zur Navigation zum Inhalt
US-Blutdruckstudie zeigt: tiefer als 140 systolisch ist besser (v. l. n. r.:Univ.-Prof. Dr. Bruno Watschinger, Wien, Priv.-Doz. Dr. Thomas Weber, Wels,Dr. Siegfried Wassertheurer, Wien). APA-Fotoservice
 
Kardiologie 24. Februar 2016

Runter mit dem Blutdruck bei Risikopatienten

Als Ziel für Patienten mit Hypertonie wird ein Wert von 140/90 mmHg empfohlen. Doch Risikopersonen profitieren eindeutig von einem Zielwert von unter 120/70 mmHg, wie die SPRINT-Studie zeigte.

In in Zeiten von „evidence based medicine“ ist die kürzlich publizierte SPRINT-Studie definitiv ein Meilenstein. „Die Ergebnisse haben uns veranlasst, die bisherigen Blutdruckzielwerte zu überdenken“, sagt PD Dr. Thomas Weber vom Klinikum Wels-Grieskirchen, Präsident der Gesellschaft für Hypertensiologie (ÖGH) – und meint damit: „Bis jetzt wurden meist Blutdruck senkende Mittel miteinander verglichen, hier geht es aber ausschließlich um das Ausmaß der Blutdrucksenkung selbst.“ Mehr als 9300 Patienten mit erhöhtem kardiovaskulären Risiko waren zwei Behandlungsgruppen zugeteilt worden: In der Standardgruppe wurde ein RR-Ziel < 140 mmHg systolisch angepeilt, in der intensivierten Gruppe lag das Ziel bei < 120 mmHg systolisch. Teilnehmer dieser Gruppe brauchten zwar im Schnitt um ein Medikament mehr, der Benefit der intensivierten Therapie trat aber bald zutage. Nach etwas mehr als drei Jahren wurde die auf 7,5 Jahre angelegte Studie vorzeitig abgebrochen: Zu diesem Zeitpunkt lag der kombinierte Endpunkt (Schlaganfall, Myokardinfarkt oder Herzinsuffizienz) in der Intensiv-Gruppe um 25 Prozent niedriger als in der Standardgruppe. Die Gesamtsterblichkeit war um 27 Prozent reduziert.

Was bedeuten diese Resultate für die Praxis?

Viele der Patienten haben vom niedrigeren Blutdruckziel profitiert, zumal die Nebenwirkungsrate vertretbar war. Unerwünschte Effekte wie Hypotension oder Synkopen waren zwar im intensiven Behandlungsarm häufiger, gingen aber nicht mit einem höheren Verletzungsrisiko durch Stürze einher. Rechnerisch legen die SPRINT-Ergebnisse nahe, „dass durch eine intensivere Behandlung bei 90 Patienten ein Todesfall verhindert werden kann“, so Weber.

Eine erst kurz vor Weihnachten im Journal Lancet erschienene Metaanalyse von 123 Studien mit 600.000 Patienten aus den Jahren 1966 bis 2015 hat den Effekt einer größeren Blutdrucksenkung wie in der SPRINT-Untersuchung auf einer noch breiteren Datengrundlage belegt. „Jede Reduktion des systolischen Blutdrucks um 10 mmHg verringerte die Gefährdung durch Herz-Kreislauferkrankungen um ein Fünftel, das Risiko für einen Schlaganfall oder chronische Herzschwäche um ein Viertel und das Mortalitätsrisiko um 13 Prozent, fasste Weber die Ergebnisse zusammen.

Auch die Gefäßelastizität korreliert mit dem Risiko

Neben dem Blutdruckwert könnten künftig auch neue Parameter in die Beurteilung des kardiovaskulären Risikos von Patienten mit Hypertonie einfließen, etwa die Pulswellengeschwindigkeit, die Rückschlüsse auf die Elastizität der Arterien zulässt.

Umso erfreulicher ist, dass Wissenschaftler des Austrian Institute of Technology (AIT) mit ihrer AIT-ARCSolverTechnologie eine Methode gefunden haben, mit der bei der herkömmlichen Blutdruckmessung auch eine Pulswellenanalyse ohne invasive Verfahren möglich wird. Laut dem Entwickler Dr. Siegfried Wassertheurer bringt das eine viel genauere Aussage über das Risiko von Bluthochdruckpatienten.

Wassertheurer vergleicht den Widerstand der Blutgefäße gegen die Pumparbeit des Herzens mit einem Kelomat, „allerdings pfeift der, wenn der Druck zu hoch wird.“ Er habe sich eingehend mit den Veränderungen der Pulswelle beschäftigt und dabei prognostisch relevante Charakteristika identifiziert. „Bei steiferen Gefäßen muss das Herz viel mehr arbeiten, um die gleiche Menge Blut zu transportieren. Je härter das Blut an seinem Bestimmungsort ankommt, desto stärker wird das kardiovaskuläre Gleichgewicht gestört.“ Kein Wunder also, dass die American Medical Association (AMA) seit Jänner 2016 die nicht-invasive Analyse der zentralen arteriellen Druckwellenformen als neuen verrechenbaren Code in ihr Abrechnungsschema übernommen hat.

Die Hypertonie ist der größte Risikofaktor für chronische Herz-Kreislauf-Erkrankungen. In Österreich weisen 38 Prozent der Menschen einen zu hohen Blutdruck auf. An den 33.137 kardiovaskulären Todesfällen, die die Statistik Austria 2014 zählte, ist die Hypertonie demnach wesentlich beteiligt.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben