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Ärzte Woche

14.09.2020 | Gesundheitspolitik | Ausgabe 38/2020

COVID.19-Symptome

Sinneswandel

Geruchs- und Geschmacksverlust sind ein häufiges Symptom einer Infektion mit SARS-CoV-2. Doch haben die Symptome auch größeres Potenzial als Diagnosekriterium? Werden neurologische Ausfälle unterschätzt?

In einer Studie aus Wuhan wurden Patientenakten und Untersuchungsbefunde von ca. 200 Personen mit COVID-19 analysiert. Rund ein Drittel zeigte neurologische Ausfälle. Neben Schwindel, Bewusstseinstrübungen, Lähmungen und Kopfschmerzen äußerten fünf Prozent Geschmacksstörungen. Und weitere fünf Prozent hatten auch Störungen des Geruchssinns zu beklagen. Bei einer Befragung von COVID-19-Patienten in Italien gab immerhin ein Drittel an, entweder eine Störung des Geruchs- oder des Geschmackssinns zu haben. Knapp 20 Prozent berichteten von beidem. In einer belgischen Untersuchung litten gar 86 Prozent der an COVID-19-Erkrankten an Störungen des Geruchssinns, die mit Sicherheit nicht durch die von Erkältungen bekannte verstopfte Nase verursacht waren.

An den Zahlen lässt sich ablesen, wie diffus die Datenlage noch ist. Daher haben sich Sensorik-Wissenschaftler zu einem Global Consortium for Chemosensory Research zusammengetan, um die potenziellen Zusammenhänge weltweit zu untersuchen. Unter gcchemosensr.org werden COVID-19-Patienten aufgerufen, online einen Fragebogen auszufüllen und ihre Symptome zu beschreiben. In der Selbstdiagnostik können Geschmacks- und Geruchsverlust – neben anderen Symptomen – ein Warnsignal sein, sich an einen Arzt zu wenden. Als Diagnoseparameter gelten sie als zu unscharf. Generell wurden neurologische Manifestationen zu Beginn der Pandemie unterschätzt. Heute raten Experten, ambulante COVID-19-Patienten, die über den Sinnesverlust hinausgehende Symptome haben, in eine neurologische Klinik zu überweisen. Die S1-Leitlinie „Neurologische Manifestationen bei COVID-19“ finden Sie hier: https://bit.ly/2F9FWcN

Karin Martin

Weitere Informationen:

gcchemosensr.org

Riechstörung ohne verstopfte Nase kann Warnzeichen sein

„Der Geruchssinn ist weit wichtiger, als wir denken. Wir nehmen damit Gefahrenquellen aus unserer Umgebung wahr, z. B. Gas oder Rauch, und analysieren über das retronasale Riechen den Mundinhalt. Der Geruchssinn hat daher eine Wächterfunktion und spielt eine große Rolle beim Genuss während des Essens und Trinkens. Darüber hinaus kommunizieren wir über Körpergerüche miteinander und nehmen andere Menschen als vertraut oder erregend wahr – wenn auch beim Menschen keine Pheromone bekannt sind.

Der Geruchssinn kann durch verschiedene Konditionen verändert werden. Während akute oder chronische Entzündungen der Schleimhaut und Nasennebenhöhlen zu einer konduktiven Beeinträchtigung des Riechens führen können, sind verschiedene neurologische Störungen mit unterschiedlicher Häufigkeit mit einer Riechstörung verbunden. Dazu zählen Schädel-Hirn-Traumata, sowie die Parkinson- und die Alzheimer-Erkrankung. Bei Letzteren treten die Riechstörungen mehrere Jahre bis Jahrzehnte vor den typischen Symptomen auf. Sie könnten daher theoretisch in der Früherkennung eingesetzt werden. Praktisch ist das noch nicht möglich, weil ungefähr 20 Prozent der Bevölkerung Probleme mit dem Geruchssinn haben und Riechtests noch nicht spezifisch genug sind. Betroffene wissen oft gar nicht, dass ihr Geruchssinn beeinträchtigt ist, meist beklagen sie sich wegen der Verwechslung mit dem retronasalem Riechen über eine Beeinträchtigung des Schmeckens.

Seit Ausbruch der COVID-19-Pandemie häufen sich Berichte über Riechstörungen bei Patienten. In der Tat kann sie das einzige Symptom bei anderweitig asymptomatischen Infizierten sein. Vor allem eine abrupt auftretende Riechstörung ohne verstopfte Nase kann ein Warnzeichen sein und sollte Betroffene zum Screening veranlassen. Noch ist nicht genau bekannt, wie das SARS-Cov-2-Virus die Riechschleimhaut infiziert, vor allem Stützzellen exprimieren den ACE 2-Rezeptor und sind daher Hauptkandidaten. Wir wissen auch noch nicht, wie sich die COVID-19 induzierte Riechstörung langfristig entwickelt; anekdotisch wird häufig über Parosmien berichtet, eine qualitativ veränderte Wahrnehmung von Riechreizen. Vanille – und alles was Vanille enthält – kann dann nach Verbranntem riechen. Bei COVID-19 können wir über den Geruchssinn viel über die Erkrankung lernen.“

Prof. Dr. Johannes Frasnelli, Neurowissenschafter an der Universität Québec à Trois-Rivières/Anatomie, Autor von„Wir riechen besser, als wir denken“, Molden Verlag

Warnsignal im Rahmen der Selbstdiagnostik

„Es könnte durchaus sein, dass die respiratorischen Probleme der COVID-19-Patienten nicht nur durch zerstörtes Gewebe in der Lunge verursacht sind, sondern auch durch den Befall des Steuerungszentrums im Stammhirn. Schon 2005 hat der Molekularbiologe Josef Penninger publiziert, dass das SARS-Virus, welches bereits 2002 eine Epidemie ausgelöst hat, über ein Protein namens ACE 2 ( Anm.: Angiotensin Converting Enzyme 2 ) ins Gewebe eintritt. ACE 2 liegt in verschiedenen Gewebetypen vermehrt vor, u. a. in den Riechsinneszellen. Penninger entwickelte rekombinantes ACE 2, das auf Rezeptoren des Virus andockt und so verhindern soll, dass es an Zellen des Gewebes bindet. Das wird jetzt erprobt, und man erhofft sich positive Effekte, da ACE 2 auch bei Heilungsprozessen im Lungen- oder Darmgewebe eine Rolle spielen dürfte.

