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Ärzte Woche

25.01.2021 | Systemischer Lupus erythematodes SLE | Ausgabe 4/2021

Hollywoodstar Ian Harding

Lupus: Ein „bad celebrity“ der auszog, um Gutes zu tun

Autor:
Karina Sturm

Hollywoodstar Ian Harding ist Schauspieler, Autor und passionierter Aktivist für die Lupus-Community. Für seine Rolle als Ezra Fitz in der US-Serie Pretty Little Liars erhielt Ian sieben Teen Choice Awards. Privat steht der 34-Jährige eher ungern im Rampenlicht. In seiner Freizeit unterstützt Ian Organisationen, die sich für chronisch kranke Menschen einsetzen oder verbringt Zeit in der Natur. Als die Journalistin Karina Sturm Ian Harding trifft, spricht sie mit ihm über seine Kindheit in Deutschland, seine Schauspielkarriere, seinen Aktivismus für die Lupus Foundation in Amerika und seine Zukunftspläne.

Es ist ein trüber, kalter Samstagnachmittag. Ich sitze an meinem Esstisch in Chicago vor einer tristen, beigen Wand und wische mit meinen Fingern zum wiederholten Mal über meine dunklen Augenringe, die über die Zoomkamera noch dominanter wirken als im Badezimmerspiegel. Pünktlich auf die Minute tritt Ian dem Meeting bei. Bei angenehmen 20 Grad und Sonnenschein sitzt er auf seiner Couch in LA, die Haare strubbelig, der Bart unrasiert – in seinem Pyjama wie er mir sofort erzählt. Auch ich habe mich ganz in meiner Coronatracht gekleidet und trage eine Bluse zu meinen bequemen Jogginghosen.

Ian mustert mich aufmerksam. Anstatt der typischen amerikanischen Floskel „How are you?“ fragt Ian: „Wie geht es dir heute mit den Schmerzen?“ Er erinnert sich an unser letztes Gespräch wenige Tage zuvor, in dem ich zugab, schmerztechnisch eine eher schwierige Woche zu haben. Ian entgegnet mit einem: „Das tut mir sehr leid zu hören. Gibt es einen speziellen Grund dafür?“

Und bevor ich es realisiere, spreche ich über meine Periode und wie der weibliche Zyklus meine chronischen Schmerzen beeinflusst. Das Eis ist gebrochen, als Ian erklärt, was er alles über Menstruation und weibliche Hormone weiß.

Genau wie bei unserem ersten virtuellen Treffen, rückt Ian mich in den Fokus, bevor wir mit dem Gespräch fortfahren. „Ich liebe es, andere Menschen zu interviewen, weil ich nicht ständig nur über mich reden will. Viel mehr interessiert mich, was du zu sagen hast“, sagt Ian.

Ian Harding wuchs in Heidelberg als Sohn einer amerikanischen Militär-Familie auf. „Immer wenn ich jemanden aus Deutschland treffe und das herauskommt, sehe ich Augen vor Freude strahlen. Wenn ich dann aber erzähle, dass ich mit drei Jahren schon in die USA umgezogen bin und kaum einen zusammenhängenden deutschen Satz sagen kann, dann sind sie enttäuscht“, erklärt Ian. Er untertreibt ein bisschen, wie er mir kurz darauf demonstriert: „Ich möchte ein großes Bier, bitte“, sagt er, als ich ihm ein schlechtes Gewissen mache, dass er nicht einmal ein Bier bestellen kann. „Ein Schwarzbier, Hefeweizen, Weißbier, Weiß mit Schuss Schnaps,“ fährt er fort.

Als Dreijähriger zog Ian in die USA und bereits damals entdeckte er seine Leidenschaft für die Schauspielerei. „Ich habe immer irgendwie geschauspielert. Während ich aufwuchs, wollte ich jeden Monat etwas anderes sein; verschiedene Karrieren haben. Und dann habe ich mir vorgestellt, wie es wäre in der jeweiligen Rolle zu leben.“ Ein Navy SEAL sein stand weit oben auf der Liste der Wunschjobs. Obwohl Ian, wie er von sich selbst sagt, als Softy wohl wenig Chancen gehabt hätte.

Raus aus der Komfortzone

Wenig später studiert der Amerikaner Schauspielerei und dümpelt stundenlang als Qualle im imaginären Meer. „Eine Qualle zu spielen war super. Mein Lehrer erklärte mir, dass dieses spezielle Projekt mich aus meiner Komfortzone bringen sollte und das tat es auch“, erklärt Ian.

Als frisch gebackener Graduierter, bewirbt er sich um die Rolle des Ezra Fitz in der US Show Pretty Little Liars und zu seiner Überraschung bekommt er diese auch. Plötzlich findet er sich in LA s Grove , einem Einkaufszentrum, vor kreischenden Teenagern wieder. „Ich war gerade auf dem Weg mein Abendessen in einem Restaurant abzuholen, als ich plötzlich Schreie hörte. Wenig später realisierte ich, dass die jungen Mädchen wegen mir kreischten. So fing alles an. Und zack, sind wir hier.“ Ian spielt „Amerikas beliebtesten Pädophilen“, wie er seine Rolle in Pretty Little Liars nennt, für sieben Jahre und gewinnt währenddessen sieben Teen Choice Awards.

