Skip to main content
main-content

Tipp

Weitere Artikel dieser Ausgabe durch Wischen aufrufen

Ärzte Woche

07.02.2019 | Allgemeine Gynäkologie | Ausgabe 6/2019

Vulvaschmerzen

„Auffällig viele junge Patientinnen betroffen“

Autor:
Mit Angelika Alber hat Sonja Streit gesprochen

Wer unter Vulvodynie leidet, ist tagtäglich mit massiven Schmerzen konfrontiert. Die Expertin Dr. Angelika Alberer informiert über eine nicht sichtbare Erkrankung, die sich massiv auf die Lebensqualität Betroffener auswirken kann und deren Diagnose sich oftmals schwierig gestaltet.

Was versteht man medizinisch unter Vulvodynie?

Alberer: Als Vulvodynie bezeichnet man einen länger als drei Monate andauernden Schmerz im Bereich der Vulva. Laut ISSVD – International Society for the Study of Vulvovaginal Disease – lassen sich Vulvaschmerzen in zwei Gruppen unterteilen: Die erste Gruppe beinhaltet Schmerzsyndrome im Rahmen bestimmter Erkrankungen wie z. B. Infektionen, chronisch entzündliche Hauterkrankungen, Tumoren sowie neurologische Erkrankungen. In der zweiten Gruppe wird der Vulvaschmerz nach Ausschluss spezifischer Erkrankungen und Ursachen als Vulvodynie definiert. Sie ist durch das Fehlen sichtbarer Vulvaveränderungen bei oft massiver Schmerzsymptomatik charakterisiert.

Betrifft dieses Phänomen Frauen aller Altersgruppen?

Alberer: Ja, die Erkrankung betrifft ab der Geschlechtsreife alle Altersklassen, allerdings sind auffällig viele junge Patientinnen zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr betroffen.

Mit welchen Problemen sind die Patientinnen konfrontiert?

Alberer: Frauen mit einer chronischen, therapieresistenten Schmerzsymptomatik im Bereich des äußeren Genitales leiden oft mehrere Jahre, bis die richtige Diagnose gestellt wird. Da herkömmliche Analgetika, wie etwa Substanzen aus der NSAR-Gruppe oder Paracetamol, bei dieser Art von Schmerz nicht helfen, müssen die Patientinnen oft lange quälende Schmerzen ertragen. Das „Hauptproblem“ stellt sicher die oftmals vollkommene Unauffälligkeit des äußeren Genitalbereichs bei der gynäkologische Untersuchung dar, wobei immunhistochemisch aber massive Veränderungen vorliegen können.

Wie wird die Diagnose gestellt?

Alberer: Zunächst ist eine sehr genaue Anamnese notwendig, gefolgt von einer eingehenden klinischen Untersuchung. Die Vulvodynie als umfangreicher Symptomenkomplex kann mehrere Ursachen haben, was eine dementsprechende interdisziplinäre Abklärung erforderlich macht. Im Rahmen dieser Erkrankung kommt es zu einer lokalen Vermehrung von Mastzellen und zu einem teilweise verstärkten Wachstum von teils abnormen Nervenfasern in den betroffenen Arealen. Mastzellen und Hyperinnervierung können immunhistochemisch nachgewiesen werden. Dafür sollte in Lokalanästhesie eine Gewebeprobe mit einer Stanze entnommen und diese in eine pathologische Abteilung oder ein pathologisches Institut übermittelt werden, die oder das über die speziellen Antikörper zum Nachweis einer Vulvodynie verfügt. Für die Entstehung der Symptomatik kann neben den erwähnten Gewebeveränderungen auch die muskuläre Situation des Beckenbodens verantwortlich sein.

Werden bei der Diagnosestellung auch periphere Nerven, zum Beispiel der Nervus pudendus, miteinbezogen?

Alberer: Bei der umfassenden Diagnostik wird selbstverständlich der Nervus pudendus miteinbezogen, eine Pudendusneuralgie zum Beispiel lässt sich relativ gut von einer Vulvodynie abgrenzen.

Inwieweit wirkt sich diese Schmerzform auf den Alltag und das Sexualleben aus?

Alberer: Die Folgen dieser oft jahrelang bestehenden und meist als quälend empfundenen Schmerzen sind teilweise dramatisch, denn zu den starken Schmerzen gesellen sich Schlafstörungen, auch Depressionen kommen häufig vor. Partnerschaften und Ehen gehen zu Bruch, da Intimkontakte für betroffene Frauen zu schmerzhaft sind bzw. ein vaginaler Geschlechtsverkehr nahezu unmöglich ist. Manchen Frauen ist es nicht einmal möglich, Hosen zu tragen, Fahrrad zu fahren, Tampons zu verwenden oder zu sitzen. Manche Patientinnen sind dauerhaft arbeitsunfähig und verlassen das Haus nicht mehr.

Wie kann Vulvodynie behandelt werden?

Alberer: Unter Annahme einer multifaktoriellen Entstehung wird heute ein multimodales, multidisziplinäres, individuelles Therapiekonzept für die jeweilige Patientin empfohlen. Im Rahmen unserer interdisziplinären Vulvaambulanz therapieren wir die Patientin fächerübergreifend. Hier gewährleisten wir einen entsprechenden Zeitrahmen, denn die Diagnostik und das Erstellen dieser entsprechenden individuellen Therapie sind sehr zeit- und personalaufwendig. Ein wesentlicher Schlüssel zum Therapieerfolg ist die Disziplin der Patientinnen bei der Einhaltung der vorgeschlagenen Maßnahmen, weshalb wir diesbezüglich an die Selbstverantwortung appellieren.

Was raten Sie ihren Kollegen in Bezug auf den Umgang mit betroffenen Patientinnen?

Alberer: Die Information über das Krankheitsbild der Vulvodynie steht diesbezüglich sicher an erster Stelle. Der österreichische Verein „VIVE“* unter der Präsidentschaft von Prof. Dr. Sigrid Regauer von der MedUni Graz veranstaltet alle zwei Jahre einen Vulvaworkshop in Graz, in dessen Rahmen Kollegen mehrerer Fachrichtungen über zwei Tage allumfassend über die Vulvodynie unterrichtet werden. Im direkten Umgang mit betroffenen Patientinnen steht für mich fachliche Kompetenz in Kombination mit einem wertschätzenden Umgang in einem möglichst entspannten Umfeld. Die Abklärung und Therapie von Vulvodynie-Patientinnen sind sehr aufwändig, daher empfehle ich, schon bei der Terminierung genügend Zeit anzuberaumen.

* Weitere Informationen:

11. Interdisziplinärer Vulva Workshop, 28. bis 29. September 2019,Medizinische Universität Graz

www.vive.co.at

Empfehlung der Redaktion

17.07.2017 | Gynäkologie und Geburtshilfe | Ausgabe 25/2017

Botox lähmt Intimschmerz

Wiederkehrende Schmerzen der Klitoris, Schamlippen oder Vagina kommen zwar oft vor, werden aber selten richtig zugeordnet. Gegen Vulvodynie hat sich ein Mittel bewährt, das in der Neurologie angewandt wird.

Über diesen Artikel

Weitere Artikel der Ausgabe 6/2019

Bildnachweise