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Ärzte Woche

02.12.2020 | Tekal | Ausgabe 49/2020

Nikolockdown

Autor:
Dr. Ronny Tekal, Medizin-Kabarettist

Dieses Jahr dürfen nur Bischöfe mit negativem Corona-Test nach braven Kindern fragen.

Der Geistliche aus Myra hatte es schon mal einfacher. Galt der Nikolo einst als Respektsperson, lassen sich die Kinder heute nicht mehr so leicht täuschen, erkennen am Farbton der Schuhe und am Klingelton des bischöflichen Handys, dass es sich um einen Fake-Nikolo handelt und sicher nicht um einen „guten Mann, dem man nicht genug danken kann“.

Zudem gab es in den vergangenen Jahren hitzige Debatten, ob ein Nikolo in einer multikulturellen, säkularen Gesellschaft überhaupt noch zeitgemäß ist oder es sich beim klerikalen Besuch bei der Kindergruppe „Zu den kleinen Zwergen“ um eine moderne Form eines Mini-Kreuzzuges handelt. Somit wurden mancherorts sowohl Nikolo als auch der despektierliche Name „Zwerg“ aus der Kindergartengruppe entfernt. Die Trennung von Kirche und Krabbelstube war endgültig vollzogen. Auch die fragwürdige pädagogische Wirkung einer Belohnung „braver Kinder“ durch das Rezitieren aus einem datenschutzrechtlich überaus bedenklichen Buch, muss in diesem Zusammenhang erwähnt werden. Hinzu kamen die gesundheitlichen Zweifel, da nicht nur Mandarinen und Nüsse, sondern vor allem götzenhafte Abbilder des Nikolos, in Schokolade gegossen, überreicht wurden. Letztlich stiegen auch die Pensionistenverbände auf die Barrikaden, die im „Old-Facing“ durch einen weißen Bart eine Diskreditierung älterer Mitmenschen sahen. Der Tiefpunkt vorweihnachtlicher Tradition schien gekommen. Doch 2020 hat dem Ganzen noch die Corona aufgesetzt.

Denn nun darf sich der Nikolaus seinen kleinen Kunden aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr nähern. Selbst wenn er, wie angedacht, kontaktlos an den Häusern vorbeizieht, den Kindern zuwinkt und seine Gaben an der Türe hinterlässt, muss das rechtlich gedeckt sein. Hausbesuche mitten im Lockdown sind nicht unproblematisch. Schließlich gehört der im Jahr 270 geborene Nikolo rein altersmäßig zur Risikogruppe. Auch die Frage, ob der Bart den Mundschutz ersetzt oder darunter bzw. darüber zusätzlich eine FFP-2-Maske getragen werden muss, wird zwischen Traditionalisten und Virologen heftig debattiert.

So stapft der tapfere Mann mit Ausnahmebescheid und Krisenstab in der Hand durchs Land zu den frohen und munteren Kindern. Diese dürfen ihm zwar keinen Einlass gewähren, um sich den Strafregisterauszug des vergangenen Jahres persönlich vorlesen zu lassen, dafür können sie dem vorbeiziehenden Nikolo aus dem 14. Stock zuwinken. Das Säckchen mit den Süßigkeiten wird in den darauffolgenden Tagen über Amazon versendet.

Man muss dankbar sein, dass Traditionen auch in solch schwierigen Zeiten gelebt werden können. Allerdings gelten die Ausnahmebestimmungen ausschließlich für den Bischof, nicht jedoch für den Knecht Ruprecht, der einen eigenen Antrag stellen muss und nur alternierend zum Nikolo auf Besuch kommen darf. Im nächsten Jahr besucht uns also nur der Krampus. Aber mittlerweile kann uns eigentlich ohnehin nichts mehr erschüttern.

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