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Ärzte Woche

20.08.2019 | Tekal | Ausgabe 29-34/2019

The Summer of ’69

Autor:
Dr. Ronny Tekal

Bilanz eines halben Jahrhunderts.

Jetzt, da ich offiziell fünf Dekaden auf dieser Welt bin, kann ich auch mit einer gewissen Lebenserfahrung aufwarten. Viele Dinge, denen ich in den ersten Jahren unendlich große Wichtigkeit zugeschrieben habe, sind im Nachhinein betrachtet nicht ganz so bedeutend. Ein emotionales Drama, ausgelöst durch ein in den Sand gefallenes Erdbeereis, wirkt aus der Distanz weniger dramatisch.

Ich bin als Kind der 60er, zwei Tage nach der Mondlandung und kurz vor Woodstock auf die Welt gekommen, war jedoch weder auf dem Mond noch bei Woodstock dabei, weil sich das mit dem Mond zeitlich leider nicht ergeben und mir das Line-up beim Woodstock-Konzert nicht zugesagt hat. Dennoch bin ich bereit, als Zeitzeuge herangezogen zu werden.

Die Sommer waren warm, die Kriege kalt und die Welt rückblickend in den Farben unserer orangebraun gestreiften Rollkragenpullover gehalten. Österreich war zu fast 120 Prozent katholisch, die Hauptstadt, die noch nicht Brüssel, sondern Wien hieß, sperrte, bis in die 80er-Jahre hinein um 22 Uhr zu, bis auf Sonntag, dann schon eine Stunde früher. Autos durften tageweise nicht fahren, allerdings aufgrund der Ölkrise und nicht des Klimas, das es damals noch nicht gegeben hat. Man fühlte sich aufgeklärt, Homosexualität war eine zu behandelnde Erkrankung und Frauen mussten ihre Ehemänner um Erlaubnis fragen, wenn sie arbeiten wollten. Die meist männlichen Ärzte empfingen ihre Patienten pfeifenrauchend, Rezepte wurden mit der Hand geschrieben, das Burnout hieß noch Nervenzusammenbruch und AIDS war noch nicht erfunden. Auch nicht MRT oder CT, sodass man sich zwar einen Termin für die Untersuchung geben lassen konnte, allerdings dann einige Jahre warten musste, bis die Geräte fertig gebaut waren. Die Ambulanzen waren aber bereits überfüllt. So fortschrittlich war man also damals schon.

Drohnen waren noch die faulen Männer bei der Biene Maja, Smartphones gab es höchstens in Raumschiff Enterprise und das damals übliche Kommunikationsmittel hieß „Vierteltelefon“, das man sich mit anderen drei Parteien teilen musste. Die verbliebenen 25 Prozent wurden dann unter der Familie aufgeteilt, sodass man als Individuum maximal auf fünf Prozent eines Anschlusses kam. Man hätte eher fliegende Autos für möglich gehalten, als die gesellschaftlichen Veränderungen, die sich durch das Internet, Smartphones und Candy-Crush ergeben würden. Erst kürzlich hat mich mein ältester Sohn von einer Hütte in einem vietnamesischen Reisfeld kontaktiert – per Whatsapp. Es gibt weltweit eher WLAN als sauberes Wasser, was Sinn ergibt, da man sich das Wasser schließlich über Amazon bestellen kann.

Wenn die technischen Entwicklungen so rasant weitergehen, wird man wohl bald Zeitreisen machen können. Ich würde die Möglichkeit gerne wahrnehmen und dem kleinen Ronny die wahre Bedeutung einer verloren gegangenen Kugel Eis für das weitere Leben erklären. Aber wer traut schon jemandem jenseits der 50…

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