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01.12.2017 | Neurologie | Ausgabe 49/2017

Roadtrip nach Nirgendwo

Autor:
Martin Krenek-Burger

Die beiden Oldtimer, der demente John und seine Frau Ella besteigen ihr Wohnmobil „The Leisure Seeker“ und brechen zu ihrem letzten Abenteuer auf. Das Wort Alzheimer fällt in 112 Filmminuten übrigens kein einziges Mal. Ein Film über die Liebe in Zeiten des Vergessens, mit den beiden britischen Großschauspielern und Oscar-Preisträgern Hellen Mirren und Donald Sutherland.

„Darling, hast du gepfurzt?“ Plaudertasche Ella (Helen Mirren) und Bücherwurm John (Donald Sutherland) sind schon viele Jahre verheiratet. Da stellt man halt solche Fragen Sie sind gemeinsam alt geworden, beide sind nicht mehr wirklich gesund, ihr Leben wird von Arztbesuchen und den Ansprüchen ihrer erwachsenen Kinder bestimmt. Um ein letztes richtiges Abenteuer zu erleben, machen die beiden ihr Wohnmobil namens „The Leisure Seeker“ flott und verlassen stillschweigend ihr Zuhause in Wellesley, Massachusetts. Verärgert und besorgt versuchen die Kinder, sie zu finden, aber John und Ella sind schon unterwegs auf einer Reise, deren Ziel nur sie selber kennen: die US-Ostküste hinunter, bis zum Hemingway-Haus in Key West.

Nachts am Camping-Platz vor ihrem 1975 Winnebago Indian Motorhome – sozusagen der Dinosaurier auf US-Überlandstraßen – sehen sie sich ihre Vergangenheit auf einem Diaprojektor an– John, der selbst im brütend heißen Südstaaten-Sommer Anzug und Krawatte trägt, Ella dafür Perücke – hält seine auf den Dias festgehaltenen ehemaligen Studenten für seine Neffen. Tagsüber begegnen sie dem amerikanischen Alltag in amüsanten oder riskanten Situationen. Mit Furchtlosigkeit, Witz und einer unbeirrbaren Liebe zueinander liefern sich die beiden einem Roadtrip aus, bei dem allerdings zunehmend ungewiss wird, wohin er führt.

Regisseur Paolo Virzì: „Im Drehbuch wird niemals das Wort Alzheimer ausgesprochen. Wir wollten die Klischeefalle umgehen. Die Kinder sagen: Dad hat schlechte Momente. Ella sagt, er hat Erinnerungsschwierigkeiten. Neurologen bestätigen mir, dass der geistige Abbau bei jedem Betroffenen anders abläuft. Johns Gedächtnisschwund ist noch durchsetzt von Momenten großer Klarheit, in denen man seinen früheren Charme erleben kann. Da erkennt man auch, wie schmerzhaft es für Ella sein muss, dass dieser Mann ihr mehr und mehr entgleitet.“

John hat seine Momente der Klarheit

Es sind rare Glücksmomente für Ella, wenn ihr geliebter John für einige Minuten „zurückkehrt“ aus seiner Welt. Seine liebenswürdige Art und sein Humor versöhnen sie wieder mit der Welt, aber nur kurz, denn die Frage „Wo sind wir?“ kommt so sicher wie das Amen in der Kirche. Im Original antwortet Ella: „It is so nice when you forget to be forgetful. Too bad it ends so quickly. I just can‘t geht used to it.“

Kurzer Schwenk in die Realität: Der Kampf gegen Alzheimer wird in den USA finanziell tatkräftig unterstützt von Bill Gates. Der Microsoft-Gründer investierte vor Kurzem 50 Millionen Dollar –rund 43 Millionen Euro – in den Dementia Discovery Fund (DDF) – einen Risikokapitalfonds, der Geld in Start-ups anlegt, die neue Methoden zur Behandlung von Demenz entwickeln. Die in London ansässige Organisation wird von der Regierung, Stiftungen und der Pharma-Branche unterstützt. Wenn die ersten Alzheimer-Therapien auf dem Markt seien, werde die Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung Geld investieren, um die Medikamente auch in ärmere Länder zu bringen, sagte der Milliardär.

Donald, der Method Actor

Wir sind wieder am Set. Virzìs italienisches Film-Team drehte zumeist in beengten Verhältnissen von der Rückbank des Wohnmobils aus: Oscar-Preisträger Donald Sutherland ging voll in seiner Figur John auf. Sutherland dazu: „Ich folgte nur Johns Anweisungen. So etwas passiert bei manchen Rollen. Nicht oft, eher ziemlich selten, aber bei diesem Film ist es passiert. John redete mit mir, er sagte, was ich tun soll, was er wollte, woran er sich erinnerte. Er sagte es auch, wenn er sich nicht erinnern konnte, das frustrierte ihn. Mich nicht. Ich war da für ihn und für diesen sanften Ritt mit Helen und Paolo und all den anderen. Es war großartig.“

Während der Reise mit dem Riesenwagen entdeckte Sutherland den Autor Hemingway wieder: „Jedes Buch. Das ganze Œuvre. Ich habe das seit fünfzig Jahren nicht mehr gelesen. Aber ich vertraute John, er war begeistert, und ich las alles, was er wollte.“

Eine Anekdote gefällig? Virzì: „Als wir einmal den Campingbus zum Ausgangspunkt zurückbringen mussten, um eine Szene noch mal zu drehen, ließ er keinen der Fahrer ans Steuer. Er wollte selber fahren. Er bewachte eifersüchtig alles, was zu John gehörte, seinen Bus, die Kostüme, Johns Brille. Er war eine personifizierte Ausgabe des Method Actors Studio, zumindest so, wie wir es aus Legenden kennen.“

„They are amazing“

Dass hier ein europäischer Regisseur auf die amerikanische Gesellschaft blickt, das wird mit einigen der auffällig oberflächlichen Dialoge angedeutet. Eigentlich sind es ja Monologe, die von Hellen Mirren dominiert werden. Wenn sie zum Beispiel einem frisch einwanderten syrischen Tankwart von der Schönheit der Smoky Mountains vorschwärmt, von denen der noch nie gehört hat: „You should go, they are amazing“. Überhaupt Hellen Mirren. Wer kann, sollte sich den Film in der Originalversion anschauen und vor allem anhören. Die polyglotte Mirren zelebriert ihren mit britischem Akzent durchsetzen amerikanischen Slang mit Hingabe.

Die Spencers sind in einem sehr späten Stadium der Liebe, und es gibt immer noch Dinge, die sie übereinander neu herausfinden. Trotzdem sind die beiden ein normales Ehepaar, völlig normal. Virzì abschließend: „Man kann aus dem Fenster schauen und sieht Hunderte von Paaren wie dieses, ganz durchschnittliche Menschen, die ganz durchschnittliche Dinge tun.“

Übrigens: Wer „es“ getan hat, gepfurzt nämlich, wird im Film nie restlos aufgeklärt, man kann es sich aber denken.

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