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Ärzte Woche

25.03.2019 | Neurochirurgie | Ausgabe 13/2019

Serie "Weltraummedizin"

Lothaller: „Ich würde sofort zum Mars fliegen“

Autor:
Mit Clemens Lothaller hatRaoul Mazhar gesprochen

Die erste und bislang einzige heimische bemannte Weltraummission war die gemeinsam mit der Sowjetunion durchgeführte Austromir 91 vom 2. bis zum 10. Oktober 1991. Das Gesicht der Mission wurde aus österreichischer Sicht Franz Viehböck. Es hätte ein anderes sein können, nämlich jenes des Mediziners Dr. Clemens Lothaller, der dasselbe Programm im sowjetischen Sternenstädtchen abspulte wie sein Freund und dennoch nur zusah, wie der andere in den Orbit flog. Trotzdem ist Lothaller dankbar für die gemachten Erfahrungen.

Sie waren fast im Weltraum und haben das komplette Trainingsprogramm eines Kosmonauten durchlaufen. Haben Sie damit abgeschlossen, oder sind Sie an der Weltraumforschung interessiert?

Lothaller: Ich bin bis heute mit Franz Viehböck verbunden. Wir haben viel Zeit miteinander verbracht und sehen uns hin und wieder. Vor zwei oder drei Jahren waren wir das bislang letzte Mal im Sternenstädtchen nahe Moskau, unserem damaligen Ausbildungszentrum. Das war spannend, weil sich kaum etwas verändert hat, das sieht aus wie zu sowjetischen Zeiten. Die Simulatoren und ähnliche Einrichtungen sind an denselben Stätten, selbst die Ärzteschaft arbeitet in baufälligen Häusern, die schon zu Sowjet-Zeiten furchtbar ausschauten. Ich weiß nicht, wie ich das bezeichnen soll: Schlimm? Lustig? Am ehesten skurril, weil das ja ein Zentrum der internationalen Weltraumforschung ist. Heute trainieren die Amerikaner dort, da sie derzeit keine eigene Weltraumfähre haben.

Wir trafen also einige Kosmonauten von damals, etwa Alexander Wolkow, der im Oktober 1991 Kommandant der Weltraumstation Mir war. Mit dabei Alexej Leonow, einst Leiter des Sternenstädtchens und eine Legende, er unternahm 1965 nichts Geringeres als den ersten Weltraumspaziergang.

Als wir dann beim Abendessen sitzen und über vergangene Zeiten sprechen, klingelt das Handy vom Sascha Wolkow und dran ist sein Sohn, der auf der Internationalen Raumstation ISS im Orbit kreist und sich über WhatsApp meldet. Da hat man weinige Minuten zum Reden, weil die ISS ja rasch vorbeifliegt. Nach etwa anderthalb Stunden ist der Junior dann wieder über uns und schickt ein Foto: Moskau von oben. Das führte mir vor Augen, dass zwar vieles beim Alten geblieben ist, anderes sich aber komplett gewandelt hat.

Es gibt ja kaum etwas, was die Zukunftsforschung mehr repräsentiert als die Erforschung des Weltalls. Dennoch wird heute weniger Geld investiert. Woran mangelt es? An Geld oder am Interesse?

Lothaller: Als der Franz Viehböck und ich uns für das Abenteuer rüsteten, war die Rivalität zwischen den USA und der Sowjetunion spürbar. Da pumpten beide Supermächte enorme Summen in die Weltraumforschung, auch aus militärischen Gründen. Heute gibt es keinen Wettlauf mehr, der einst die Amerikaner angetrieben hat, unter allen Bedingungen zuerst auf dem Mond zu landen. Wer als erster den Mars erreicht, ist hingegen kaum Thema. Es herrscht die Meinung vor, man möge das Geld doch bitte für andere Sachen ausgeben.

Es werden kaum noch ambitionierte Raumfahrtprogramme entworfen ...

Lothaller: Ja, den Pioniergeist von damals gibt es mittlerweile nur auf privater Ebene. Erst kürzlich wurde ja ein Tesla Roadster in den Weltraum geschickt, mit einem David-Bowie-Lied in der Endlosschleife. Das ist zwar crazy, aber solche Dinge sind lässig. Da die nationalen Organisationen nur am Sparen sind, werden in Zukunft private Initiativen das Geschehen im All bestimmen.

Wo stehen die Europäer in diesem Gefüge?

