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15.04.2021 | Tekal

Milde Schule

Autor:
Dr. Ronny Tekal

Soll auch ein positiver Corona-Test in die Maturanote einfließen?

Wenn es jemand in dieser Krise schwer hat, dann doch wohl die Jungen. Und die ganz Alten. Und die Wirte. Und die Künstler. Und all jene Virologen, die vor der Pandemie aufs falsche Pferd gesetzt, umgesattelt und ein Institut für Bakteriologie eröffnet haben. Bleiben wir aber bei den Jungen. Schließlich sind viele seit mehr als einem Jahr im Home-Schooling, Home-Universityling und Home-Lehrling nicht aus ihren Kinderzimmern rausgekommen.

Zu meiner Schulzeit verstand man unter Distance Learning noch das schlafende Mitverfolgen des Unterrichts von der Eselsbank aus. Heute ist der Fernunterricht via Computer gelebte Normalität. Statt „Pass auf“ heißt es „Kamera an“, unangenehme Fragen weicht man mit „Mikro ist kaputt“ leicht aus, Musikpädagogen singen in den virtuellen Raum einer desinteressierten Zuhörerschaft hinein, Chemielehrer mühen sich ab, in ihrer Küche die Reaktion von Schwefelsäure mit Mürbteig zu demonstrieren und ambitionierte Leibeserzieher ersetzen die abgesagte Sportwoche durch die Aufforderung an die Schüler, die Jalousien hochzukurbeln, um nach Monaten wieder einmal den Himmel zu sehen. Die Multitaskingfähigkeit der Jungen wird zweifelsfrei gefestigt, wenn neben dem Englischunterricht gefrühstückt, geduscht und ein Netflix-Staffel geschaut werden kann.

Nun stehen die Jahreszeugnisse, die Abschlüsse und Reifeprüfungen ins Haus und man ist seitens der Schulbehörden etwas ratlos, wie man das Semester halbwegs unbeschadet rüberbringt. Von „Kriegsmatura“ ist da die Rede und man fürchtet eine Generation von Architekten und Ärzten, die einen Jambus von einem Trochäus nicht zu unterscheiden vermag.

Auch ich sehe es mit großer Sorge, wenn die kommende Generation es nicht zustande bringt, beim Integrieren den Parameter Alpha durch einen neuen Exponenten zu teilen. Mit größerer Sorge sehe ich es allerdings, dass ich das angeblich selbst auch einmal konnte, mich aber nicht einmal im Ansatz daran erinnern kann. Wahrscheinlich ist das die Nebenwirkung der Impfung. Wir mussten schließlich noch die Bürgschaft auswendig lernen und noch heute weiß ich, was Damon mit dem Dolche im Gewande vom finsteren Wüterich wollte, auch wenn ich dieses Wissen noch nie gewinnbringend einsetzten konnte.

Es ist eine Zwickmühle. Zum einen möchte man dem Nachwuchs nichts schenken. Denn das würde die jahrelange Schulung konterkarieren, dass einem im Leben nichts geschenkt wird. Man könnte aber die Jahresabschlussnoten auch nur verborgen. Sie bleiben im Besitz des Unterrichtsministeriums und können jederzeit mit Mahnspesen und Verzugszinsen zurückverlangt werden. Dies wäre eine adäquatere Vorbereitung auf die beinharte Realität.

Ich denke aber, die Schulabgänger werden den versäumten Stoff in ihrem Leben kompensieren können. Es geht manchmal auch ohne unangekündigte Stundenwiederholungen, Klassenbucheinträge und Zweierreihen. Aber eine Schwammschlacht macht alleine auch keinen Spaß.

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