In der bisher publizierten Forschung wird wiederholt darauf hingewiesen, dass es noch zu früh für klare Aussagen und langfristige Abschätzungen der Folgeschäden ist. Die gute Nachricht aber scheint zu lauten: Es wurde bisher beobachtet, dass die COVID-19 verursachten neurologischen Ausfälle in den allermeisten Fällen reversibel waren, d. h. die Erkrankten haben ihren Geruchs- oder Geschmackssinn im Zuge der Genesung wiedererlangt.

Zahlen belegen, dass Frauen häufiger betroffen sind als Männer, insbesondere nach der Menopause. Hormone in der reproduktionsfähigen Phase scheinen protektive Effekte zu haben. Es wurde auch argumentiert, dass Frauen aufgrund ihrer besseren chemischen Wahrnehmungsfähigkeiten eher bemerken, wenn sie Ausfälle in Geschmack und/oder Geruch haben. Aber ich denke nicht, dass das die Ursache der höheren Fallzahlen unter Frauen ist. Da die Geruch- und Geschmacksausfälle eher in der frühen Phase der Erkrankung beobachtet werden, ist die Idee rasch aufgetaucht, man könnte Geruchstests einsetzen, um eine Infektion früh zu erkennen. Der Verlust an gustatorischer und / oder olfaktorischer Wahrnehmungsfähigkeit scheint als präziser medizinischer Diagnoseparameter zu unscharf zu sein, kann aber im Rahmen der Selbstdiagnostik ein Warnsignal sein, sich an einen Arzt zu wenden – neben anderen Symptomen wie trockener Husten und Fieber. Ob so eine Geruchsgeschmackstest tatsächlich funktioniert bzw. in welcher Form ein solcher Test machbar wäre, ist daher noch unklar.“

Prof. DI Dr. Klaus Dürrschmid, Institut für Lebensmittelwissenschaften, BOKU Wien, Autor von „Zungenbekenntnisse“, Brandstätter Verlag

Langzeitschäden wie Chronic Fatigue Syndrome vermeiden

„Bei 50 Prozent der Betroffenen einer Infektion mit SARS-CoV-2 scheint es zu Beeinträchtigungen von Geruchs- und Geschmacksinn zu kommen, wobei die Zahlen in unterschiedlichen Studien teilweise stark variieren. Der ACE 2-Rezeptor, den SARS-CoV-2 nützt, scheint eher in der Mukosa der Nase als in den Geruchsneuronen selbst vorhanden zu sein, wobei hier noch keine endgültige Festlegung gemacht werden kann.

Ein plötzlicher Riechverlust kann hinweisend auf eine akute Infektion mit SARS-CoV-2 sein. Andererseits ist der Verlust des Geruchssinns etwas relativ häufiges, kann auch bei anderen viralen Infektionen oder im Kontext von neurologischen Erkrankungen wie Parkinson auftreten. Wesentlich ist es daher, auf begleitende Symptome und auch die zeitliche Dynamik zu achten. Die Einschränkung scheint bei den meisten Betroffenen nicht permanent zu sein. In der Literatur wurde beschrieben, dass neun von zehn Patienten nach vier Wochen eine deutliche Verbesserung erleben.

Für anhaltende Probleme mit dem Geruchssinn gibt es für COVID-19 keine klare Therapie. Geruchstraining kann gemacht werden, intranasales Vitamin A und systemische Omega-3-Fettsäuren begleitend versucht werden. Intranasales oder systemisches Kortison sollte nicht verwendet werden.

Grundsätzlich kann eine Infektion mit SARS-CoV-2 zu neurologischen Komplikationen führen. Eine direkte Schädigung des Nervensystems wurde nur in Einzelfällen nachgewiesen. Generell sind neurologische Symptome sekundär einzuordnen, beispielsweise durch zerebrale Hypoxie aufgrund der Lungenschädigung, Schlaganfall aufgrund einer Koagulopathie oder Autoimmunerkrankungen wie Myasthenia gravis oder Guillain-Barré-Syndrom aufgrund einer immunologischen Fehlregulation.

Wesentlich sind die beschriebenen Langzeitfolgen, oft bezeichnet als ,Long-Haul Covid‘. Hier ist abzugrenzen zwischen jenen Betroffenen, die manifeste Organschäden haben, und denen, die oftmals nach als mild eingestuften Infektionen ohne klare erkennbare Ursache in ihrer Lebensqualität beeinträchtigt sind. Es ist wesentlich, besonders bei diesen Menschen, die nach oft banaler körperlicher Anstrengung eine deutliche Zustandsverschlechterung erleben, genau hinzuhören, um Langzeitschäden wie ein Chronic Fatigue Syndrome zu vermeiden.“

Dr. Michael Stingl, Facharzt für Neurologie, Facharztzentrum Votivpark, Wien 

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