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14.12.2020 | Tekal | Ausgabe 51-53/2020

Ronny Tekals Kolumne

What a Year! What a Show!

Autor:
Dr. Ronny Tekal, Medizin-Kabarettist

2020 war ein Feuerwerk der Ereignisse und vor allem der Nicht-Ereignisse.

Dieser Tage zieht man traditionell Bilanz, blickt verklärt zurück auf das vergangene Jahr und ignoriert in der weihnachtlichen Glückseligkeit die anstehenden Probleme. Es ist Schonzeit, denn es hat Tradition, die anstehenden Kündigungen nicht vor, sondern erst nach den Feiertagen auszusprechen. Mitarbeiter werden zu festlichen Galas geladen, um ihnen Dank auszusprechen. Man gratuliert einander zu einem gelungenen Jahr, stößt bei der Betriebsweihnachtsfeier darauf an, verspricht, die Belegschaft nicht mit Zahlen zu langweilen, um sie danach mit den herausragenden Zahlen des letzten Jahres zu langweilen und verspricht eine Amnestie für die punschgeschwängerten Ausfälligkeiten.

Heuer ist alles anders. Nicht nur, dass die Weihnachtsfeiern mit den Bilanzreden entfallen, es entfallen auch die Bilanzen. So selig kann man sich gar nicht fühlen, als man die Ereignisse der vergangenen Monate ignorieren könnte. All die Versprechungen, die noch vor einem Jahr unter dem, in Firmenfarben designten Christbaum gemacht wurden, konnten nicht gehalten werden. Wenn man im kommenden Jahr zu den Feierlichkeiten lädt, wird man wohl doppelt so viel versprechen müssen und auch doppelt so viel Punsch trinken.

Rück- und Vorausblicke sind üblich, vermutlich gab es aber 2019 keine einzige Weihnachtsansprache, in der das Wort „Lockdown“ enthalten war. Nur überaus feinsinnige Anhänger von Verschwörungstheorien hätten im „lockigen Haar“ eine Anspielung auf bevorstehende Ereignisse herauslesen können. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob Nostradamus vorausgesehen hat, dass ein Virus von einem chinesischen Wildtiermarkt aus die weltweiten Börsenmärkte lahmlegt. Sicher ist jedoch, dass die praktisch tätigen Astrologen in ihrem Jahresvorausblick genauso wenig den völligen Umsturz der Welt prognostiziert haben wie Börsengurus, Wirtschaftsexperten, Virologen, Epidemiologen und Zukunftsforscher.

Selbst die weltfremdesten Hygieniker hätten nicht einmal im frommsten Traum zu wünschen gewagt, dass die Bevölkerung einander nicht mehr ins Gesicht hustet, Schutzmasken trägt und morgens mit Desinfektionsmittel duscht. Sie zählen sicher zu den Gewinnern dieser Krise, gemeinsam mit allen Branchen, die ihre Produktion rechtzeitig von Luftmatratze auf Schutzanzug umgestellt haben, mit Online- beginnen und mit -shopping, -lieferservice, -konferenzanbieter oder -swingerclub enden. Daraus eine Geschäftsidee zu kreieren erscheint jedoch allzu gewagt, denn die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass die Nachfrage nach Schutzausrüstung sinkt und jene nach Luftmatratzen wieder steigt.

So bleibt für das kommende Jahr zu hoffen, dass es sich 2020 mit seinen Kapriolen ausgetobt hat und 2021 ein wenig sanfter und berechenbarer daherkommt. Das sollte klappen, denn die Menschheit ist sicher besonnener geworden. Die nächsten Wildtiermärkte werden übrigens bereits aufgebaut.

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