Sich selbst beschreibt Ian als ‚bad celebrity‘. Er liebt seinen Job, aber ist kein großer Fan von all dem Trubel um seine Person. Generell postet Ian nur ungern Bilder auf sozialen Netzwerken und mag auch nicht fotografiert werden. Als ich ihn nach Porträts für diesen Artikel frage, schickt er mir Screenshots von Bildern, die er online von sich gefunden hat.

Er ist allerdings auch nicht bekannt genug, um ständig von Paparazzis verfolgt zu werden, erklärt er. An eine Ausnahme erinnert Ian sich jedoch lebhaft. „Ich war gerade auf einem Event und gehe nach draußen, als ein Paparazzi Fotos von mir macht. Ich konnte nicht anders, als zu fragen: ‚Ist das gerade eine besonders ruhige Nacht, oder warum machst du Bilder von mir?‘ Der Paparazzi erwiderte: ‚Nicht wirklich, aber kommt da vielleicht noch eine berühmte Person raus?‘

Einsatz für die Lupus Foundation

Dieses „Glück“ bekannt zu sein, wie Ian es nennt, war einer von vielen Gründen, warum er sich seit Beginn seiner Karriere für die amerikanische Lupus Foundation einsetzt. „Die Welt, in der ich lebte, fühlte sich für mich so seltsam an. Ich wurde dafür bezahlt, dass ich einen Tag lang arbeitete, während meine Mutter, die eine chronische Krankheit hat und zusätzlich Kapitän der US Navy war, nicht annähernd so viel verdiente wie ich.“ Ians Mutter lebt seit Jahrzehnten mit Lupus erythematodes. Lange war ihm nicht klar, was Lupus genau bedeutet, bis er im College durch Zufall mit der harten Realität konfrontiert wurde. „Da gab es diesen einen Moment, in dem mir die Schwere ihrer Diagnose klar wurde“, erklärt Ian. Ein Klassenkamerad bemerkte Ians Lupus-Armband, das er am Handgelenk trug und fragte: „Kennst du jemandem mit Lupus?“ Ian reagierte: „Ja, meine Mama lebt mit der Krankheit. Kennst du auch jemanden, der Lupus hat?“ „Ich kannte jemanden“, antwortet dieser. „Vergangenheitsform“, sagt Ian.

Als ich ihn frage, inwiefern die Erkrankung seiner Mutter seine Weltanschauung verändert hat, lacht er und sagt: „Versteh‘ mich nicht falsch. Ich habe sicher nicht wie ein Mönch gelebt. Ich habe nicht in einer Hütte geschlafen, ein gebrauchtes Fahrrad gefahren und mein ganzes Geld an wohltätige Zwecke gespendet. Aber ja, ich hatte eine andere Perspektive. Ich hatte immer diesen Gedanken im Hinterkopf, dass heute ein schlechter Tag für sie sein könnte, wegen dieser Krankheit, die man von außen nicht sehen kann“, sagt Ian.

Einsatz gegen Ignoranz

Der Schauspieler sammelt nicht nur Spenden für die Lupus-Forschung, auch in seinem privaten Umfeld kämpft er gegen Ignoranz und Unverständnis in Bezug auf chronisch Kranke und Menschen mit Behinderungen. „Egal ob wir über Menschen mit chronischen Krankheit oder über Misogynie sprechen: Ich sehe es als meine Pflicht, die Person zu sein, die diese Community unterstützt und nicht die Person, die das Problem nur noch verschärft. Oft stelle ich fest, wenn ich derjenige bin, der die andere Person korrigiert, kommt das auch an“, erklärt Ian.

Und genau diese Mission verflogt der Hollywoodstar auch mit seinem neuesten Projekt: ein Dokumentarfilm über Menschen mit chronischen Krankheiten und Behinderungen, für den Ian nicht nur vor, sondern auch hinter der Kamera stehen will. Zusammen mit dem deutschen Verein Chronisch Cool e. V. ist eine Dokumentation geplant, die Menschen mit unterschiedlichen chronischen Krankheiten in verschiedenen Ländern porträtiert.

Die Darstellung von Menschen mit Behinderungen in den Medien ist oft stereotypisch und darauf ausgelegt, die behinderten Personen entweder als Opfer zu zeigen oder deren ganz alltägliche Leben so darzustellen, dass diese für nicht-behinderte inspirierend sind – „Inspiration Porn“. Ian möchte genau das vermeiden. „Wir wollen alle Nuancen davon zeigen, wie es ist mit einer chronischen Krankheit zu leben. Und vieles davon wird nicht happy und inspirierend sein“, erklärt der Schauspieler. Ians Zukunftspläne drehen sich hauptsächlich um seine Arbeit mit und für chronisch Kranke. Ich verlasse das Gespräch mit dem Gefühl, dass Ian alles, was er anpackt, aus Überzeugung und mit Leidenschaft tut – seine Schauspielerei, die Lupus Advocacy und ein alltägliches Gespräch mit Fremden.

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