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28.03.2022 | Neuzeit

Besser ein weiser Tor als ein törichter Weiser?

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Wie viel Partizipation ist sinnvoll? Wo genau verläuft die Grenze zwischen Laien und echten Forschern? Was ist der nächste Schritt für die Wissenschaftskommunikation? Drei Experten und ihre Antworten.

„Schafft das Narrengesicht weg!“, lässt William Shakespeare Gräfin Olivia sagen („Was ihr wollt“, 1. Aufzug, 5. Szene). So einfach wie die Adeligen an der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit können es sich die Wissenschaftler heute nicht mehr machen. Sie müssen sich erklären. Wenn sie aber vor die Presse treten und Empfehlungen abgeben, sprechen sie mit und zu Laien, die das Gehörte oft nicht einordnen können. Ein aktuelles Beispiel: Seit der Pandemie werden immer mehr Fachartikel als sogenannte „Preprints“ vorveröffentlicht. Preprints haben nicht das etablierte Qualitätskontrollverfahren eines „Peer-Review“ durchlaufen, was in der Öffentlichkeit zu Verwirrung geführt hat. Sobald den Menschen zuvor eine kurze Erklärung zum Unterschied gegeben wird, werden sie gegenüber Preprints vorsichtiger. Das zeigt eine sozialpsychologische Studie der Universität Köln. Citizen Science bildet seit Jahren eine Brücke zwischen Laien und Experten, doch sie ist nur in bestimmten, vor allem ökologischen Fächern ein taugliches Mittel: Freiwillige untersuchen die Stickstoffbelastung von Gewässern (Universität Oldenburg), Laien zählen Meerechsen auf Galápagos (Universität Leipzig) oder Blütenbesucher (Senckenberg-Institut), messen den „Zuwachs im Galaxien-Zoo“ (Forschungszentrum Jülich) oder erkunden das „Deck 50“ im Naturhistorischen Museum Wien. ( siehe unten )

Aus dem Reigen der Diskussionen über die Art und Weise, wie man Wissenschaft am besten vermittelt, sei hier auf eine Veranstaltung im Künstlerhaus verwiesen: „Wissenschaft im Dialog“ (2. März 2022). Florian Aigner, Martin Gerzabek und Iris Ott sprachen über den Wert des Hinterfragens von Autoritäten, aber auch darüber, dass nicht jeder, der Widerspruch einlegt, recht haben muss.

Martin Krenek-Burger

Wenn ich etwas hinterfrage, habe ich noch nicht recht

Leuten, die noch nie etwas mit Wissenschaft zu tun gehabt haben, ein Angebot zu machen, sie Daten sammeln zu lassen etc. – das ist ein großartiger Gedanke. Ich glaube nur, dass er überschätzt wird. Ich bin freilich ein Außenseiter in dieser Frage, Quantenphysik ist kein Bereich, wo man mit dem Citizen-Science-Ansatz gut arbeiten kann.

Citizen Science funktioniert ganz toll bei Umweltthemen, bei ökologischen Fragen. Man kann den Leuten sagen, bitte, schaut alle nächsten Sonntag, welche Singvögel bei euch im Garten vorkommen. Das Ergebnis ist ein toller Datensatz. Man muss sich aber klar sein, dass sich dieser Gedanke nicht auf alle Wissenschaftsbereiche anwenden lässt.

Ein zweites Problem, das ich mit diesem Ansatz habe, vielleicht ist es sogar ein großes Problem: Wir müssen alle lernen, mit Expertise richtig umzugehen. Es ist schön, wenn man Menschen einbindet und sagt: Wir sind jetzt alle Wissenschaftler und arbeiten zusammen! Aber es muss uns klar sein, dass zwischen jemandem, der seit 25 Jahren beruflich an einem Thema arbeitet, und jemandem, der es super findet, bei einem Citizen-Science-Projekt dabei zu sein, ein Unterschied ist.

Wir erleben in der COVID-19-Pandemie, dass Leute glauben, dass sie nach drei Stunden, die sie an Zeit investiert haben, schon eine fundierte Meinung haben und sich auf Augenhöhe mit einer Professorin für Virologie bewegen. Das ist einfach nicht möglich.

Insofern ist Partizipation toll, aber nicht wenn man so tut, als würden damit alle Leute auf gleicher Ebene stehen.

Es war ein wichtiger Fortschritt in der Wissenschaftsgeschichte – dafür müssen wir der 68er-Generation wirklich dankbar sein –, dass es möglich wurde, Autoritäten zu hinterfragen, anzunehmen, dass die, die vorne stehen nicht recht haben, und das auch in der Wissenschaft.

Jetzt ist es aber an der Zeit, den nächsten Schritt zu machen und zu lernen, uns selbst und unsere eigene Meinung zu hinterfragen. Denn nur weil ich einen Professor oder einen Wissenschaftler hinterfrage, heißt das nicht, dass ich mehr recht habe als mein Gegenüber.“

Dr. Florian Aigner, Technische Universität Wien, Wissenschaftskommunikation; Buchautor: „Der Zufall, das Universum und du“ (Wissenschaftsbuch es Jahres 2018), Brandstätter Verlag.

