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Ärzte Woche

20.11.2023 | Rehabilitation

Erster Versuch: 400 Schritte

verfasst von: Dr. Katharina Edtstadler

Robotergestützte Physiotherapien verdoppeln die Chance, nach einem Schlaganfall wieder gehen zu können. In der Seestadt gibt es nun das größte, ambulante Rehabilitationszentrum mit Hightech-Ausstattung. Wie die Geräte Diego, Hirob und Amadeo für Betroffene zu Verbündeten werden.

Mit der violetten Linie U2 in die Wiener Seestadt, danach weisen violette Luftballons den Weg zum neuen tech2people -Therapiezentrum. Mit Farbsymbolik beschäftigt man sich hier zwar nicht, aber eine der Bedeutungen, die der Farbe Violett zugeschrieben wird, ist Transformation. Die Verschmelzung von Rot und Blau soll das Bewältigen von Umbruchphasen im Leben symbolisieren. Und hier sind wir dann doch mitten im Thema. Es ist der 8. November und tech2people lädt zur feierlichen Eröffnung des größten, ambulanten Zentrums für Robotik-gestützte Physiotherapie.

Beim Betreten des lichtdurchfluteten 5. Stockwerks stechen sofort die robotischen Hightech-Geräte ins Auge. Ihr Wert beläuft sich auf 1,5 Millionen Euro. Den Wert des Teams, dem auch neun spezialisierte Physiotherapeutinnen und -therapeuten angehören, kann man nicht ermessen. Nicht umsonst steckt im Logo der Zusatz „human technology center“. Die Allianz zwischen Mensch und Maschine, nicht zuletzt aufgrund der Einsatzmöglichkeiten Künstlicher Intelligenz aktuell in aller Munde, steht auch hier im Mittelpunkt.

Anstrengend und lebensverändernd

Hannes Kinigadner und Rupert Kluhs-Preißler betreten den Raum. Verbunden werden Kinigadner, bis zu einem folgenschweren Sturz 2003 erfolgreicher Motorradsportler, und sein Therapeut Rupert Kluhs-Preißler durch ein Exoskelett (EksoNR). Im Gegensatz zur allgemeinen hektischen Betriebsamkeit sind ihre Bewegungen systematisch und zielgerichtet. Im Exoskelett zu trainieren, ist anstrengend, aber neben zahlreichen therapeutischen Vorteilen gibt es auch einen mentalen Benefit: Man kann im Aufrechten auf die Welt schauen oder wie Kinigadner es formuliert: „Jetzt bin ich wieder einmal der Größte im Raum.“

Ein weiterer prominenter Fürsprecher des Zentrums kommt aus der Familie. Sein Vater Heinz Kinigadner, doppelter Motocross-Weltmeister, gründete zusammen mit Dietrich Mateschitz die Stiftung „Wings for Life“. Der jährlich im Mai stattfindende Benefizlauf steht unter dem Motto: Laufen für Menschen, die selbst nicht laufen können – und zwar auf der ganzen Welt. 100 Prozent der Einnahmen fließen in die Rückenmarksforschung.

Auch das Leben eines der Gründer von tech2people Gregor Demblin hat das Exoskelett verändert. Als er im Alter von 18 Jahren die Diagnose Querschnittlähmung erhält, setzt er sich in den Kopf, wieder gehen zu lernen. 2017 erfährt er von der fortschrittlichen Technologie und kann kaum glauben, dass er gleich beim ersten Versuch 400 Schritte schafft – undenkbar ohne die Roboter-Assistenz. Schnell stellt Demblin fest, dass er nicht nur von der Steigerung der Belastbarkeit und allgemeinen Gesundheit profitiert, sondern auch von der Reduktion seiner Medikation. Der Gedanke, diese innovative Therapieform anderen Menschen zugänglich zu machen, legt den Grundstein für das Zentrum in der Seestadt.

Versorgungslücke wird geschlossen

Mit dem Ziel, Betroffenen eine hohe funktionale Selbstständigkeit zu ermöglichen, werden maßgeschneiderte Therapiepläne für Menschen mit Multipler Sklerose, Querschnittlähmung, Infantiler Cerebralparese, Parkinson und nach Schlaganfällen angeboten. Während die initiale stationäre Versorgung hierzulande gut organisiert ist, gilt es, im ambulanten Bereich eine Versorgungslücke zu schließen. Erst die optimale Betreuung auf beiden Ebenen macht den Unterschied, was die Lebenserwartung und -qualität betrifft.

Der Ausbau ambulanter Versorgungsmöglichkeiten entspricht auch den Vorgaben der Europäischen Schlaganfall Gesellschaft , da die demografischen Entwicklungen in den nächsten Jahren einen deutlichen Zuwachs an Patientinnen und Patienten erwarten lassen. Mit etwa 26.000 Menschen pro Jahr, die landesweit einen Schlaganfall erleiden und einer begrenzten Anzahl an stationären Plätzen, ist der Bedarf schon jetzt groß. Hinzu kommen etwa 14.000 Personen, die an Multipler Sklerose leiden. Während es nach einem Schlaganfall darum geht, Bewegungen wieder zu erlernen, dient die Neurotherapie bei chronischen Erkrankungen dazu, Einschränkungen möglichst lange zu verhindern.

Die Datenlage spricht eindeutig für eine robotische Neurorehabilitation in Kombination mit klassischer Physiotherapie. Demblin und Kinigadner berichten aus der Sicht der Trainierenden, dass mit den Geräten eine viel höhere Intensität und Wiederholungsrate möglich ist, was die Trainingsdauer insgesamt verkürzt: „Im Gegensatz zu herkömmlichen Therapien ist eine Stunde mit dem Exoskelett mehr als genug, um einen guten Effekt zu erzielen,“ so Kinigadner.

Stimulation der Neuroplastizität

Priv.-Doz. Dr. Peter Lackner, Chief Medical Advisor, erklärt, dass durch den multisensorischen Input die Neuroplastizität stimuliert wird. Gleichzeitig wäre der Effekt anfangs nicht umfassend messbar gewesen, weil es schwierig war, den Anteil des technischen Inputs mit einzuberechnen. Mittlerweile sei die Datenfülle jedoch zu einem Game Changer geworden. Hinzu kommt die hohe Compliance der Nutzerinnen und Nutzer, da die Therapie viele spielerische Komponenten enthält und die Motivation durch therapeutisches und technisches Feedback direkt gefördert wird. Dies ist vor allem in der Frühphase nach einer neurologischen Schädigung von besonderer Bedeutung, wenn die kardiorespiratorische Belastbarkeit noch geringer ist.

Trainiert wird in der Seestadt je nach Bedarf mit unterschiedlichen Geräten, deren Namen wie Lokomat Pro, EksoNR, OmegoPlus, Amadeo, Diego, Pablo, Hirob klingen, als wären sie einem futuristischen Film entnommen. Ein weiterer Vorteil, den das Robotik-gestützte Training gegenüber der klassischen Physiotherapie hat, ist, dass es mitarbeiterschonender ist. Nach dem Set-up wird nur eine Therapeutin oder ein Therapeut für das Monitoring gebraucht und der körperliche Einsatz der Mitarbeitenden fällt generell geringer aus. Therapien mit hohen Repetitionsraten, die bisher nur stationär möglich und mit hohem Personalaufwand verbunden waren, können so auch im ambulanten Setting angeboten werden. Das Performance-Feedback fällt durch laufende Messungen durch die Geräte sehr detailliert aus. Im Moment arbeitet man bei tech2people an einer Software, die den Therapiefortschritt noch besser messbar macht und die Unterstützung weiter optimiert.

Das Ziel ist, bis zu 500 Personen pro Jahr zu betreuen. Um die Behandlungen für möglichst viele zugänglich und leistbar zu machen, wird tech2people von der UNIQUA Privatstiftung, bei der Eröffnung vertreten durch Dr. Peter Eichler, unterstützt. Die Kosten für eine Einheit betragen zwischen 99 und 135 Euro, wobei die Krankenkasse ca. 50 Prozent übernimmt. Die Anmeldung kann ganz einfach online erfolgen und zu Beginn wird in einem persönlichen Setting der individuelle Trainingsplan erstellt.

Teil der Vision, die ambulante Versorgung zu verbessern, ist auch das Vorantreiben der Forschung im Bereich der neurologisch bedingten Bewegungseinschränkungen. Als leitender medizinischer Berater ist Priv.-Doz. Dr. Peter Lackner, Facharzt für Neurologie und Leiter des Karl-Landsteiner-Instituts für Akutneurologische Forschung, Teil des Teams. Er kennt den aktuellen Forschungsstand genau und bestätigt: „Es gibt eine sehr sichere Studienlage dazu, dass Schlaganfallpatientinnen und -patienten eine in etwa doppelt so hohe Chance haben, wieder gehen zu können, wenn sie Robotik-assistierte Gangtherapie gepaart mit klassischer Physiotherapie erhalten.“ Auch in der Behandlung von Multipler Sklerose nimmt das Training mit dem Exoskelett eine Schlüsselrolle ein. Eine sinnvolle spezifische Kombination bei Multipler Sklerose ist die mit virtueller Realität. Studien bestätigten bereits, dass neben der Mobilität damit auch kognitive Parameter verbessert werden können.

Die Aussicht, dass Exoskelette eines Tages Rollstühle ersetzen könnten, zeigt, wie schnell sich die Robotik auf dem Gebiet der Physiotherapie entwickelt. Gleichzeitig braucht es praktische Erfahrungen von Trainierenden und therapeutischen Teams, um die Zusammenarbeit von Patient – Maschine – Therapeut zu optimieren. Die Symbiose zwischen Mensch und Maschine ist hier weniger eine befremdliche Cyborg-Fantasie als eine Chance für Betroffene, stückweise Beweglichkeit, Kraft, Motivation und Eigenständigkeit wiederzuerlangen oder zu erhalten.

Vorteile der Robotischen Neurorehabilitation auf einen Blick: 

  • Hohe Intensität, hohe Wiederholungsrate, multisensorischer Input
  • Trainingsbeginn trotz eingeschränkter Belastbarkeit möglich
  • Gamification erhöht die Compliance

Weitere Informationen: www.tech2people.at

Metadaten
Titel
Erster Versuch: 400 Schritte
Schlagwort
Rehabilitation
Publikationsdatum
20.11.2023
Zeitung
Ärzte Woche
Ausgabe 48/2023

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