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02.03.2021 | Zahnmedizin | Ausgabe 3/2021

Bequem – und trotzdem nicht sehr angenehm...

Autor:
Sonja Streit

Der Jahreskongress der Österreichischen Gesellschaft für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie (ÖGMKG) fand Ende Jänner aufgrund der derzeit herrschenden Corona-Pandemie zum ersten Mal online statt. Die bewusste Entscheidung gegen eine Präsenzveranstaltung war mit Vor- und Nachteilen verbunden – aber die einzig richtige.

Wären die Umstände andere gewesen, die Österreichische Gesellschaft für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie (ÖGMKG) hätte sich in diesem Jahr in Bad Hofgastein zum 25. Jahreskongress zusammengefunden. Doch aufgrund der momentanen Situation wurde sich für eine reine Onlineveranstaltung entschieden, wie Prof. Dr. Emeka Nkenke, Leiter der MKG-Chirurgie an der Medizinischen Universität Wien und diesjähriger Tagungspräsident, darlegt: „Wir hatten lange gehofft, unseren Jahreskongress als Präsenzveranstaltung über die Bühne bringen zu können, zumal die Infrastruktur zur Verfügung gestanden hätte. Aber unter Berücksichtigung der Verantwortung, die wir tragen und der Vorbildfunktion, die wir haben, war unser Entschluss die logische Konsequenz.“

Zwei Seiten der Medaille

In den letzten Jahren wurde der Jahreskongress immer gut besucht, was auch der Location und dem Rahmenprogramm geschuldet war. „Unsere letzte Präsenzveranstaltung konnte mit 360 Teilnehmern aufwarten“, so Emeka Nkenke. „Mit Bad Hofgastein hatten wir immer einen Veranstaltungsort, der auch außerhalb der Kongresszeiten zu Freizeitaktivitäten und Erholungspausen in wunderbarem Ambiente einlädt. Einer reinen Onlineveranstaltung fehlt natürlich die soziale Komponente.“ Derartige Präsenzveranstaltungen bieten die Gelegenheit, sich zu vernetzen, zu diskutieren und Kollegen aus Österreich und Europa wiederzusehen, die man meist nur einmal im Jahr trifft. Ein klarer Nachteil, vor allem für junge Wissenschaftler und Mediziner.

Allerdings hat diese neue Veranstaltungsform auch gute Seiten, wie Nkenke erläutert: „Der Vorteil eines Onlinekongresses ist, dass man ganz gemütlich von zu Hause aus nach der Arbeitszeit an den Veranstaltungstagen gezielt genau jene Programmpunkte verfolgen kann, die einen am meisten interessieren. Es handelte sich somit um ein sehr angenehmes individuelles Erlebnis.“

Bedauerlich sei allerdings das Wegfallen des sozialen Gemeinschaftserlebnisses, wie zum Bispiel das abendliche Get-Together, das beim Online-Kongress entfällt. Gleichzeitig mache solch eine Veranstaltung auch eine andere Programmplanung notwendig. „Bisher haben wir auf Präsenzkongressen sehr viel Wert darauf gelegt, dass sich jüngere, wissenschaftlich Aktive in Kurzvorträgen präsentieren konnten. Etwas Derartiges ist nicht machbar, wenn das Publikum zu Hause oder auf der Arbeit vor dem PC sitzt. Der schnelle Wechsel der Referenten und Themen macht die Situation mitunter für den Online-Teilnehmer unübersichtlich und verwirrend.“ Werde online alle paar Minuten ein neues komplexes Thema dargelegt, könne man all die Informationen nicht aufnehmen. Aus diesem Grund entschied man sich, die wissenschaftlichen Kurzvorträge zu streichen. Dies sei zwar schlecht für die Entwicklung der Wissenschaft, war aber auf der anderen Seite ein Muss, um den Kongress sinnvoll zu gestalten, so Nkenke.

