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Ärzte Woche

06.05.2021 | Tekal | Ausgabe 18/2021

Das richtig dicke Ende

Autor:
Medizin-Kabarettist Dr. Ronny Tekal

Jetzt halten Sie die Zeitung richtig rum – siehe Editorial.

Wie versprochen geht es nach dem Cliffhanger auf Seite 1 hier weiter und Sie sind gespannt darauf, was mit dem dicken Ende gemeint sein kann. Zugegeben habe ich mir diese Formulierung aus dem Internet ausgeborgt, wo man mit Clickbaits versucht, Menschen bei der Stange, oder an der Maus zu halten, indem man sie mit reißerischen Überschriften ködert. Wer bei „Diese drei tödlichsten heimischen Fruchtfliegen müssen Sie erkennen“ nicht anspringt, klickt spätestens bei „Das machen Männer, wenn keiner hinschaut!“ weiter.

Wir wollen aber nicht mit Clicks im Glashaus werfen. Auch auf dieser Seite werden Sie von der Rubrik „Meistgelesen auf SpringerMedizin.at“ beinhart mit vielversprechenden Titeln in den Bann gezogen: „So behandeln Sie COVID-19 in nur drei Sekunden“, „Diese Uhr fand man im Rektum eines Patienten – ob sie noch richtig tickt?“, „Tausend Euro für einmal Blutdruckmessen – so geht’s“ oder „Darum sollten Sie sich jetzt einen Nasenbär für Ihre Praxis zulegen“. Unversehens sind Sie bereits geködert und klicken sich auf die Seite.

Clickbaiting ist die digitale Form von Freizeit Revue und Co, die auf die Titelseite mit der Schlagzeile „Ärzte-Pfusch – wurde der Queen versehentlich die Niere entfernt?“ neugierig macht, im Heftinneren mit der Antwort „eigentlich nicht“ wieder enttäuscht. Der Satiriker Jan Böhmermann hat in seiner Sendung unlängst die deutsche Klatschpresse angepatzt und musste danach Kritik einstecken: Seine Provokation geht weit über die Grenzen des guten Geschmacks hinaus, mit Satire hat das nichts mehr zu tun. Womit wir mit einer haarsträubenden Kurve wieder beim Thema des Editorials angekommen sind.

Auf der Kabarettbühne wird Satire als solche erkannt. Im öffentlichen Raum gelten andere Spielregeln. So wird die Kunstinstallation einer öffentlichen Bedürfnisanstalt vor dem Parlament (oder auch die weitaus aufwendigere Installation eines Parlaments vor einer öffentlichen Bedürfnisanstalt) binnen kürzester Zeit von einer Welle der Empörung durch eben diese Bedürfnisanstalt aus dem öffentlichen Raum gespült. Solange ich in den geschützten Wänden dieser Kolumne bewege, sollte ich aber sicher sein.

PS: Gerade hat mich mein Chefredakteur zurückgepfiffen, da ich die seriöse Ärzte Woche mit dubiosen Internetseiten gleichgesetzt habe. Das sei weder gute Satire noch besonders witzig geschrieben. Auch solle ich mich nicht über journalistische Themen äußern, da ich nur Arzt – und nicht einmal Facharzt (sic!) – sei. So etwas verhöhne die Redaktion und alle Menschen, die bisher weltweit ihr Leben für die Pressefreiheit lassen mussten. Er bedauere es zudem, mir einen Platz im Editorial gegeben zu haben und entschuldige sich bei den Lesern. Und je weiter ich schreibe, desto mehr spüre ich die Nesseln, in die ich erneut hineingleite. Ich lass das vielleicht lieber mit der Satire und mach nur mehr was mit Systemrelevanz.

Übrigens: Wenn Sie wissen wollen, welches dunkle Geheimnis mein Chefredakteur hütet, lesen Sie die nächste Ausgabe!

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