Verständnis für Forschung bei der breiten Bevölkerung

„Den Stein der Weisen habe ich nicht gefunden. Allerdings verfügt das Museum über ein mächtiges Werkzeug – die Partizipation: Menschen erheben heute Anspruch auf Beteiligung und Mitbestimmung – nicht nur in Politik und Gesellschaft, sondern auch als Besucher im Museum. Sie wollen sich aus ihrer passiven Rolle als Informationsempfänger herausgelöst sehen und zu aktiv Mitgestaltenden und Mitarbeitenden in musealen Vermittlungs- und Gestaltungsprozessen werden sowie als (Alltags-)Experten ihre Erfahrungen, Meinungen und Ansichten einbringen. Die Vorteile einer solchen Zusammenarbeit und der Integration von Besuchern liegen in jenen Bereichen, in denen sich das lokale, praktische Wissen der Gemeinschaft mit dem systematisierten Wissen der Forschungsabteilungen überschneidet und kombiniert. Die Debatten, die an diesen Schnittstellen geführt werden, unterstreichen die Prozesshaftigkeit von Forschung und tragen zu einem besseren Verständnis für Forschungsanliegen bei der breiten Bevölkerung bei. Gleichzeitig führt der Austausch zu einer höheren gesellschaftlichen Relevanz und Akzeptanz der Forschungsfragen und -ergebnisse.

Die Beteiligung von Bürgern an wissenschaftlichen Aktivitäten geht bis in das 18. Jahrhundert zurück. Gerade am NHM Wien leisteten und leisten interessierte Personen einen bedeutenden Beitrag zu vielen Forschungen und Sammlungen. Derzeit erfährt Citizen Science – durch die digitale Revolution – einen erheblichen generellen Aufschwung.

Wenngleich viele Citizen-Science-Projekte digitale Plattformen nutzen und von virtuellen Zugängen profitieren, benötigt der Austausch zwischen Forschung und Gesellschaft auch physische Räume. Dieser Grundgedanke von Bürgerforschung wird mit der Entwicklung und Umsetzung eines dezidierten Raumes im NHM Wien Realität – mit dem Deck 50 ( Anm.: Der Name basiert auf dem alten Nummerierungssystem der Säle im Museum .) Deck 50 – das ist Plattform und Promenade, Startbahn und Landerampe für Ideen, Forschung und Diskussionen.“

Mag. Iris Ott, Abteilungsleiterin Wissenschaftskommunikation, NHM Wien; das „Deck 50“ wurde im September 2021 eröffnet. An vier „partizipativen Stationen“ können Besucher sich mit den in einem Handy verarbeiteten Rohstoffen, der Rückkehr des Wolfes, mit dem Thema „Ernährung“ oder der Hallstattzeit vertraut machen.

Bewusstseinsbildung gelingt nur in einem frühen Stadium

„Es gibt viele Themen, wo allein die Tatsache, dass man überhaupt Aufmerksamkeit bekommt, ein großer Fortschritt ist. Etwa in meiner ureigenen Profession, der Bodenkunde. Der Boden ist für viele Menschen eine selbstverständliche Ressource, über die nicht viel nachgedacht wird. Kaum jemand überlegt sich, welche Funktion der Boden hat. Wenn sich die Gelegenheit bietet, dieses Thema bekannt zu machen, gelingt dies am besten mit Kindern.

Wir bieten veschiedene Aktivitäten an, etwa BOKU mobil ( Forschung vor Ort seit 2013, Anm .), das Gemeinden besucht und verschiedene Stationen aufbaut, wo wir mit Volksschulklassen kleine Versuche machen, wo sich die Schüler die Bodentiere unter dem Mikroskop anschauen können etc. Zusätzlich fertigen wir ein Bodenprofil der Region an und schenken es dem Bürgermeister. Die Ortschefs hängen sich dieses Bodenabbild tatsächlich in ihr Büro. Das bewirkt ein bisschen etwas. Ich kann empfehlen, schon mit den Volksschulklassen zu beginnen, da ist großes Interesse vorhanden. Über die Schüler erreiche ich auch die Eltern und sogar die Landwirte der Gemeinde.

Solche Ansätze kann man nicht in jedem Wissensgebiet umsetzen, aber darum geht es auch gar nicht. Es geht oft nur darum, einen Bereich ins Bewusstsein zu bringen. Da reden wir noch nicht von einer hochwissenschaftlichen Bearbeitung. Viele Themen sind gar nicht im Bewusstsein der Menschen vorhanden, und wenn sie nicht bewusst sind, dann tun wir uns auch mit der Wissenschaftskommunikation schwer. Und diese Bewusstseinsbildung gelingt nur in einem sehr frühen Stadium.“

Prof. Dr. Martin Gerzabek, Präsident der Christian Doppler Gesellschaft

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Metadaten
Titel
Besser ein weiser Tor als ein törichter Weiser?
Publikationsdatum
28.03.2022
Zeitung
Ärzte Woche
Ausgabe 13/2022

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