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Ärzte Woche

07.10.2019 | Tekal | Ausgabe 41/2019

Gut und grantig

Autor:
Dr. Ronny Tekal, Medizin-Kabarettist

Lebensqualität und Freundlichkeit sind zwei Paar Schuhe.

Wien ist – laut Studie – unter den Top 10 der beliebtesten Städte, oder gar auf Platz eins der lebenswertesten Metropolen. Interessanterweise ist die Bundeshauptstadt im Ranking der „unfreundlichsten“ Städte ebenfalls ganz vorne dabei, gerade mal von Paris geschlagen, was den Stellenwert höflichen Zusammenlebens ein wenig relativiert. Dort spricht man übrigens vom „Paris-Syndrom“ (das gibt es wirklich), bei dem Touristen, durch die Kluft zwischen erwartetem Savoir vivre und realer französischer Misanthropie, in eine psychische Krise stürzen.

Doch wie geht das in Wien zusammen? Denkt sich der durchschnittliche Tourist: „Ich werde als Ausländer zwar angepöbelt, aber in unglaublich schönem Ambiente. Mozartklänge übertönen grantelnde Bewohner, der Duft von Paniertem übertüncht den Stunk und auch wenn man in unfreundliche Gesichter blicken muss, so geht das zumindest klimaschonend im hervorragenden Netz öffentlicher Verkehrsmittel.

Das erinnert ein wenig an die Bewertungen, die Krankenanstalten von ihren designiert entlassenen Patienten einfordern. Sie lesen sich oft wie eine Lobeshymne, eine Huldigung fachkompetenter und menschlicher Betreuung. In vielen Fällen höchst verdient und zurecht, aber bei weitem nicht im Ausmaß jener „120 Prozent Zufriedenheitsquote“, mit denen Institutionen gerne werben.

Haben wir es hier mit einem Wien-Phänomen zu tun, wo die Faktoren „Sauberkeit“, „Luftqualität“ oder „geringe Kriminalitätsrate“ höher eingestuft werden als so profane Dinge wie Freundlichkeit? Natürlich ist es von Vorteil, wenn eine Klinik über ein gewisses Maß an Hygiene verfügt, es nicht sonderlich stinkt und man nicht fürchten muss, vom nachtdiensthabenden Arzt seines Vertrauens ausgeraubt zu werden. Doch bemerkenswert ist es schon, wenn im Wartebereich der Ambulanz die Kundenbetreuung, vorsichtig formuliert, stark verbesserungswürdig ist, die Feedback-Bögen jedoch eine ganz andere Sprache sprechen. Vermutlich sind die meisten Patienten im Nachhinein froh, überhaupt dran genommen worden zu sein und scheinen, in einer Art retrograder Amnesie, die Unbill vergangener Stunden vergessen zu haben. Hauptsache gesund – oder zumindest mit einer neuen, vielversprechenden Salbe auf dem Weg zur Heilung.

Vielleicht hält sich die Erwartungshaltung in Grenzen, sodass man bei einem Mangel an Kooperationsbereitschaft gar nicht überrascht ist. Das ist eine gute Basis für hohe Zufriedenheit. Glaubt man den Glücksforschern, so scheint es ein verlässlicher Quell von Glücksempfinden zu sein, wenn sich Dinge unerwartet positiv entwickeln. So sollten sich Patienten beim nächsten Besuch auf der Unfallambulanz prinzipiell von idealen Vorstellungen zu Dr. Dreamy verabschieden. Damit man nicht zusätzlich zum gebrochenen Knöchel sein Paris-Syndrom behandeln lassen muss.

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