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Ärzte Woche

18.11.2019 | Tekal | Ausgabe 47/2019

Dr. Al Gorithmus

Autor:
Dr. Ronny Tekal, Medizin-Kabarettist

Ist die künstliche Intelligenz besser als die natürliche Schlauheit?

Rund die Hälfte aller EU-Bürger weiß nicht, was Algorithmen sind. Ein Fünftel davon ist aber dagegen. Ich liebe solche Studien. Dabei profitieren wir von den computerisierten Entscheidungsbäumen, die uns dabei helfen, mit Navigationsgeräten ans Ziel zu finden oder eine Unzahl an Werbungen für Potenzmittel im Mailordner zu erhalten, weil wir zuvor die schönsten Hängebrücken der Welt gegoogelt haben.

Längst helfen Algorithmen den Kreditinstituten dabei, die Bonität ihrer Kunden zu bewerten. Schließlich kann ein einfacher Bankangestellter die Komplexität der Rückzahlungsfähigkeit nicht beurteilen. Bereits die Farbe des Autos oder der Unterhose kann auf eine besonders große Risikobereitschaft schließen lassen. Auch der Browserverlauf der rezenten Internetsuche („Günstiger Kredit ohne Sicherheit“, „Mit dem Rucksack durch den Dschungel im Kongo“ und „Lungenkrebs im Endstadium selber behandeln“) füttert den Computer mit relevanten Daten. Wer keinen Abschluss hat, Lücken im Lebenslauf, seine Rechnungen nicht bezahlt oder allzu großzügig beim Trinkgeld ist, gilt als wenig kreditwürdig. Dabei hagelt es Kritik. So wurde kürzlich bei der von der US-Bank Goldman-Sachs betriebenen Apple-Kreditkarte der Algorithmus als plumper Chauvinist beschimpft. Bekamen Männer doch, bei gleichem Verdienst, einen zehnfach höheren Kreditrahmen als Frauen. Ein Zufall, wie die Betreiber versichern.

Algorithmen finden sich zusehends auch im medizinischen Betrieb und können den Ärzten Entscheidungen abnehmen. Immerhin hat mittlerweile ein kluger Algorithmus dazu geführt, dass die künstliche Intelligenz besser bei der Diagnose bösartiger Hautveränderungen war, als die realen Dermatologen. So wie es einst dem Schachcomputer Deep Blue in den 1990er-Jahren gelang, den amtierenden Weltmeister Garri Kasparow zu schlagen, werden auch die Ärzte überholt werden. Das geht vor allem dann, wenn der Trend in der Medizin anhält, sich sklavisch an evidenzbasierte Leitlinien zu halten. Kombiniert mit den Vorgaben der Krankenkassen kann eine optimierte Behandlung, die zugleich „Weltspitze“ und „Schnäppchen“ ist, errechnet werden. Problematisch ist es, wenn die Hilfestellung aus dem Rechner als Anordnung interpretiert wird: „Ich würde Ihnen ja gerne die Harke aus dem Fuß entfernen, aber der Computer ist dagegen.“ Allerdings sind wir noch nicht ganz so weit. So hat ein Algorithmus, der per Foto-App erkennt, was man isst und die Kalorien berechnet, meinen linken Schuh als „Butterkeks, 130 kcal“ identifiziert.

Natürlich sind auch bei menschlichen Ärzten Fehlentscheidungen an der Tagesordnung. Aber das gehört dazu. Was wäre ein Fußballspiel, ohne sich lautstark über die Inkompetenz des Schiedsrichters echauffieren zu können? Und auch Schach spielt man lieber mit einem Gegner aus Fleisch und Blut – mit der Chance, auch einmal zu gewinnen.

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