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Ärzte Woche

17.11.2021 | Tekal | Ausgabe 47/2021

Die liebe Unbekannte

Autor:
Medizin-Kabarettist Dr. Ronny Tekal

© Mickis-Fotowelt

Nicht immer lässt sich die Zukunft aus der Vergangenheit lesen.

Extrapolieren ist keine Zusatzleistung bei der Autowäsche, sondern ein Begriff aus der Mathematik. Dabei wird, basierend auf der Erweiterung einer bekannten Folge von Werten und unter Voraussetzung eines gleichen Verlaufs, ein weiterer Wert geschätzt. Wer sich bei dieser Erklärung nun wieder in die bange Schulzeit zurückversetzt fühlt, darf endlich erfahren, dass wir für das Leben und nicht für die Schule lernen. Und das pfeift auf Extrapolationen.  Die Realität läuft selten linear und damit vorausschaubar ab. Dennoch bleiben manche Patienten der Mathematik treu und befürchten beim Fiebermessen in der Früh (36,2 o ) und abends (38,2 o ) einen, diesem Trend folgenden Wert von 40,2 am kommenden Tag, sowie von 52,2 Grad eine Woche später. So ein Zustand tritt jedoch nur beim Einschlafen in der Sauna nach zu heftigen Zirbengeist-Aufgüssen ein. Auch bei den unzähligen Diätversuchen scheitert man an der irrigen Annahme, dass die zwei Kilogramm Gewichtsverlust in der ersten Woche über ein Jahr 102 Kilo von den Hüften zaubern müsste. Man übersieht dabei sich selbst und die eigene Verführbarkeit als wesentlichsten unberechenbaren Parameter in dieser Rechnung. Unsere erzieherischen Ahnen haben schon mit „Wenn du so weitermachst, wird das übel enden“, oder „Wenn du dein Zimmer nicht aufräumst, gibt es keinen Nachtisch“ erkannt, dass das Leben eben nicht linear erfolgt, sondern mit unberechenbaren Knalleffekten agiert. Man beschleunigt auch nicht auf der Bundesstraße von 120 auf 240 km/h, um dann mit 480 km/h weiterzufahren, sondern klebt mit 0 km/h an einem Baum fest. Genauso wenig führen die ersten drei Kübel Sangria zu einer progressiven Erheiterung, sondern zu schwallartigem Erbrechen beim vierten Eimer.

Auch die Pandemie schert sich einen Dreck um lineare Prognosen: Wenn alle so weitermachen wie bisher, werden die Fallzahlen zwangsläufig zu a) einem Lockdown, b) einer Lockerung oder c) einem gelockerten Lockdown führen, ist eine irrige Annahme. Denn Menschen reagieren auf Prognosen und damit ändert sich die Stoßrichtung. Alleine die Ankündigung eines Lockdowns führt zu ausgedehnten Farewell-Partys und einem letzten Mal Gruppenkuscheln mit den Nachbarn. Kluge Gehirne verwenden hier weniger die Extrapolation, sondern eine mathematische Modellierung, wo auch die mögliche Wirksamkeit der Maßnahmen mitbedacht wird – ebenfalls unter der Annahme, dass Personen so agieren, wie sie es immer schon getan haben. Chaostheoretisch kann es nämlich sein, dass sich die Dinge durch nicht vorhersehbare Ereignisse anders entwickeln, sei es durch verhaltensoriginelle Reaktionen auf Verordnungen, einen umfallenden Sack Reis in China oder das Treffen mit einer Oligarchennichte auf Ibiza. Dass sich ein kommendes Ereignis aus der Vergangenheit voraussagen lässt, ist ein Trugschluss. Wir sind gottseidank unberechenbar, oder, wie es so schön heißt: Ein Volk, das aus Erfahrung dümmer wird.

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