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Ärzte Woche

10.07.2019 | Hygiene- und Umweltmedizin | Ausgabe 28/2019

Brandgefährliche Hundstage

Autor:
Martin Krenek-Burger

Umweltmediziner kennen Dutzende Möglichkeiten, wie übermäßige Hitze zum Tod führen kann. An sehr heißen Tagen muss die Trinkmenge deutlich gesteigert werden.

Ulli Sima – Arme in die Hüften gestemmt, angestrengtes Lächeln – ist ganz offensichtlich heiß, aber sie weiß: Die Abkühlung ist nur einen Schritt entfernt. Hinter der weiß gekleideten Roten spritzen kleine Wasserfontänen aus einem Schlauch und verdichten sich zu einem Tröpfchenregen. Der Lichteinfall erzeugt einen Regenbogen und verleiht dem politischen Ritual des Sich-Fotografieren-Lassens etwas Anmutiges. Der Anlass für das Foto mit der Umweltstadträtin ist jedoch ein ernster.

Die Hitze der Stadt hat vor allem für alte Bewohner, Kinder, Patienten mit Herz-Kreislauf- und mit psychischen Erkrankungen bedrohliche Ausmaße angenommen: Zwischen 1981 und 2010 wurden 15,2 Tage mit mehr als 30°C, gezählt. Der Temperaturunterschied zwischen Wien und seinem weniger stark verbauten Umland beträgt bis zu zwölf Grad. In die versiegelten Böden kann Regenwasser nicht eindringen, es rinnt in den Kanal und verdunstet nicht. Die Stadtverwaltung sorgt für Ersatz, zumindest an einigen Hotspots der Stadt. Im Resselpark vor der Karlskirche wurden von den Stadtgärtnern an vier Standorten 100 Laufmeter Sprühschlauch verlegt, der im Intervallbetrieb für Abkühlung sorgt. Die Magistratsabteilung 31, auch „Wiener Wasser“ genannt, hat am Praterstern, am Schwarzenbergplatz und Keplerplatz sowie am Karlsplatz 80 Meter Sprühschläuche mit rund 80 Düsen verlegt. Sie sind – wie die Nebelduschen – mit einer Zeitschaltuhr versehen und kühlen in regelmäßigen Intervallen.

Der große Durst

Einen Haken hat die an sich coole Sache. Um in den Genuss dieses Labsals zu kommen, müssten alte Menschen, Kinder oder Patienten ihre Wohnungen verlassen und die brütende Stadt bis zu einem der beregneten Plätze durchqueren. Ein Schritt, der bei den derzeit herrschenden Temperaturen wohl überlegt sein will. Das Monatsmittel, also der Mittelwert aller Tages- und Nachttemperaturen im gesamten Monat Juni in Österreich, lag um 4,7 °C über einem durchschnittlichen Juni. Damit war der Juni deutlich wärmer als der bisher wärmste Juni der Messgeschichte, jenem 2003.

Der Sommer vor 16 Jahren forderte in Europa Zehntausende Todesopfer (https://bit.ly/2ROnRmU). Zwischen 2003 und 2012 wurden in Österreich durchschnittlich 240 Hitzetote gezählt, für das vergangene Jahr weist die AGES eine Hitze-assoziierte Übersterblichkeit von 766 aus. „Besonders zu bekämpfen sind die städtischen Hitzespots“, sagt Sozialexperte Martin Schenk. Am schlimmsten trifft es die Senioren.

Deren Kreislaufreagibilität sei bereits unter normalen Witterungsbedingungen eingeschränkt, erläutert Prim. Dr. Helmut Trimmel, Vizepräsident der Österreichischen Gesellschaft für Anästhesiologie, Reanimation und Intensivmedizin. Begleiterkrankungen wie Bluthochdruck, Arteriosklerose und Diabetes mellitus können die Situation weiter verschlimmern. Zudem haben ältere Menschen häufig ein drastisch reduziertes Durstgefühl. Die tägliche Trinkmenge sollte unter „Normalbedingungen“ rund 30 Milliliter pro Kilogramm Körpergewicht ausmachen, also zweieinhalb bis drei Liter. An heißen Tagen muss diese deutlich gesteigert werden. „Die biologische Reaktion auf eine gesteigerte Temperatur besteht in der Erweiterung der Blutgefäße, um vermehrt Wärme abzugeben. Dadurch kann der Blutdruck deutlich absinken. Weiters kommt es zu gesteigerter Schweißabsonderung, um dem Körper durch die Verdunstung Wärme zu entziehen und einen Hitzestau zu vermeiden.“

Der hawaiianische Biologe Camilo Mora und Kollegen untersuchten in ihrer Studie „Twenty-Seven Ways a Heat Wave Can Kill You: Deadly Heat in the Era of Climate Change“ (https://bit.ly/2JfpVjS) die verschiedenen Reaktionen des Körpers auf Hitze und ihre Wirkung auf die unterschiedlichen Organe. Es gebe es 27 Wege, wie Hitze zum Tod führen könne. Ist der Körper nämlich extremer Hitze ausgesetzt, reagiere ein Teil des Gehirns, indem es Blut zur Haut umleite, um diese zu kühlen. Diese Verschiebung des Blutflusses führe dazu, dass andere Organe schlechter mit Blut versorgt werden und schädliche Substanzen entstehen. Überschreite der Körper andererseits seine optimale Temperatur, weil es zu heiß ist, könnten Zellen direkt geschädigt werden. Diese Zytotoxizität und die zuvor beschriebene Ischämie seien lebensbedrohlich (siehe Interview-Hinweis unten).

Können Ischämie und Wärmezytotoxizität an sich schon tödlich sein, stellen die körperlichen Reaktionen auf beides eine noch größere Gefahr dar. So könne in der Folge die Darmbarriere durchlässig werden, sodass Darminhalt in den Blutkreislauf gelange. Hier komme es zu einem dritten Mechanismus, einer systemischen Entzündungsreaktion, die undichte Membranen von Darm und anderen Organen noch weiter schädigen könne. Zudem könnten Proteine, die die Blutgerinnung kontrollieren, überaktiv werden und Gerinnsel bilden, die wiederum die Blutzufuhr zu Gehirn, Nieren, Leber und Lunge blockieren. Der Verbrauch von Gerinnungsproteinen wiederum kann seinerseits selbst ohne eine Verletzung zu einer potenziell tödlichen Blutung führen. Und letztlich könnten Ischämie und Zytotoxizität in Kombination mit anstrengenden Tätigkeiten wie Wandern und sonstiger Sport oder das Arbeiten im Freien zum Zerfall von Zellen der Skelettmuskulatur führen. Dadurch werde Myoglobin freigesetzt, das für Nieren, Leber und Lunge toxisch sei.

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