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22.06.2020 | Innere Medizin | Pharma News | Onlineartikel | Gebro

Diarrhö

Mit 80 um die Welt

Autor:
Claudio Polzer

Möchten ältere Menschen verreisen, so gilt es, einige altersspezifische Aspekte zu beachten. Vorbereitung und Medikamentenausstattung sollten auch der häufigsten Komplikation Rechnung tragen, dem Reisedurchfall.

Die Abnahme der Immunkompetenz im Alter, Grunderkrankungen mit erforderlicher Dauermedikation, die erhöhte Gefahr für Reisethrombosen, verringerte Belastungsfähigkeit – das sind Faktoren, die ältere Reisende bedenken sollten. Um die Belastung zu verringern, rät der Facharzt für Tropenmedizin Prof. DDr. Martin Haditsch, Reiseziel und Reisezeit an die eigenen Möglichkeiten anzupassen und die Reisemodalitäten zu optimieren. „Ältere Reisende sind meist zeitlich ungebunden, und der finanzielle Aspekt spielt oft keine so große Rolle.“ Ältere Personen können der Hochsaison und belastenden Klimabedingungen ausweichen und sollten sich die Reise so angenehm wie möglich gestalten.

Die richtige Reiseapotheke

Grundsätzlich ist die Reiseapotheke vom Ziel und der Länge der geplanten Reise sowie von den individuellen Bedürfnissen abhängig, sagt der Reisemediziner Martin Haditsch. An allgemeinen Hilfsmitteln sollte sie Fieberthermometer, Schere, Pinzette, Verbandsmaterial und Desinfektionsmittel beinhalten. Für Langstreckenflüge sollten ältere Menschen Stützstrümpfe gegen Beinvenenthrombosen tragen. In südlichen Gefilden wichtig sind ausreichender Sonnenschutz und Schutz vor Insektenbissen, durch die Krankheiten wie Malaria oder Dengue-Fieber übertragen werden.

Gut vorbereitet bei Medikamenten

Für die Mitnahme von Medikamenten sind Grundregeln zu beachten:

  • Ausreichend: Je nach Reisedauer sollte das Doppelte bis Dreifache dessen mitgenommen werden, was für den Zeitraum erforderlich wäre. „Viele Medikamente sind im Reiseland gar nicht oder nicht in der Form erhältlich, auf die die Patienten eingestellt sind“, sagt Haditsch. „Auch sind Qualität und Lagerungsbedingungen in vielen Ländern nicht mit jener in Österreich vergleichbar.“
  • Richtig verpackt: Vor allem bei Akutmedikamenten (z. B. Asthmasprays) rät Haditsch zu einer Dreiteilung des Vorrats: ein Teil der Medikamente im Reisegepäck, ein Teil im Handgepäck und ein Teil in Reichweite bzw. am Körper. Was viele nicht wissen: Bei internationalen Reisen ist es verpflichtend, Medikamente in der Kartonüberverpackung zu transportieren, nicht nur in der Blisterverpackung.
  • Bescheinigungen: Bei Reisen ins außereuropäische Ausland muss grundsätzlich eine Bescheinigung mitgeführt werden, dass die Medikamente für den Erhalt der Gesundheit unerlässlich sind und kein Handel damit betrieben wird. Für suchtmittelhaltige Medikamente, wie z. B. opioidhaltige Schmerzmittel, ist eine eigene Bescheinigung notwendig. In manchen Ländern gelten außerdem Importverbote für solche Medikamente.
  • Dauer- und Bedarfsmedikamente abstimmen: Um unerwünschte Wechselwirkungen zu vermeiden, sollte in Absprache mit dem Arzt geprüft werden, ob regelmäßig eingenommene Medikamente und Bedarfsmedikamente kombinierbar sind.

Was die Bedarfsmedikamente betrifft, besteht die Grundaufgabe einer Reiseapotheke darin, milde Symptome zu bekämpfen bzw. eine Überbrückungshilfe zu bieten, bis ärztliche Hilfe in Anspruch genommen werden kann. Standard sollten entzündungshemmende und fiebersenkende Mittel sein. Bei Reisen in südliche Gebiete sollten Acetylsalicylsäure-Präparate vermieden werden, da sie – wie auch das Dengue-Fieber – eine Blutverdünnung bewirken.

„Auch die Möglichkeit der Selbstbehandlung von bakteriellen Infektionen sollte in der Standardreiseapotheke enthalten sein“, sagt Haditsch. Die häufigsten Infektionen auf Reisen betreffen Haut, Lunge, Harnwege (vor allem bei Frauen) und Darm. Es gibt empfohlene Breitbandantibiotika (z. B. Azithromycin), doch auch hier sollte mit dem Arzt besprochen werden, ob im Einzelfall Kontraindikationen oder Wechselwirkungen mit der Dauermedikation bestehen.

Diarrhö, häufiger Reisebegleiter

Durchfall ist die häufigste reiseassoziierte Erkrankung. 90 Prozent sind sogenannte unkomplizierte Diarrhöen, die sich symptomatisch ausreichend behandeln lassen. Laut einer Konsensusempfehlung zur Behandlung unkomplizierter Durchfallerkrankungen ist das Mittel der ersten Wahl Racecadotril (Hidrasec®). Der Enkephalinase-Inhibitor hemmt die Sekretion von Wasser und Elektrolyten ins Darmlumen und führt zu einem schnellen Sistieren des Durchfalls.1 Racecadotril ist wirksam und sicher, ohne die Nachteile anderer Durchfallmedikamente, sagt Haditsch.
Das lange Zeit bevorzugte Loperamid hat zentralnervöse Nebenwirkungen, welche Tätigkeiten wie Autofahren oder Tauchen verunmöglichen. Es wirkt über eine Hemmung der Darmperistaltik, was oft Verstopfung zur Folge hat und außerdem die Ausscheidung der durchfallerzeugenden Stoffe oder Keime verhindert. Das kann in bestimmten Fällen zu einer Verschlechterung des Durchfalls führen. Wenn schon Loperamid bei Reisediarrhö, dann sollte es mit einem Antibiotikum (z. B. dem kaum resorbierbaren Rifaximin, Colidimin®) kombiniert werden.