Aus diesem Grund wurden in erster Linie Vortragende ins Programm integriert, die über große Erfahrung im Fachgebiet verfügen und versierte Redner sind. „Insgesamt hatten sich 220 Teilnehmer angemeldet. Die Sitzungen wurden über alle Kongresstage verteilt konstant von 140 bis 150 Zuschauern frequentiert“, zeigt sich der Tagungspräsident durchaus zufrieden. „Das ist aus meiner Sicht ein sehr gutes Ergebnis, denn auch im Rahmen eines Präsenzkongresses sind die Plätze nicht durchgehend besetzt. Die Zuschauerzahl spricht außerdem für die großartige Qualität der Vorträge und der Referenten.“ Der Experte betonte: „Es war eine ungewöhnliche Situation und für uns alle das erste Mal, dass ein Kongress online stattfinden musste. In Anbetracht dieser außergewöhnlichen Lage haben sich die Referenten sehr gut geschlagen.“

Das fehlende Feedback seitens eines Auditoriums sei immer ein großes Manko beim Online-Vortrag. „Der Vortragende konnte nur sehen, ob die Zuschauer dabei bleiben oder aussteigen. Es waren jedoch so routinierte Sprecher am Werk, dass die Aufmerksamkeit des Publikums nie sank. Natürlich gab es technische Besonderheiten und ganz kurz einmal einen Abbruch, was nicht verwunderlich war. Aber wir mussten nur ein einziges Mal kurzfristig zwei Referenten austauschen, weil einer technische Schwierigkeiten hatte. Ansonsten lief es reibungslos.“

Herausforderungen und Highlights

Neben den erwähnten technischen Besonderheiten, die im Hintergrund dank zweier IT-Spezialisten mit besonderer Erfahrung beim Durchführen von Online-Veranstaltungen problemlos und schnell gelöst werden konnten, war auch hier das Sponsoring ein Thema, das derzeit viele Verantwortliche vor die Frage stellt, ob eine Veranstaltung überhaupt stattfinden kann, wenn sich Firmen nicht im Rahmen von Industrieausstellungen präsentieren können.

Im Falle der Jahrestagung der ÖGMKG waren erfreulicherweise beinahe alle großen Partnerfirmen mit an Bord und hatten die Möglichkeit, sich mittels Vortragsslots und Videos zu präsentieren. „Dafür sind wir sehr dankbar.“, führt Nkenke aus. „Die Industrie ist ein wichtiger Partner und in diesem Jahr fiel die Möglichkeit, einen Stand aufzustellen und das Gespräch mit Teilnehmern zu suchen, um sie über neueste Entwicklungen zu informieren, komplett weg. Dennoch war es für die meisten Firmen keine Frage, sich beim neuen Format einzubringen und mit uns zusammen zu arbeiten. Ein Onlinekongress ist interessanterweise mit denselben Kosten verbunden wie ein Präsenzkongress. Wir benötigten zwar keine Location, mussten dafür aber technisch gewappnet sein und uns fachgerechte Unterstützung holen.“

Das Programm bot sowohl für klinisch Tätige, als auch niedergelassene Experten Interessantes. Der Themenschwerpunkt des Kongresses lag auf der interdisziplinären Zusammenarbeit mit anderen Fächern. Erst diese Zusammenarbeit macht die umfassende Versorgung des MKG-Patienten möglich.

Auch Vorträge zum Einfluss von COVID-19 auf die MKG-Chirurgie wurden präsentiert. „Ich habe das Programm im Frühjahr 2020 zusammengestellt und war mir damals unsicher, ob dieses Thema 2021 wirklich noch aktuell sein wird.“, erklärt Nkenke. „Tatsächlich hat sich gezeigt, dass SARS-CoV-2 für die Teilnehmer höchste Aktualität hatte.“ Die Vortragenden, die darüber sprachen, waren Kollegen aus anderen Fachgebieten, wie der Anästhesist und Intensivmediziner Prof. Dr. Wilfried Ilias, der über „Ambulante Anästhesie unter Corona-Bedingungen“ sprach oder MKG-Kollegen aus anderen europäischen Ländern. „So erhielten wir einen neuen Blickwinkel und bekamen andere Lösungsansätze dargelegt. Es gibt diesbezüglich Aspekte und Tipps, die man selbst umsetzen kann oder Informationen und Ideen, welche zu einem Ergebnis zusammengefasst werden können, das im klinischen Alltag hilft und auf das man alleine nicht gekommen wäre“, zeigt sich Nkenke begeistert.