Lothaller: Wir sind mittendrin, wenn es um unbemannte Projekte geht. Hier punkten auch heimische Initiativen, da sind immer wieder Teile ‚made in Austria‘, wenn die ESA etwas in den Weltraum schießt. Explizit fällt mir hier die Joanneum Forschungsgesellschaft in Graz ein.

Aber auf dem bemannten Sektor hat Österreich nichts zu melden. Ich selbst wäre gerne der ESA beigetreten, aber die haben mir deutlich gesagt, dass unser Land wenig zahlt. So werden Astronauten aus Frankreich, Deutschland und Italien bevorzugt, da diese Nationen die ESA finanziell am Leben halten.

Aber Sie haben Erfahrung, quasi eine Expertise aufgebaut. Ist die hierzulande nicht gefragt? Werden Sie zu irgendwelchen Projekten herangezogen?

Lothaller: Nein, überhaupt nicht. Franz und ich haben fliegen gelernt und wie eine Raumstation funktioniert. Solche Dinge halt. Nach dem ersten Flug hat die Republik aber beschlossen, dass kein weiterer bemannter Flug finanziert wird. Das ist Pech. Als Deutscher wäre ich längst nach oben geschossen worden.

: Können Sie sich erinnern, für welche Forschungen im All Sie persönlich eingeteilt waren?

Lothaller: Ja, das steht noch heute im Internet. Die meisten Experimente waren medizinischer Natur, von 15 waren das elf oder zwölf, wobei ein Großteil in eine neurologische Richtung ging. Die hießen dann Motomir und Modimir, alle mit -mir am Schluss. Besonders interessant fand ich ein Fitnessgerät des Universitätssportinstitutes Wien, mit dem man Arme und Beine im Weltraum fit halten konnte. Man vergleicht ja den Zustand der Schwerelosigkeit mit einem Patienten im Langzeitkoma.

Sie sind Neurochirurg. Zufall? Oder sind Sie aufgrund des Kosmonautentrainings bewusst in diese Richtung gegangen?

Lothaller: Es hat mich in der Medizin, neben dem Naturwissenschaftlichen, immer schon das Technische angezogen. Schauen Sie sich die computerassistierte Neurochirurgie an, dann verstehen Sie, warum ich dort zwangsläufig landete.

Ich kam 1995 ins Donauspital. Dort erhielten wir das erste Neuronavigationsgerät, das uns bei Hirnoperationen millimetergenau zeigt, wo wir das Skalpell ansetzen. Im Prinzip funktioniert das wie das GPS-System, nur dass wir keine Satelliten im Kopf haben, sondern Infrarotkameras. Für mich extrem faszinierend!

: Wenn Sie bestimmen könnten, welche Experimente oben bevorzugt werden, wohin würde es da gehen?

Lothaller: Ich glaube, es wäre reizvoll, zum Mars zu fliegen. Auch wenn es scheinbar keinen Grund dafür gibt. Aber es hat auch keinen gegeben, als man auf den Mount Everest stieg oder den Südpol erreichte. Ich glaube, das wäre ein faszinierendes, vielleicht die Menschheit vereinendes, klar definiertes Projekt.

Dabei sind bei einem so einen langen Flug die Hürden ebenso vielfältig wie herausfordernd. Da fliegt man etliche Monate hin, bleibt drei dort und muss den ganzen Weg wieder zurück. Allein was man an kosmischen Strahlen ausgesetzt ist! Außerdem die Frage der körperlichen Fitness. Wir müssten herausfinden, wie man Knochen- und Muskelstruktur trotz relativer Untätigkeit erhält.

Eine Herausforderung wäre die psychologische Komponente: Wie beschäftigt man die Crew, wie setzt man die Teams zusammen? Ich habe nach meinem Russlandaufenthalt bei einem psychologischen Experiment der ESA mitgemacht und wurde drei Monate mit einem Holländer, einer Schwedin und einem Franzosen isoliert. Ein Ergebnis solcher Tests ist, dass Männer dazu tendieren, aggressiv zu werden, und es daher günstig ist, Frauen an Bord zu haben. Man kann beobachten, dass fast immer mindestens eine Frau auf der Internationalen Raumstation residiert. Zumindest das haben wir kapiert.

Wie haben Sie sich beim Ausstieg dieses Experiments gefühlt?