Aktivkohle hat übrigens in den Dosen, die üblicherweise eingenommen werden, erwiesenermaßen keinen Effekt beim unkomplizierten Reisedurchfall.1 Bei der sehr viel selteneren komplizierten Reisediarrhö ist ein Arztbesuch unbedingt anzuraten.  

Prof. DDr. Martin Haditsch
Prof. DDr. Martin Haditsch

Referenz:
1. Jelinek T et al. Reisediarrhoe.
Eine Praxisempfehlung für die
Reiseberatung. MMW – Fortschritte der Medizin. Sonderheft 4/2017


„Rasch von den Symptomen des Durchfalls befreien“
 

Bei unkomplizierten Durchfällen sind zwei wesentliche Maßnahmen zu setzen, wie Prof. Dr. Herwig Kollaritsch, Reisemediziner und Facharzt für spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin, Wien, erläutert: Zum einen ist einer Dehydrierung vorzubeugen, zum anderen sind Medikamente zu empfehlen, welche die Patienten rasch und verträglich von den Symptomen befreien.

Ärzte Woche: Wann spricht man von banaler oder unkomplizierter Reisediarrhö?

Kollaritsch: Eine banale Reisediarrhö ist eine Durchfallerkrankung, bei der man mehr als drei ungeformte Stühle am Tag hat, aber ohne nennenswerte Begleitbeschwerden wie Fieber. Es gibt keine ganz einheitliche Definition, aber für den Laien würde ich es schlicht als leichte Durchfallerkrankung bezeichnen, die einen vielleicht in der Ausübung des Urlaubsalltags behindert, aber nicht bedrohlich ist.

Ärzte Woche: Welche Bedarfsmedikamente sollte man dagegen vorsorglich mitführen bzw. was sollen ältere Reisende bei Auftreten einer unkomplizierten Diarrhö tun?

Kollaritsch: Zunächst sollte man dafür sorgen, dass man dem Organismus das, was er an Flüssigkeit und Elektrolyten verliert, wieder zuführt. Das ändert zwar nichts an der Frequenz und der Dauer der Durchfallerkrankung, aber es beugt Kreislaufproblemen vor und erhöht sozusagen den Komfort. Für die orale Rehydrierung gibt es von der WHO Rezepte und vorgefertigte Präparate zu kaufen, z. B. Normolyt®, Normhydral® und andere.

Das Zweite sind Medikamente, die einen rasch von den Symptomen des Durchfalls befreien. Hier gibt es zwei Präparatgruppen. Einmal Racecadotril, in Österreich Hidrasec®, das dafür sorgt, dass die Sekretion von Flüssigkeit aus der Darmschleimhaut in den Darm abnimmt. Das zweite ist Loperamid, ein Opiatanalogon, das die Darmperistaltik und damit die Durchfallsymptomatik verringert. Mir persönlich ist Racecadotril sympathischer, weil es ungefährlicher ist. Loperamid ist für gewisse Situationen angebracht, zum Beispiel vor einer Busreise. Aber für die ganz normale Behandlung ist sicher Racecadotril die bessere Wahl, gerade auch bei älteren Menschen, da Loperamid bekannterweise Obstipation verursachen kann.

Ärzte Woche: Was muss man bei der Einnahme von Racecadotril
(Hidrasec®) beachten?

Kollaritsch: Die einzige Wechselwirkung, von der wir wissen, ist jene mit ACE-Hemmern. Blutdruckpatienten, die ACE-Hemmer einnehmen, müssen ein wenig vorsichtig sein, aber es ist eine seltene und vermutlich keine gefährliche Interaktion. Sehr selten beobachtet man Angioödeme, dann würde man im Zweifelsfall auf ein anderes Präparat umsteigen. Insgesamt ist Racecadotril sehr sicher und unproblematisch.

Ärzte Woche: Wann reicht die Selbstmedikation nicht mehr aus
und wann sollte man einen Arzt aufsuchen?

Kollaritsch: Zum einen, wenn der Durchfall mit hohem Fieber vergesellschaftet ist. Dann besteht der Verdacht auf eine systemische Infektionskrankheit, die mit Durchfall auftritt. Beispiele hierfür sind die Influenza, die häufig Durchfälle verursacht, aber auch die Malaria tropica, bei der in 20 Prozent der Fälle anfangs Fieber und Durchfall auftreten.

Bei der Kombination hohes Fieber und Durchfall sollte man auf jeden Fall zum Arzt gehen. Und ebenfalls, wenn der Stuhl blutig ist. Dann muss auch nicht unbedingt Fieber dabei sein. Es gibt immer noch Fälle von Amöbenruhr, bei der kein Fieber, aber trotzdem ein invasives Geschehen vorliegt.  

Herwig Kollaritsch
Univ. Prof Dr. Herwig Kollaritsch

GPB.GEB.200401

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