Ein weiteres Highlight stellten die sogenannten Streitgespräche dar. Im Rahmen dieser werden pointiert Themen beleuchtet und sowohl eine Pro-, als auch eine Kontraseite dargelegt. „In diesem Jahr haben wir uns die Frage gestellt, ob Keramikimplantate Titanimplantaten gleichwertig sind und beleuchtet, ob Virtuelle Operationsplanungen in der MKG-Bereich vom Chirurgen selbst vorgenommen werden sollten oder ob ein Ingenieur hinzugezogen werden sollte“, führt Nkenke aus. Da die Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie ein sehr technikgetriebenes Fach sei und Robotik eine große Rolle spiele, stelle sich immer wieder die Frage, wer die Vorplanung von Operationen am Computer übernehmen sollte, der Operateur oder der Techniker? „Wir können heute patientenspezifisch und patientenindividuell sehr präzise planen. Dennoch stellt sich die Frage, ob die Grenzen in Bezug auf die Behandlungsqualität durch interdisziplinäres Zusammenwirken zwischen Medizin und Technik noch weiter im Sinne der Patienten verschoben werden können. Diese Streitgespräche zeigen verschiedenste Blickwinkel und beleben den Kongress enorm.“

Nächstes Jahr in Innsbruck

Die kommende Jahrestagung wird unter Prof. Kolk aus Innsbruck als neuem Kongresspräsidenten stattfinden, der Themen wie maligne Tumoren, Implantologie und Schmerztherapie auf die Agenda setzen möchte.

Nicht nur Nkenke wünscht sich, dass die nächste Veranstaltung in gewohnter Form stattfinden kann. „Wir streben danach, uns bestmöglich austauschen zu können, wenngleich wir durch den Onlinekongress viel gelernt haben. Vielleicht wird es nächstes Jahr einen Hybridkongress geben, der allerdings technisch auf hohem Niveau stattfinden sollte. Die Referenten müssen vor Ort in einem Studio zusammengebracht werden, um in jeder Hinsicht höchste Qualität liefern und die Zuschauer perfekt unterhalten zu können. Es sollte keine Distanz zwischen den Vortragenden und dem Moderator geben, damit eine Diskussion am runden Tisch ermöglicht werden kann.“ Nichtsdestotrotz sieht der Experte eine Präsenzveranstaltung wie in alten Zeiten als idealste Form der Zusammenkunft an und hofft, dass nächstes Jahr eine solche wieder gefahrlos möglich ist.


„Interaktionen mit jungen Kollegen fehlen gänzlich“

Die mit der Corona-Pandemie einhergehenden Veranstaltungsbeschränkungen wirken sich auch auf Jungmediziner aus, wie die Assistenzärztin und angehende MKG-Chirurgin DDr. Carmen Fischer sagt. Gerade die Möglichkeiten zur Vernetzung bei Präsenzveranstaltungen werden schmerzlich vermisst.

Welche Vorteile hat es Ihrer Meinung nach, dass Veranstaltungen online stattfinden?

Carmen Fischer: Es ist sicherlich von Vorteil, dass man sich die Vorträge überall anschauen oder anhören kann. Ob im Dienst oder zu Hause, es besteht immer die Möglichkeit, kurz oder auch länger teilzunehmen. Die Jahrestagung der ÖGMKG zum Beispiel fand nachmittags und abends statt, was für viele von Vorteil war, die zum Beispiel tagsüber gearbeitet haben.

Wo sehen Sie diesbezüglich Schwächen?

Carmen Fischer: Was ich als Nachteil empfinde, ist das gänzliche Fehlen der Interaktion mit Kollegen aus dem eigenen Fach. Ein Kongress ist ja immer auch ein Vernetzungsort. Zudem finden auf Präsenzveranstaltungen immer auch Industrieveranstaltungen statt. Diese sind meist mit Workshops verknüpft, in deren Rahmen uns praktische Übungsmöglichkeiten offeriert werden. Gerade für uns Assistenzärzte ist es essenziell, sich auszuprobieren, auszutauschen und an solchen Veranstaltungen teilzunehmen. Durch Corona fallen diese Möglichkeiten weg und die soziale Komponente fehlt gänzlich.

Hat sich die Corona-Pandemie auch auf Ihren Arbeitsalltag ausgewirkt und falls ja: In welcher Beziehung?

Carmen Fischer: Der bürokratische und organisatorische Aufwand pro Patient ist immens gestiegen. Hinzu kommt, dass vor allem die chirurgische Ausbildung unter COVID-19 leidet, da die OP-Kapazitäten deutlich reduziert worden sind.
Nebenbei haben wir in der Pandemie auch bemerkt, dass zum Beispiel Gesichtsfrakturen viel mehr durch Freizeitunfälle als durch Schlägereien verursacht worden sind.

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