse vermuten lassen, dass mehrere Ansätze die Durchimpfungsrate wahrscheinlich verbessern könnten.
Zu diesen gehören:
  • _ Aufklärung und Information von Jugendlichen und ihren Eltern über die Bedeutung einzelner Impfungen
  • _ Einführung von Gesetzen, welche spezielle Impfungen als Voraussetzung für den Schulbesuch vorschreiben
  • _ Maßnahmenpakete für Impfdienstleister (dazu zählen: Schulungen, individuelles Feedback, Anreize und die Anwendung von schulklassen- statt altersbasierten Impfansätzen)
Die Autoren des Reviews weisen auf eine beschränkte Aussagekraft der Ergebnisse für Länder mit geringem Einkommen hin, weil die meisten der inkludierten Studien in Ländern mit hohem Einkommen durchgeführt wurden. Weiters fehlen in 14 von 16 Studien Angaben über die Kostenwirksamkeit. Es wird daher empfohlen, vor der Anwendung der zielführenden Interventionen eine Kostenberechnung für das jeweilige Setting durchzuführen.
Zu den vielversprechendsten Interventionen dieser Arbeit zählen die Autoren die Einführung verpflichtender Impfungen. Hierbei zeigte sich beispielsweise in einer Studie, dass die Durchimpfungsrate bei Hepatitis um das Vierfache gesteigert werden konnte (Wilson, 2005). Die genannte Arbeit stammt aus Missouri in den USA, wo die Schutzimpfung gegen Hepatitis B vor der Einschulung per Gesetz geregelt ist.
Durch den Review konnten einige wirksame Maßnahmen zur Steigerung der Durchimpfungsraten bei Jugendlichen aufgezeigt werden. In Österreich werden bereits viele dieser Maßnahmen, z. B. die Aufklärung und Sensibilisierung von Erziehungsberechtigten, Ärzten und anderem Gesundheitspersonal, durchgeführt.
Als weiterer Schritt könnte, wie im Review als effektiv gezeigte Methode, vermehrt auf den Ausbau der Information und Aufklärung der Jugendlichen selbst gesetzt werden. Ein schulklassenbasierter Ansatz in Aufklärung und Durchführung von Impfungen erscheint hier erstrebenswert. Obwohl sich die Impfpflicht als wirksam erwies, ist eine Einführung dieser genau zu überdenken, weil hierbei das Interesse der öffentlichen Gesundheit den Rechten des Einzelnen gegenübergestellt wird.

Cochrane Pflege Corner: Wissen was wirkt

Das „Cochrane Pflege Forum“ ist eine Serie in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Cochrane Zentrum. Es zeigt in regelmäßigen Abständen den aktuellen Stand der Forschung in Form von Zusammenfassungen von Cochrane Reviews auf. Dabei werden unterschiedliche pflegerische Themen aufgegriffen. Ziel der Serie ist es, den Pflegekräften Forschungsergebnisse schneller und direkter zur Verfügung zu stellen.
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Literatur
Zurück zum Zitat Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz (2019a): Kurzbericht Masern. Evaluierung der Masern-Durchimpfungsraten mit einem dynamischen, agentenbasierten Simulationsmodell. Abteilung für Impfwesen, Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz, Wien. Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz (2019a): Kurzbericht Masern. Evaluierung der Masern-Durchimpfungsraten mit einem dynamischen, agentenbasierten Simulationsmodell. Abteilung für Impfwesen, Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz, Wien.
Zurück zum Zitat Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz (2019b): Kurzbericht Polio. Evaluierung der Polio-Durchimpfungsraten mit einem dynamischen, agentenbasierten Simulationsmodell. Abteilung für Impfwesen, Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz, Wien. Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz (2019b): Kurzbericht Polio. Evaluierung der Polio-Durchimpfungsraten mit einem dynamischen, agentenbasierten Simulationsmodell. Abteilung für Impfwesen, Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz, Wien.
Zurück zum Zitat Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz (2020b): Impfplan Österreich 2020. Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz, Wien. Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz (2020b): Impfplan Österreich 2020. Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz, Wien.
Zurück zum Zitat Bundesministerium für Gesundheit (2013): Nationaler Aktionsplan Masern-/Röteln-Elimination. Kurzfassung. Bundesministerium für Gesundheit, Wien. Bundesministerium für Gesundheit (2013): Nationaler Aktionsplan Masern-/Röteln-Elimination. Kurzfassung. Bundesministerium für Gesundheit, Wien.
Metadaten
Titel
Cochrane Pflegeforum
Verbesserung der Inanspruchnahme von Schutzimpfungen durch Jugendliche
verfasst von
Doris Eglseer
BSc Verena Kollmann
BSc Anja Lisa Plank-Straner
MSc BBSc Dr.in Daniela Schoberer
MSc BBSc Dr.in Doris Eglseer
Publikationsdatum
01.10.2020
Verlag
Springer Vienna
Erschienen in
ProCare / Ausgabe 8/2020
Print ISSN: 0949-7323
Elektronische ISSN: 1613-7574
DOI
https://doi.org/10.1007/s00735-020-1244-y