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Ärzte Woche

20.04.2022

Aus der Mode ist in der Mode

verfasst von: Dr. Ronny Tekal

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Wie verloren geglaubte Trends eine Renaissance erleben: Dass man seitenweise über Mode schreiben kann, ist mir ein Rätsel. Dennoch gibt es deutlich mehr Zeitschriften zum Thema Mode als etwa zum Thema Gicht. Vielleicht auch, weil man das Thema grafisch nicht so hübsch aufbereiten kann und es auch nicht so viele Großzehen-Models für das Cover gibt.

 Meiner Frau ist es zu verdanken, dass ich in Bezug auf Mode stets auf dem Laufenden gehalten werde. Insofern kenne ich mich ein wenig aus und darf stolz behaupten, modisch der Einäugige unter den Sehenden zu sein.

So wollte ich eine Kolumne über „erhöhte Harnsäurewerte“ verfassen, als sie mir ein modisches Update zugerufen hat: „Hast du schon gehört, dass Low-Waist wieder ‚in‘ ist?“. Zwar dachte ich, dass Low-Waste ohnehin das Motto der Ökologiebewegung sei, doch hier geht es nicht um weniger Abfall, sondern einen Abfall der Bundhöhe der Hosen. Zum Glück habe ich den High-Waist-Trend die Jahre zuvor verschlafen, sodass ich mich jetzt in der glücklichen Situation eines modischen Early-Adopters sehe.

Mein Großvater trug den mit Hosenträgern straff hochgezogenen Bund übrigens ein Leben lang weit oberhalb des Nabels, etwa in der Höhe des Brustbeins. Sogar Cary Grant hat meinen Opa kopiert und seine Bundfaltenhose fast bis zum Kinn hochgezogen. Während Woodstock rutschten die Bünde an die Hüfte, um in den 1980ern kurz wieder hinauf und dann wieder hinunterzuwandern (Jo-Jo-Effekt). Im Gegensatz zum Bauern-Bund, der hierzulande immer Hochsaison hat, trug man die Hose an den Hüften (Modekenner), an den Knien (Skater) oder an den Fersen (Urologen-Besucher).

Mittlerweile geht es nicht nur um das Design, sondern auch um das Material. Upcycling gilt demnach als modisch, da ökologisch nachhaltig. Und die zerschlissenen Jeans darf man indes für das Burgtheater anziehen, damit das Publikum auch so aussieht wie der aktuelle Hamlet auf der Bühne. Soweit habe ich es verstanden. Nicht jedoch, warum man nicht aus demselben Grund löchrige Socken tragen darf. Hier sollte ich vielleicht noch ein Webinar bei meiner Frau besuchen, die gerne nachhaltig Kästen aus der Zeit des Art Déco renoviert, die ich in der Epoche des Sperrmülls zugeordnet hätte.

Mode und Upcycling gibt es auch in der Medizin: Mit neuer Indikation werden etwa das unglückliche Contergan gegen Morbus Crohn oder das glückliche Viagra gegen die Höhenkrankheit bzw. was sonst noch alles auf einer Berghütte passieren kann, eingesetzt. Selbst gegen die Modeerkrankung Corona sind Medikamente in Verwendung, die ursprünglich zur Bekämpfung von Hepatitis C oder auch Pferdewürmern gedacht waren.

Bemerkenswerterweise kann man sich jedem „must-have“ entziehen, da es sich streng genommen um ein „can-have-but-if-you-don’t-have- ist-es-auch-wurscht!“ handelt. Übrigens habe ich kürzlich erfahren, dass man weiße Socken auch außerhalb von Klinik und Tenniscourt tragen darf. Meine sind noch bei der Wäsche, gemeinsam mit Jeansjacke und Legwarmers.


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Metadaten
Titel
Aus der Mode ist in der Mode
Publikationsdatum
20.04.2022
Zeitung
Ärzte Woche
Ausgabe 16/2022