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10.07.2019 | Tekal | Ausgabe 28/2019

Die gefährlichen Sommerlöcher

Autor:
Dr. Ronny Tekal

Journalistische Gesundheitstipps können der Leserschaft den Urlaub vergällen.

Damit die vor Neid gelben, daheimgebliebenen Journalisten den verreisenden Lesern ihren unbeschwerten Urlaub ein wenig vergällen, veröffentlichen sie in den letzten Ausgaben vor dem Sommer noch ein paar boshafte Ermahnungen: Sonne macht Brände, karibisches Essen Durchfälle, Haie unschöne Bisswunden und Fernreisen Thrombosen. Ganz zu schweigen vom ökologischen Fußabdruck beim Fliegen, der eigentlich nur durch den Dauergebrauch des Klimagerätes im Redaktionsbüro getoppt wird.

Damit aber auch all jene, die zu Hause ihren Urlaub verbringen, nicht allzu unbeschwert werden, hat man ihnen dieses Jahr rechtzeitig eine sommerliche Beschwertheit vor den Latz geknallt: „Heuer werden in Österreich eine Billion Gelsen erwartet“. Der erste Reflex, man möge doch bitte die Fluchtrouten für die Gelsen schließen, erweist sich als sinnlos, da es sich um heimische Tiere handelt. Ein verregneter Mai und ein hitziger Juni haben die Pfützen zu perfekten Brutstätten gemacht, nun fallen sie über all jene her, die sich im Freien aufhalten. Also im Prinzip alle, außer den neidgelben Journalisten.

Dennoch verfehlen solcherlei Schlagzeilen ihre Wirkung nicht. Und auch wenn Experten beteuern, eine Billion Gelsen wäre die übliche Zahl, stellt man sich vor, wie einem diese Billion in den eigenen vier Wänden den Schlaf raubt und überlegt ernsthaft, eine Online-Petition zur Einführung der Atomkraft in Österreich zu erstellen, um den Strom für eine Billion Gelsenstecker zu erzeugen.

Vorsommerlicher Journalismus ist brutal spaßbremsend. Wie viele Warnungen hat man der Leserschaft für die Ferien mitgegeben. Und wie wenige Glückwünsche. Das Wort „Reise“ steht niemals alleine, sondern immer mit dem erweiterten Suffix „-krankheit“, „-stornoversicherung“ oder „-rückholung-im-Falle-des-Todes“. Die Angst fährt also immer mit und wird bei Billigfluglinien als Übergepäck extra verrechnet.

Dabei meinen es die Autoren der mahnenden Zeilen durchaus gut mit ihren Lesern.

Schließlich möchte man sie ja unversehrt aus der Sommerpause zurückwissen, um ihnen danach die Warnungen für die herbstliche Grippewelle und die Winterdepression ans Herz zu legen.

Ich möchte mich einer derart hysterischen Panikmache nicht anschließen und Ihnen allen einen unbeschwerten Urlaub wünschen. Solange Sie sich vor allergenen Henna-Tattoos, weiblichen Anophelesmücken, männlichen Tigern und queeren Haifischen schützen, kann im Prinzip nichts passieren. Wenn Sie zurückkehren, erwarten Sie Billionen an Gelsen, ein durch Gelsenstecker überlastetes kerngeschmolzenes Atomkraftwerk und Dutzende vor den Klimageräten erfrorene Journalisten.

In diesem Sinne: Einen schönen Sommer!

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