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Ärzte Woche

30.08.2021 | Hygiene- und Umweltmedizin | Ausgabe 34/2021

Umweltmedizin

Steigende Unfallgefahr durch Klimawandel

Autor:
Martin Křenek-Burger

Die Treibhaustemperaturen der vergangenen Wochen sind nicht nur eine Belastung für den Organismus, sie beeinflussen auch massiv unser Verhalten, nicht zuletzt im Straßenverkehr. Der Stresspegel steigt und mit ihm die Unfallgefahr.

Es wird nicht nur wärmer, es wird unheimlich heiß. Wie der Hitzestress auf den Körper, unsere Psyche und unsere emotionale Seite wirkt, werde immer noch unterschätzt, sagt Hans-Peter Hutter. Der Umweltmediziner muss sich nicht erst warm reden, der Klimawandel ist eines seiner Kernthemen.

Wie schlimm die Effekte auf unser Herz-Kreislauf-System und auf unsere Atemwege bei großem Hitzestress sind, das hängt laut Hutter davon ab: „Je länger eine Hitzewelle dauert, je höher die Maximaltemperaturen sind, eventuell noch verbunden mit einer höheren Luftfeuchtigkeit oder anderen ungünstigen klimatischen Bedingungen.“

Unter den Risikofaktoren ist vor allem das Alter zu nennen. Vulnerabel sind Menschen über 65 und Hochaltrige über 85 Jahre, aber auch Säuglinge und Kleinkinder. Bei Letzteren funktioniere das System zur Kühlung des Organismus noch nicht ausreichend, bei Ersteren nicht mehr. Auch Vorerkrankungen und das Verhalten spielen eine Rolle, ob man den Sommer gut übersteht.

Große Hitze, mit vielen Tagen über 30° C und Tropennächten ohne die Möglichkeit, sich ausreichend zu erholen, ist kein Spaß. Sie beeinträchtigt unsere geistige und körperliche Leistungsfähigkeit, mehr als wir uns eingestehen wollen, egal ob im Beruf oder im Straßenverkehr. Wir sind gereizter und aggressiver als sonst. „Zusätzlich kommt es zu einem Anstieg von Ängsten und depressiven Verstimmungen“, sagt der Experte. Und: Gerade der Straßenraum mutiere in dieser ohnehin brenzligen Gemengelage zur öffentlichen Kampfzone .

Biker leben gefährlicher als sonst


Dass durch die Auswirkungen von Hitze auf den menschlichen Organismus das Unfallrisiko erhöht ist, ruft Dr. Armin Kaltenegger auf den Plan. Er ist Leiter des Bereichs Eigentumsschutz im Kuratorium für Verkehrssicherheit (KfV) und zitiert aus der aktuellen Unfallstatistik. „Liegt die gemessene Tageshöchsttemperatur bei 30° C oder darüber, ereignen sich im Verhältnis zu Tagen mit 20-25° C um 73 Prozent mehr Verkehrsunfälle mit Personenschaden, diese mit 69 Prozent mehr Verletzten und 57 Prozent mehr Todesopfern. Besonders gefährlich ist extreme Hitze übrigens für Einspurige, die nicht einfach die Klimaanlage einschalten können. Die Zahl der Fahrradunfälle ist mehr als dreimal so hoch als üblich, jene der Motorradunfälle ist beinahe um den Faktor 6 erhöht.

Ursache der hitzebedingten Unfälle sei die signifikante Zunahme der Fahrfehler, sagt Kaltenegger. Bei 28° C werden bereits doppelt so viele Fahrfehler begangen wie bei einer angenommenen Idealtemperatur von 23° C, und bei 32° C passieren bereits viermal so viele Missgeschicke. Auch die Reaktionszeit nimmt zu. Bei 27° C erhöht sich die Reaktionszeit um 20 Prozent. Kaltenegger dazu: „Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Wenn ich 50 km / h fahre, ist mein Anhalteweg damit um 3 m länger. Das ist im Straßenverkehr oft der Unterschied zwischen Leben und Tod.“

Viele Maßnahmen, die bei großer Hitze empfohlen werden – etwa die Fenster untertags zu schließen, damit keine Hitze eindringen kann, – laufen den Maßnahmen zur Eindämmung von COVID-19 zuwider, sagt Kaltenegger. Ein Sonderproblem. Lüften oder das Tragen von Masken erhöht den Druck auf ohnehin belastete Menschen im Pflege- und Gesundheitsbereich.

Im Berufsleben passieren im Sommer zwar grundsätzlich weniger Unfälle. Davon ausgenommen sind jedoch Sparten wie Gastronomie, Beherbergung und die Baubranche sowie Berufskraftfahrer. Die gute Nachricht: Auch den Kriminellen ist heiß. „Wohnungseinbrüche nehmen an heißen Tagen deutlich ab.“

Pessimistische Bevölkerung


Was denkt die Bevölkerung über die Klimakrise? Eine repräsentative Befragung des KfV ergab, dass 71 Prozent der Österreicher davon ausgehen, dass Hitze und Naturgefahren in Zukunft große Schäden anrichten werden. Nur ein Drittel der Befragten glaubt, dass die eigene Gemeinde sie wird schützen können. Die Hälfte der Bevölkerung wurde in den vergangenen zehn Jahren durch Wetterereignisse beeinträchtigt.

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