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02.01.2023 | Gesundheitspolitik

Komm, stiller Tod

verfasst von: Reinhard Hofer

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Metabolische und kardiovaskuläre Erkrankungen verlaufen so lange unbemerkt und entfalten ihre schädliche Wirkung, dass sie als stille Killer gefürchtet sind. Lässt sich diese Lawine noch aufhalten?

Es ist ja nicht so, dass jetzt schon wieder was passiert wäre, wie in der Verfilmung des Wolf-Haas-Kriminalromans aus dem Jahr 2000. Das Unheil wächst über viele Jahre mit einem ungesunden Lebensstil – vom Übergewicht über Diabetes mellitus hin zur Herzkreislauferkrankung. 33.000 kardiovaskuläre Todesfälle werden in Österreich pro Jahr registriert. Rund 800.000 Österreicher sind von Diabetes mellitus betroffen und unter Kindern steigt die Zahl der Diabetes mellitus-Typ1-Fälle stetig an. Jeder zweite Herzinfarktpatient ist Diabetiker, mehr als 2,4 Millionen leiden an Bluthochdruck. Diese „Silent killers“ genannten verborgenen Krankmacher werden in den kommenden Jahren zunehmen und uns heimsuchen, nicht zuletzt aufgrund der Alterspyramide. Ab welchem Alter bzw. ab welcher Intensität der Risikofaktoren ist mit einer Schädigung im Herz-Kreislaufsystem zu rechnen? Wie können diese Schädigungen verhindert bzw. abgemildert werden? Auf welche Patientengruppe müssen Ärzte achtgeben?

Nach Interaktionen zwischen dem kardiovaskulären und dem metabolischen Stoffwechselsystem sucht das neue klinische Forschungsinstitut (KFI) der Johannes Kepler Universität (JKU) Linz. Ein Vorhaben ist die Erstellung eines Registers zur Erfassung sämtlicher relevanter Daten von kardiometabolisch erkrankten Patienten in OÖ.

Was gibt es heuer sonst Neues? Am europäischen Diabetes-Kongress (EASD) wurde eine britische Studie präsentiert, die eine große Gruppe von Menschen mit Diabetes mellitus-Typ 2 seit 44 Jahren laufend kontrolliert. Mit diesen Langzeitdaten wurde bewiesen, dass eine frühe Diabetestherapie zu weniger Todesfällen und zu einer geringeren Schäden an den Organsystemen führt.

Awareness auf die Risikofaktoren lenken

„In der Herzmedizin sind die heimlichen Gefahren oft jahrzehntelang vorhanden. Wir haben im Laufe unseres Lebens Stressoren bzw. Risikofaktoren, die unserem Körper viel abverlangen und vor allem die Gefäße – als Leiter des Blutes zu allen Organen – schädigen. Oft spüren wir es erst dann, wenn es zu spät ist. Die drei klassischen Risikofaktoren Diabetes, Bluthochdruck und Blutfetterhöhung schädigen über verschiedene Moleküle die Gefäßwände. Sie können sich über die verschiedensten Mechanismen gegenseitig verstärken und unter anderem das Gefäßsystem des Herzens so schädigen, dass es zu irreparablen Erkrankungen kommt. Deshalb ist es wichtig, die Awareness auf diese Zusammenhänge zu richten.

Die Ursache für den Verschluss eines Herzgefäßes ist eine Schädigung, die über Jahre durch Bluthochdruck, Diabetes etc. entstehen kann. Nichtsdestotrotz stirbt in dieser Zeit Herzmuskulatur ab. Diese hat nur für ein paar Minuten Reserven und kann sich nur dann wieder regenerieren, wenn wieder sauerstoffreiches Blut mit hinzukommt.

Ideal wäre es, wenn der Notarzt, der den Herzinfarkt diagnostiziert und die weitere Behandlung festlegt, ganz zu Beginn ein Mittel in der Hand hätte, dieses Absterben bzw. den Zelluntergang zu verhindern. Da haben wir derzeit noch kein wirksames Mittel. Momentan arbeiten wir nur an der Zeit bis zur Wiedereröffnung des Gefäßes, um den Herzschaden möglichst gering zu halten. Die Zeit ist derzeit die bestimmende Determinante. Wir wollen das zu schützende Organ aber auch besser präparieren mit einem Medikament, das sozusagen diese Pause einlegt für die Herzzellen, dass sie nicht weiter absterben.

Um möglichst viele gesunde Lebensjahre zu retten, müsste man jedoch in der Vorsorgemedizin noch viel mehr tun. Dementsprechend muss man aber Risikofaktoren identifizieren, wissen, ab wen sie bei wem Krankheiten auslösen können, und Ärzten außerhalb des Spitals eine Anleitung geben können, auf wen besonders aufzupassen ist. Die Genetik spielt zwar überall mithinein, aber durch vernetzte Forschung wollen wir herausfinden, was die Disposition zur Krankheit macht. Mit dem neuen Klinischen Forschungsinstitut wird nun ein breiter Bogen abgedeckt.“

Priv.-Doz. Dr. Clemens Steinwender, Vorstand der Klinik für Kardiologie und internistische Intensivmedizin am Kepler Universitätsklinikum Linz

Suche nach Schaltern, die eine Erkrankung vorantreiben

„Unter der Leitung der Abteilung für Pathophysiologie von Prof. Dr. David Bernhard wird aktuell ein Früherkennungsmarker für thorakale Aortenaneurysmen entwickelt, der für eine breite Anwendung, auch im Bereich der hausärztlichen Praxis und im Sinne der Versorgung, getestet wird. Zudem wird die beste Applikationsroute für einen neuen Wirkstoff aufgeklärt, der Geweben bei Sauerstoffmangel bei Herzinfarkt, Schlaganfall, Transplantation etc. schützt.

