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Ärzte Woche

03.02.2020 | Tekal | Ausgabe 6/2020

Das setzt dem Ganzen die Corona auf!

Autor:
Dr. Ronny Tekal

Pandemien sind fast so furchteinflößend wie die Berichterstattung darüber.

Auch wenn ich es normalerweise tunlichst vermeide, an dieser Stelle aktuell heiße Eisen anzufassen, bevor sie abgekühlt und angenehm handwarm analysiert werden können, muss ich heute eine Ausnahme machen. Denn fast stündlich breaken die News zum chinesischen Coronavirus herein. Das ist auch ernst zu nehmen, wenngleich in der Provinz Hubei etwas mehr als in der Provinz Sankt Pölten-Land.

Ob uns auch hierzulande die Corona-Virus-Welle erfasst hat, kann ich noch nicht ausmachen. Ganz sicher hat uns aber die Corona-Virus-Berichterstattungs-Welle erfasst. Und die verursacht deutlich mehr Panik als das Virus selbst. So ist mir beim Studieren der tagesaktuellen Gratiszeitung vor lauter Schreck fast die Grippeschutzmaske in die Kaffeetasse gefallen: Hier stand in fetten Lettern, dass bereits 110.000 Österreicher erkrankt sind. Ist mir da etwas entgangen? Hätte man sich die Mühe gemacht, nicht nur die zwei Zeilen auf der Titelseite zu lesen, sondern auch die ausführliche Berichterstattung zur Corona-Seuche im Blattinneren (drei Zeilen), so wäre klar gewesen, dass es sich dabei um die Gesamtanzahl der hierzulande an Grippe, grippalem Infekt und Schnupfen erkrankten Personen handelt. Beruhigt konnte ich die Maske wieder aus dem Kaffee fischen, um sie erneut zu verwenden. Schließlich sind sie mittlerweile ausverkauft, sodass die besorgten Konsumenten auch auf Horror-Clown-Masken zurückgreifen. Zum Glück ist gerade Fasching.

Es ist nicht einfach, die Balance zwischen seriöser Berichterstattung und seriöser Panikmache zu finden. Auch die Ärzte Woche muss aktuell informieren, öffentlich-rechtliche Medien zeigen Sondersendungen, zugegeben, auch im Ö1-Radiodoktor haben wir darüber berichtet. Die Übung gelingt meist nicht, denn bereits die Aussage, dass Panik nicht angezeigt sei, genügt, um veritable Panik zu verursachen.

Obwohl Influenza und Co. in Österreich jährlich für rund 2.000 Todesfälle verantwortlich zeichnen, blickt man angsterfüllt gegen Osten, hat doch die WHO den globalen Gesundheitsnotstand ausgerufen. Dass nun auch ein Kreuzfahrtschiff mit 7.000 Touristen an Bord wegen eines Corona-Verdachtsfalles vor der italienischen Küste unter Quarantäne gestellt wurde, bewegt die Bevölkerung mehr, als die Frage, was zum Teufel 7.000 Menschen auf einem einzigen Schiff zu suchen haben.

Man sieht Bilder von Ärzten in Schutzkleidung, Patienten auf Intensivstationen, eine chinesische Flugbegleiterin und ein Spital im 10. Bezirk in Wien. Die Seuche ist also da. Personen, die nach dem Besuch eines Chinarestaurants einmal Husten, melden sich bei den Behörden, Menschen entsorgen ihre Corona-Bier-Vorräte und stornieren ihre Termine für die „Corona“-Angiografie. Dafür wird empfohlen, sich gegen Grippe impfen zu lassen. Das hilft zwar nicht gegen das Corona-Virus, aber man will ja nicht nur untätig herumstehen. Daher auch mein Tipp für diese schwere Zeit: Meiden Sie alles!

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