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Innere Medizin 7. Juli 2014

Goldberg-Variationen lassen den Blutdruck fallen

Musik wirkt gegen Hochdruck, Andante cantabile besser als Allegro energico.

Entspannungstechniken zum Stressabbau gehören zu den wirksamen nicht-pharmakologischen Therapien des Bluthochdrucks. Auch Musik scheint therapeutisch zu wirken: Auf der Jahrestagung der Deutschen Hochdruckliga wurden erste Studien vorgestellt. Notwendig ist aber ruhige klassische oder Lounge-Musik. House, Rap und Techno eignen sich weniger.

Die nicht-medikamentöse Therapie bei Hypertonie hat einen hohen Stellenwert. Von zahlreichen Fachgesellschaften werden Gewichtsabnahme bei Übergewicht, salzarme Kost, fettarme Ernährung mit reichlich Gemüse und Obst, Einschränkung des Alkoholkonsums auf weniger als 30 g/Tag, regelmäßige körperliche bzw. sportliche Betätigung (ca. vier- bis fünfmal pro Woche 30 bis 40 min) und Rauchverzicht nachdrücklich empfohlen. Für diese Maßnahmen ist mit hohem Evidenzgrad nachgewiesen, dass sie zu einer lang anhaltenden Blutdrucksenkung von im Mittel 2–7/1–4 mmHg, in vielen Fällen auch stärkeren Abnahmen führen (Eckel et al.: ACC/AHA-Guideline; Circulation 2013).

Die Zahlen stammen aus methodisch zuverlässigen Studien und sind nur wenig niedriger als die Ergebnisse aus großen Interventionsstudien mit Antihypertensiva. Deshalb darf man darauf vertrauen, dass die genannten Maßnahmen auch hypertensive Folgeschäden verhindern, obwohl dies nur für die salzarme Kost bei kardiovaskulären Erkrankungen mit Ausnahme der Herzinsuffizienz nachgewiesen ist.

Probleme bei der Umsetzung

Die genannten Allgemeinmaßnahmen sind sinnvoll, weil sie natürlich und nebenwirkungsfrei sind, oftmals kausal wirken (z. B. Gewichtsabnahme, salzarme Kost) und manchmal eine Dosisreduktion der Antihypertensiva oder gar den Verzicht auf ihre Verordnung erlauben. Leider sind sie meist aufwendig, kostenträchtig und zeitraubend, teils verlangen sie hohe Motivation und Willensstärke (z. B. alle Lebensstiländerungen, Gewichtsabnahme, Einschränkung des Alkoholkonsums, Rauchverzicht). Auf jeden Fall sind sie anspruchsvoller als die tägliche Einnahme von einigen Tabletten. Deshalb werden sie bedauerlicherweise bei der antihypertensiven Therapie trotz des guten Wirksamkeitsnachweises häufig nicht genutzt, und es wird immer wieder nach neuen wirksamen, besser praktikablen nicht-medikamentösen Maßnahmen zur Behandlung der Hypertonie gesucht.

Entspannungsmaßnahmen bei Stress

Ein Ansatz richtet sich auf den Abbau von psychosozialem Stress. Dieser führt über eine Aktivierung des Sympathikus zu körperlichen Reaktionen, z. B. Anstieg von Blutdruck, Herz- und Atemfrequenz sowie der Muskelspannung. Es ist zwar umstritten, ob Dauerstress selbst oder damit assoziierte Risikofaktoren – wie schlechte Essgewohnheiten, Alkoholkonsum, Schlafstörungen und Rauchen – zu stabiler Hypertonie und letztlich zu kardialen Komplikationen führen. Doch gelingt es, mit Entspannungstherapie und Verfahren zur Stressbewältigung den Blutdruck zu senken. Dazu zählen Meditation, Akupunktur, Biofeedbacktechniken, Muskelrelaxation und autogenes Training.

In einer Metaanalyse führen diverse Entspannungsverfahren zu einer signifikanten Senkung des Blutdrucks um 3,7/3,5 mmHg, wobei allerdings eine erhebliche Heterogenität bestand (NICE 2011). Diese Methoden werden in den Leitlinien von Fachgesellschaften zur Therapie der Hypertonie entweder nicht erwähnt (ESH/ESC 2013; JNC 8 2014; ASH/ISH 2014) oder nicht empfohlen (NICE 2011).

