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10.05.2019 | Tekal | Ausgabe 20/2019

Tekals NebenWirkungen

#Allesgute @Mutti <3

Autor:
Dr. Ronny Tekal

Die Digitalisierung erleichtert auch die intrafamiliäre Kommunikation.

Ängstliche Eltern haben es Anfang des 21. Jahrhunderts deutlich besser getroffen als die Generation davor. Schließlich beginnen Kinder, bereits im Krabbelalter, die Demarkationslinie des elterlichen Einflussbereiches zu verlassen. Zwar befinden sie sich noch eine Zeit lang im Blickfeld, da viele Erwachsene ihre mobilen Wachposten in unmittelbarer Nähe der Reifenschaukel aufschlagen. Doch spätestens mit der Pubertät ist kaum noch ein Sprössling an einer Reifenschaukel interessiert, so sie nicht anderweitig zu zweit genutzt oder als Ablage fürs Gras verwendet wird.

Wer hätte noch vor wenigen Jahren gedacht, dass sich der übermütige Nachwuchs heutzutage freiwillig zu einer quasi Rund-um-die-Uhr-Überwachung bereit erklärt, nur um in den Besitz eines neuen Smartphones zu kommen? Damit haben sie aber auch gleich ihre Seele dem Google-Ortungsdienst verschrieben. Die juvenile elektronische Fußfessel ermöglicht dem adulten Aufseher ein Maß an Kontrolle, das der NSA die Freudentränen in die überwachenden Augen treiben würde. So müssen die besorgten Hubschrauber-Eltern nicht mehr um teures Kerosin über den Köpfen ihrer Schutzbefohlenen kreisen, sondern können deren Aktivitäten bequem von zuhause aus nachverfolgen. Dass die Generation der Digital-Natives bereits ab dem 2. Lebensmonat weiß, wie man den Ortungsdienst deaktiviert, ist ein gewisser Wermutstropfen. Dann muss man das Kind öfter – aus diversen fadenscheinigen Gründen – anrufen, um über diese Telefonate ein Bewegungsprofil erstellen zu können. Man macht sich eben Sorgen, wenn Jugendliche länger als drei Minuten in einer Bibliothek verweilen. Da ist etwas faul.

Umgekehrt nützt genau dieser Nachwuchs das System, um Stimme und Beine zu schonen und aus dem Kinderzimmer die Tagesorder auszugeben. Waren Haustelefone früher noch der Oberschicht vorbehalten, die aus dem Westflügel den Butler kontaktierten, um ihn für eine aufgebügelte Zeitung und ein Konfekt einen halben Kilometer weit über den Flur zu jagen, so kommen die adeligen Anrufe mittlerweile aus dem Kinderzimmer nebenan. So können Beschwerden („Das WLAN leckt!“), Anfragen („Was gibt’s zu Essen …?“), aber auch Lob („bestell lieber Pizza!“) unbürokratisch an den Adressaten gebracht werden.

Letztlich lassen sich auch zum Muttertag die Glückwünsche elektronisch übermitteln. Statt dem selbstgepflückten Blumenstrauß rauscht eine Whatsapp-Nachricht (inkl. Foto eines selbst aus dem Netz gepflückten Blumenstraußes) aus den unendlichen Weiten des jugendlichen Basislagers zu Mama. Begleitet von Emojis, die verdeutlichen, wie unendlich lieb man Mama hat, aber leider kaum Zeit hat, ihr das persönlich zu sagen.

Da die Eltern mittlerweile ebenfalls in die digitale Welt immigriert sind, wird der Muttertagsgruß mit einem Smiley erwidert. Das mag traurig klingen, aber man muss bei einem digitalen Torten-Emoji wenigstens danach nicht die von den Kindern verwüstete Küche zusammenräumen.

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