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29.06.2020 | Mittelalter | Ausgabe 27/2020

Natur in Österreich

Nichts ist fragiler als das Unberührte

Autor:
Von Martin Krenek-Burger

Die Corona-Krise hat nach Meinung mancher Experten eine viel größere Krise in den Hintergrund gedrängt: die Vernichtung der Biodiversität. Aber wie viel Natur gibt es überhaupt noch? Das haben wir den NHM-Botaniker Christian Bräuchler gefragt.

Das Naturhistorische Museum nimmt derzeit an einer Biodiversitätskampagne der EU-Kommission teil, warum gerade jetzt?

Bräuchler: Durch den Lockdown ist dieses Thema, das dank der „Fridays for Future“-Bewegung omnipräsent war, wieder ins Hintertreffen geraten. Aber die wirkliche Krise steht uns noch bevor, und die heißt Biodiversitätskrise und nicht Coronakrise. Nur 23 Prozent der Erdoberfläche wurden vom Menschen noch nicht wesentlich verändert. In dicht besiedelten Gegenden, wie Österreich, ist das Problem am stärksten ausgeprägt.

Die Nationalparks werben mit dem Slogan von der Unberührtheit, doch wie viel Natur steckt überhaupt noch in Österreich?

Bräuchler: Wildlandschaften gibt es kaum mehr, höchstens Stückwerk. Die Änderung der Landnutzung in den vergangenen 150 Jahren hat zu einer Zerstörung der Natur und der traditionellen Kulturlandschaft geführt. Es sind z. B. Heiderelikte auf den Hundsheimer Bergen übrig und wir haben die alten inneralpinen Steppenrasen im Oberinntal, die als Naturreste seit Beginn der Eiszeiten vorhanden sind. Mit Ausnahme von Lech und Isel gibt es keine Wildflüsse mehr.

Kommt es da auf ein oder zwei Biotope mehr an?

Bräuchler: Wenn es genau der Standort ist, an dem die Art ihre größte genetische Vielfalt aufweist, dann ja. Das gilt v. a. für Wuchsorte am Rand des natürlichen Areals einer Pflanze, wo für diese Art extreme Bedingungen herrschen, mit denen sie gerade noch fertig wird. Gehen solche genetisch gut angepassten Populationen verloren, verliert die Art einen Teil ihrer Anpassungsfähigkeit. Das kann im Fall eines Klimawandels fatal sein.

Wann wird es einen botanischen Schausaal geben?

Bräuchler: In einigen Jahren, die Budgetmittel sind bereits eingeplant.

Wie weit reicht das NHM-Herbar in die Vergangenheit zurück?

Bräuchler: Die ältesten Herbarbelege stammen aus dem 18. Jahrhundert, außerdem verfügen wir über einige mittelalterliche Kräuterbücher, mit eingelegten gepressten Pflanzen.

Dr. Christian Bräuchler leitet seit Jahresbeginn die botanische Abteilung des Naturhistorischen Museums in Wien. Direktor Bräuchler ist Spezialist für Lippenblütler, in diese Pflanzenfamilie (Lamiaceen) gehören eine Reihe von Heilpflanzen und Küchenkräutern.

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