Bioakustische Musiktherapie bei Hypertonie

Ein neues Verfahren wurde unter dem Titel „Blutdrucksenkung durch Musik oder Musik statt Valium“ auf dem 37. Jahreskongress der Deutschen Hochdruckliga von Prof. Dr. Ing. Petra Friedrich aus Kempten vorgestellt. Musik ist ein potenzielles Therapeutikum bei stressinduzierter Hypertonie, weil akustische Signale vom Innenohr über Formatio reticularis, Thalamus und Hypothalamus schließlich die Großhirnrinde erreichen und die zentrale Kreislaufregulation modulieren. Sie führt zu emotionalen und hormonellen Änderungen im vegetativen Nervensystem und beeinflusst dadurch nicht nur die Stimmung, sondern auch Körperfunktionen wie Herz- und Atemfrequenz sowie Blutdruck.

Die durch Musik induzierte Blutdrucksenkung läuft über eine Aktivierung des Parasympathikus. Unterschieden werden muss zwischen ergo- und trophotroper Musik, die zu gegenteiligen Körperreaktionen führen. Ergotrope Musik ist durch hohe Lautstärke und Tempowechsel charakterisiert, sie aktiviert den Körper und verleitet zum Mitsingen, Tanzen und Gruppenaktivitäten. Demgegenüber ist trophotrope Musik durch geringe Lautstärke, geringe oder fehlende Lautstärkeschwankungen und geringes Tempo gekennzeichnet und wirkt entspannend auf Körper und Geist (meditative Musik). Beispiele der klassischen Musik sind vor allem langsame und leise Sätze, z. B. von Tomaso Albinoni (Adagio g-moll für Orgel und Streicher), Johann Sebastian Bach (Aria aus der Orchestersuite Nr. 3), Giuseppe Tartini (Adagio cantabile) oder Arcangelo Corelli (Adagio).

In einer Studie aus dem Jahr 2009 lagen 60 herzgesunde Probanden für drei Stunden auf einer Liege mit geschlossenen Augen. Während der Beschallung über Kopfhörer mit der Aria aus Johann Sebastian Bachs Orchestersuite Nr. 3 sanken Blutdruck und Herzfrequenz signifikant um 7,5/4,9 mmHg bzw. 7,5/min ab und stiegen anschließend wieder um 4,2/5,7 mmHg bzw. 10,6/min an ( Trappe HJ: Dtsch Med Wochenschr 2009; 134: 2601–06 ).

In einer anderen Studie, über die Friedrich berichtete, sank der Blutdruck bei 14 Probanden um im Mittel 2,6/1,5 mmHg.

Offene Fragen

Es gibt bereits zahlreiche Studien zur Wirkung der Musik bei verschiedenen Krankheiten. „Die Studien bei Bluthochdruck sind aber quantitativ und qualitativ noch unzureichend“, meint Prof. Dr. Heinrich Holzgreve, Kardiologe aus München. Selbst wenn in weiteren, methodisch zuverlässigen Studien mit ambulanter Langzeitmessung eine Blutdrucksenkung nachgewiesen wird, würden noch zahlreiche Fragen offen bleiben:

• Bleibt die Blutdrucksenkung langfristig — nur mit dauerhafter oder auch zeitlich begrenzter Musiktherapie — erhalten?

• Welche Musik ist für den individuellen Patienten geeignet? Bislang wurde vornehmlich trophotrope Musik von Bach, Mozart und italienischen Barockkomponisten untersucht. Nicht jedem gefällt klassische Musik. Wie wird die für den Patienten geeignete, therapeutisch wirksame Lieblingsmusik bestimmt?

• Ist die Musik nur beim entspannt sitzenden oder liegenden Hypertoniker wirksam, oder reicht auch die Beschallung während Arbeit und Freizeit? Wie lange ist die Dauer der erforderlichen Beschallung, ist sie für alle Patienten einheitlich?

• Wie viele Hypertoniker sind bereit, regelmäßig Musik zu hören? Ist die Compliance für die Musiktherapie besser als bei anderen, bereits etablierten Allgemeinmaßnahmen?

Um die Musiktherapie bei Bluthochdruck in der Alltagsroutine zu verankern, seien noch viele Untersuchungen erforderlich, meint Holzgreve.

Quelle: MMW – Fortschritte der Medizin 2014/6; basierend auf: 37. Kongress der Deutschen Hochdruckliga, Münster, 12. bis 14. Dezember 2013

CL/springermedizin.de, Ärzte Woche 28/2014

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