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Ärzte Woche

28.02.2022

Schluss mit lustig

verfasst von: Dr. Ronny Tekal, Medizin-Kabarettist Dr. Ronny Tekal

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© David Ziegler // iStock

Der Ukraine-Krieg zeigt die Grenzen des Humors.

Angesichts der Bilder, die uns die vergangenen Tage aus der Ukraine erreichen, ist wohl kaum jemandem zum Lachen zumute. Und wer den Ernst der Lage erkennt, weiß, dass spätestens hier Schluss mit lustig ist. Das ist insofern relevant, da sich diese Kolumne den Humor explizit auf die Fahnen geschrieben hat und heute leer bleiben müsste. Für derartigen Aktionismus hat mein Chefredakteur jedoch nicht viel übrig („Das geht vom Layout nicht! Du schreibst wie immer“) und ich bekomme zudem ein Zeilenhonorar, sodass ich mir mit einem bedeutungsschwangeren, weißen Kästchen ins eigene Fleisch schneiden würde.

Die Frage ist allerdings: Wie viel Spaß verträgt eine Krise, wie viel Humor ein Krieg, wie viel Jux und Tollerei eine tödliche Krankheit? Man ist übereingekommen, die Hofnarren wegzusperren, wenn es brenzlig wird. Klar, denn während einer Reanimation im Herzrhythmus Witze zu erzählen, hilft nicht weiter und auch bei einer Beerdigung werden flapsige Kommentare von der Muppets-Loge als geschmacklos wahrgenommen. Tatsächlich ist es fragwürdig, in der derzeitigen Lage nichts anderes im Sinn zu haben, als im Nebel des Grauens nach dem Humor zu suchen. Und ich spüre auch mit jedem Satz, den ich hier in dieses Kästchen tippe, die Schmalheit des Grates, für ein unbedachtes Wort in unserer Kultur gecancelt zu werden. Eine Gratwanderung zwischen Pietät und vorauseilendem Gehorsam.

Vielleicht kann man sich dem Thema aber theoretisch nähern. Tatsächlich habe ich mich wissenschaftlich intensiv mit Humor im Allgemeinen und dem Witz im Speziellen auseinandergesetzt; in kontrollierten, randomisierten Doppelblindstudien die Wirkung einer guten Pointe untersucht und sie einem schlechten Kalauer in der Kontrollgruppe gegenübergestellt, um die positiven Effekte des Humors auf die Gesundheit zu evaluieren. Ob allerdings eine treffende Anekdote die mittlere Überlebenszeit anhebt, bleibt Gegenstand weiterer Analysen und ist daher bis auf Weiteres nur off-label anzuwenden.

In einer solchen Schockphase, in der wir uns gerade befinden, ist der Humor kein gern gesehener Gast. Doch, soweit darf man sich aus dem Fenster lehnen: Der Gast wird kommen. Auch, wenn es Zeit braucht oder wie es Woody Allen so schön formuliert hat: „Komödie ist Tragödie plus Zeit“. Selbst in einem grausamen, bewaffneten Konflikt. Ich halte es nämlich für überaus unwahrscheinlich, dass im Hundertjährigen Krieg niemandem ein Lächeln über den Mund gekommen ist, keiner je eine pointierte Bemerkung fallengelassen hat. Es ist nicht anzunehmen, dass es hier vier spaßbefreite Generationen gab. So beginnt der Humor in solchen Extremsituationen meist zutiefst schwarz, ändert langsam die Farbe ins Dunkelgrau und Pastell, bis er schrill und bunt wird. So erlebt man selbst in den dunkelsten Stunden einen Funken Humor. Dazu mein Nestroy-Lieblingszitat: „Wenn alle Stricke reißen, häng ich mich auf!“. Lachen plus Empathie sind das beste Kombinationspräparat – dafür braucht es nicht einmal eine Studie.

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Metadaten
Titel
Schluss mit lustig
Publikationsdatum
28.02.2022
Zeitung
Ärzte Woche
Ausgabe 10/2022

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