Lothaller: Das wurde damals von der Deutschen Gesellschaft für Luft- und Raumfahrt in Köln organisiert. Insgesamt standen uns bei einer Grundfläche von 30 Quadratmetern nur ein Stahlzylinder und ein zweiter Container, die dort für Taucherdekompression verwendet wurden, zur Verfügung. Wir hatten genügend zu essen und zu trinken, aber kein Fenster nach außen und ausschließlich künstliches Licht. Woran ich mich beim Ausstieg in erster Linie erinnere, ist, dass ich plötzlich vier, fünf Meter in die ‚Ferne‘ schauen konnte. Das war seltsam, das hat mich mitgenommen!

Wenn ein Angebot käme – würden Sie den Flug zum Mars wagen?

Lothaller: Sofort! Mal abgesehen davon, dass mich keiner fragt, würde mich das reizen. Unlängst hat irgendein privater Veranstalter im Internet nach Leuten gesucht, die an so einer Mission teilnehmen. Für eine One-Way-Expedition! Also nur hin und nie wieder zurück. Da haben sich etliche beworben. Das ist komplett verrückt! Jemand, der sich für so etwas hergibt, den kann man gleich wieder rauswerfen. Die haben geschrieben: ‚Das wäre gut für Ihre Depression.‘

Es heißt, dass sich das amerikanische und russische Raumfahrtprogramm vor allem in einer Sache unterscheidet: Während die Amerikaner immer auf die neueste Technik setzen, schwören die Russen auf Bewährtes. Haben Sie das damals ebenfalls so empfunden?

Lothaller: Ja, absolut. Wir haben die Amerikaner, also die Shuttle-Astronauten, getroffen, und da haben sich genau diese Gegensätze offenbart. Franz und ich hatten bei den Sowjets ein automatisches System mit Entfernungsmessern und Schubdüsen, mithilfe dessen das Raumschiff

Diese Einstellung zog sich durch das gesamte Programm. Ein Raketenkonstrukteur hat uns einmal die Energija erklärt. Das war die größte Trägerrakete, die jemals gebaut wurde. Der Ingenieur erzählte, er habe so viel Schub in den drei Stufen, dass es egal ist, wenn beim Abschuss ein Teil ausfällt, weil genug Schub verbleibt. Dann ist der Orbit eben nicht auf 600 Kilometer Höhe, sondern nur auf 450. Aber den Countdown abbrechen? Niemals! Wenn bei den Amerikanern ein kleines Ventil pfeift, wird sofort der Start abgesagt, deswegen haben sie ständig Verschiebungen. Bei den Russen gibt es so etwas nicht, die fliegen einfach. Das ist wie bei den russischen Autos, die gingen ununterbrochen kaputt, aber jeder Russe war imstande, sie selbst zu reparieren.

Inwiefern beeinflussen die Erfahrungen von damals Sie im privaten Leben und im klinischen Alltag?

Lothaller: Es war bei der Ausbildung schwierig, alles einzuüben, die vielen Details – und das auch noch auf Russisch. Was ich damals gelernt habe, war, Ausdauer und Geduld zu haben. Im mentalen und physischen Bereich. Ich habe mir Disziplin angeeignet, die es mir ermöglicht, selbst bei größten Widrigkeiten und Widerständen etwas zu Ende bringen. Das hilft mir heute bei den Operationen, denn da muss man oft beharrlich sein, dranbleiben und mitunter Flexibilität beweisen.

Werden Sie von Patienten erkannt?

Lothaller: Ja, da höre ich manchmal lustige Meldungen. ‚Der Name sagt mir was.‘ Oder: Sind Sie verwandt mit dem, der auf dem Mond war?‘ Solche Wuchteln kommen hin und wieder. Da weiß man, in irgendeine Richtung fängt das Gegenüber mit dem Namen etwas an, aber durchblickt hat er es nicht.

Sie sagten, mit Franz Viehböck verbindet Sie eine Freundschaft, dabei waren Sie Konkurrenten. Es war ja von Anfang an klar, dass nur einer fliegen darf. War das nicht eine Belastung für eine Freundschaft?

Lothaller: Das ist wie bei Sportlern, die auch Freunde sind und nur im Wettbewerb Rivalen. Bei uns war das so. Wir haben zwei Jahre miteinander trainiert und gewohnt, dabei hat uns viel verbunden. Wir waren Freunde, es hat sich keiner je eine Blöße gegeben. In der Ausbildung hat jeder geschaut, dass er alle Prüfungen schafft. Außerdem hieß es damals, nur einer wird jetzt fliegen, doch der andere zwei Jahre später. Ich dachte, mir ist es egal, ob ich der Erste oder der Zweite bin.

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