Dieser Wirkstoff und dessen Applikationsroute werden die Zeit bis zur ersten Behandlung – z. B. bei Herzinfarkt – verkürzen und somit Schaden verhindern oder zumindest verringern.

In unserer Abteilung beschäftigen wir uns mit der Erforschung und der Entstehung altersbedingter kardiovaskulärer Erkrankungen. Das erfordert eine enge Zusammenarbeit zwischen den klinischen Instituten und der Pathologie. Unsere Aufgabe ist die Vernetzung von Daten und die Definition neuer Biomarker vor allem in der Früherkennung und beim Erkrankungsprogress. Wir gehen der Frage nach, welche Schalter im Metabolismus oder in den Zellen eine Krankheit vorantreiben, und wie wir diese in der Früherkennung, aber auch in der Behandlung der Patienten anwenden können. Welche Umweltfaktoren lassen Krankheit entstehen und welche Einflüsse auf den Körper, wie etwa Bewegung und Ernährung, können die Krankheit an sich schon verlangsamen oder verhindern. So können wir auch gezielter Empfehlungen abgeben und somit besser in die Köpfe der Menschen bringen, damit sie ein bisschen gesünder leben.

Der Wirkstoff, an dem ich zurzeit forsche, soll bei Herzinfarkten als Akutmedikation eingesetzt werden bzw. auch zur Organprotektion und Präservation bei Herztransplantationen. Ziel ist immer, eine Schwächung des Herzmuskels zu verhindern. In Zellkulturen, aber auch im Tierversuch hat diese Substanz grundsätzlich bereits das Potenzial gezeigt, unter Hypoxie als auch bei der Reperfusion hilfreich zu sein. Meine Aufgabe ist es herauszufinden, ob sie nicht nur wirkungsvoll, sondern auch sicher ist.“

Marina Müller, MSc, Zentrum für Medizinische Forschung,Institut für Physiologie und Pathophysiologie, JKU Linz

Prä-Diabetes ist ein unglücklich gewählter Begriff

„Bleibt der Diabetes mellitus lange unbemerkt bzw. unbehandelt, kommt es zu einer Schädigung der Gefäße und aller anderen Organsysteme. Betroffen sind vor allem Nieren, Augen, Herz und Nerven. Myokardinfarkt-Patienten sind zu mehr als 50 Prozent Diabetes-Patienten, jene mit Schlaganfall zu 50 bis 70 Prozent. Herzinsuffizienz-Patienten haben zu 80 Prozent Diabetes oder Prä-Diabetes.

Diabetes sollte so früh wie möglich diagnostiziert werden, weshalb ich den Begriff ,Prä-Diabetes’ eher für unglücklich gewählt halte. Liegt der Blutdruck über dem Normalwert, spricht man auch nicht von ,Prä-Hypertonie’.

Diabetes mellitus geht nicht nur mit einer erhöhten Blutglukose, sondern auch mit einer Veränderung des Fettstoffwechsels und anderer Substanzen einher. Er führt letztendlich dazu, dass nicht nur die Gefäße, sondern auch direkt die Herzmuskelzellen und viele andere Zellen geschädigt werden. Leichte Blutglukose-Erhöhungen verlaufen symptomlos, entfalten aber bereits ihre schädliche Wirkung. In der Phase des Prä-Diabetes kommt es bereits zu einer 40-prozentigen Erhöhung des Herzinfarkt- und eines 13-prozentigen Erhöhung des Sterberisikos.

Übergewicht ist der wesentliche Treiber des Typ-II-Diabetes, früher als Altersdiabetes bekannt. Typ-II-Diabetes, der ungefähr 90 bis 95 Prozent aller Diabetes-Erkrankungen ausmacht, ist eine grundsätzlich genetisch festgelegte Erkrankung. Die Faktoren Bewegungsarmut und Übergewicht – 50 Prozent der österreichischen Bevölkerung sind übergewichtig, 20 Prozent sind adipös – führen dazu, dass viele toxische Substanzen vor allem aus dem Bauchfett bewirken, dass die Bauchspeicheldrüse nicht mehr so viel Insulin ausschüttet und es frühzeitig zum Diabetes kommt. Durchschnittlich dauert es fünf Jahre, bis ein Diabetes mellitus diagnostiziert wird. Risikofaktoren sind ein Alter über 45 Jahre, Übergewicht, Herzkreislauf-Vorerkrankungen, wenig Bewegung oder bei Frauen ein Schwangerschaftsdiabetes. Die Krankheit ist aber auch genetisch festgelegt: Wenn ein Elternteil Diabetes hat, bekommen 40 Prozent der Kinder auch Diabetes. Wenn beide Eltern krank sind, sind es sogar 80 Prozent. Bei eineiigen Zwillingen sind es 100 Prozent. In diesen Fällen ist eine regelmäßige Kontrolle des Blutzuckerspiegels sinnvoll.“

Prof. Dr. Martin Clodi, Vorstand der Abteilung für Innere Medizin, Krankenhaus der Barmherzigen Brüder, Linz


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Metadaten
Titel
Komm, stiller Tod
Schlagwort
Gesundheitspolitik
Publikationsdatum
02.01.2023

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