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16.10.2022

Malen mit Mikroben

verfasst von: Susanne Krejsa MacManus

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Beim Agar-Art-Wettbewerb geht es ums kreative Gestalten mit Mikroorganismen. Mit Bakterien und Pilzen zu zeichnen, erfordert neben der Kenntnis der Materialeigenschaften auch ein genaues Timing, damit die verschiedenen Komponenten zum rechten Zeitpunkt zum erhofften „Gemälde“ zusammenwachsen.

Der Altmeister der Mikroben-Malerei trug einen großen Namen: Alexander Fleming (1881-1955), Entdecker des Penizillins, nebenbei Mitglied des renommierten Chelsea Künstlerclubs. Es ist nicht bekannt, wie er auf die Idee kam, seine Wasserfarben gegen die Verwendung verschiedener Pigmentierungen und Wuchsformen von Einzellern einzutauschen.

Seine „Werke“ wirkten simpel, geradezu kindlich: Ballerinas, Häuser, Soldaten, Boxkämpfer, stillende Mütter. Eine kleine Ausstellung, die er in seinem Labor am Londoner St. Mary’s Hospital für einen Besuch von Königin Mary gestaltet hatte, stieß auf wenig Begeisterung, eher auf royales Grausen, obwohl er sogar die Nationalfahne des Vereinigten Königreichs „gezüchtet“ hatte.

Vielleicht war die Beschäftigung mit den vielfältigen Facetten der Mikroben sogar der Augenöffner, durch den er den Einfluss eines eingedrungenen Schimmelpilzes in seine Petrischale mit Staphylokokken erkannte und auswertete?

Die Schönheit des Schimmelpilzes


Seither ist Mikrobial Art zu einer eigenen Kunstrichtung geworden. Schöpfungen in ungeahnter Vielfalt und Perfektion erfreuen uns, jedes Jahr nehmen immer mehr kreative Wissenschafter aber auch Laien am ASM-Wettbewerb teil. Waren es zu Beginn (2015) immerhin 83 Einsendungen in 5 Kategorien, so beteiligten sich im Jahr 2021 bereits 323 Teilnehmer aus 31 Ländern. Mit dieser Aktion soll der Öffentlichkeit die Welt der Mikroorganismen in ihrer Vielfalt und Schönheit nähergebracht werden.

Eine Gewinnerin schuf beispielsweise den dreidimensionalen Vulkan „Fu(n)ji-san“ aus einem Agar-Hügel, der mit dem Schimmelpilz Cladosporium cladosporioides beimpft war. Aus seinem Inneren quoll rote Agar-Lava hervor. Der Sand bestand aus Schimmelsporen und die Korallen waren Mikroorganismen, die in einem eingefärbten Agar-Meer wuchsen.

Flemings Pinselschimmelpilz Penicillium chrysogenum (alter Name: P. notatum ) hat auch einen Platz im Werk von Christine Facer Hoffman, britische Hämatologin und Past President der britischen parasitologischen Gesellschaft, gefunden: Bei der Gestaltung ihres großen Landsitzes in Gloucestershire, zwei Stunden nordwestlich von London, bildete sie Naturgesetze und bedeutende Leistungen von Medizin und Naturwissenschaften ab. Auf der Spitze einer der „Sechs Säulen der (wissenschaftlichen) Weisheit“ balancieren zwei überdimensionale rot-weiße Pillenkapseln, die die Entdeckung des Penizillins symbolisieren. Auf der Nachbarsäule steht Schaf Dolly (1996-2003), das erste geklonte Säugetier.

Die wichtige Weiter- und Neuentwicklung von Antibiotika hat die Designerin Anna Lomax als publikumswirksame Licht-Installation für das Wellcome Forschungsinstitut in London umgesetzt. Mit Pillen-Symbolen und dem eingebetteten Schriftzug „Act now“ werden die Passanten in der Euston Road auf das Forschungsvorhaben „Antibiotics save lives – so let’s save our antibiotics“ aufmerksam gemacht. Es geht um die Tatsache, dass und warum die Entwicklung neuer Antibiotika nötig ist. Wenn weiterhin routinemäßige Hüftersatzoperationen oder die Behandlung gewöhnlicher Erkrankungen wie Durchfall, aber auch die Versorgung kleiner Verletzungen erfolgreich sein sollen, muss ein steter Fluss neuer Antibiotika sichergestellt und das Risiko für die Resistenzentwicklung von Keimen minimiert werden. In armen Ländern sterben jährlich Hunderttausende an multiresistenten Infektionen. Dass die Londoner Künstlerin Anna Lomax mit diesem sozial- und gesundheitspolitisch so bedeutenden Projekt beauftragt wurde, war eher ungewöhnlich, arbeitet sie doch für konsumorientierte Unternehmen wie Wetransfer, Apple, British Vogue, Calvin Klein, Hermes und Google.

Bacteriology Illustrated


Ebenfalls „fachfremd“ für Medizinthemen war die britische Textilkünstlerin Susie Freeman, bis sie im Jahr 1998 mit der Ärztin Liz Lee das Projekt Pharmacopoeia gründete. In ihrer Arbeit konzentrieren sie sich auf unser Verhältnis zu medizinischen Behandlungen und animieren uns, unsere eigenen medizinischen und pharmakologischen Erfahrungen und die dabei entstandenen Gefühle bewusst zu machen. Für Susie Freemans Stil sind die durchsichtigen Taschen charakteristisch, eine Technik, die sie während ihres Studiums am Royal College of Art entwickelte. 15.860 Taschen enthält das üppige Kleid „Bacteriology Illustrated“. Dazu zerlegte sie jede Seite des Lehrbuches in 130 Schnipsel, die sie in der richtigen Anordnung einnähte. Das Korsett des Kleides hält das wallende Textilvolumen so zusammen wie der feste Bucheinband die Fülle der Informationen.

Austrian Pharmacopoeia. Das Österreichische Arzneibuch (ÖAB) wird derzeit grundlegend überarbeitet. Dabei werden veraltete Monographien revidiert und neue Monographien entwickelt.

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Metadaten
Titel
Malen mit Mikroben
Publikationsdatum
16.10.2022

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