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© Spotmatik/istock
Immobilität erhöht die Patientensterblichkeit, sagen die zumindest Autoren einer Wiener Studie.
 
Innere Medizin 20. Juli 2015

Lebenserwartung von Krankenhauspatienten

Kritischer Blick auf Essen, Trinken und Mobilität der Patienten.

Im internationalen Durchschnitt sterben rund drei Prozent aller Patienten eines Krankenhauses innerhalb von 30 Tagen nach Aufnahme im Spital. Sollten es mehr sein, muss man sich Sorgen machen. Aufschluss darüber gibt ein neues Instrument einer Forschergruppe um Michael Hiesmayr und Karin Schindler an der MedUni Wien. Der individuelle Umgang mit Patienten könnte sich stark ändern.

Der Hausverstand hätte einem das auch sagen können: Ob Patienten einen Spitalsaufenthalt überleben, hängt vom Alter, der Krankheit, dem Gewicht und auch vom dem Ess- und Mobilitätsverhalten ab. Doch banal ist die Erfindung von Prof. Dr. Michael Hiesmayr und Kollegen keineswegs. Das neues Messinstrument kann vorhersagen, wie welcher Wahrscheinlichkeit Patienten die nächsten 30 Tage überleben.

Es basiert auf sieben sehr einfachen Größen, erklärte Hiesmayr vor Kurzem der ORF-Wissenschaftsredaktion: „Damit können wir die individuelle Lebenserwartung von Krankenhauspatienten und -patientinnen ermitteln. Im internationalen Schnitt sterben rund drei Prozent aller Patienten eines Krankenhauses im Zeitraum von der Messung bis 30 Tage danach, sagt Hiesmayr. Sind es mehr, sollten die Alarmglocken bei den Verantwortlichen läuten. Sind es weniger, aber auch: Denn dann liegen vermutlich Menschen in den Betten, die gar keinen Spitalsaufenthalt benötigen.“

Die neue Methode („Pandora: Patient- And Nutrition-Derived Outcome Risk Assessment“) könnte daher als Vergleichsinstrument für die Qualitätssicherung von Krankenhäusern verwendet werden. Eingegeben werden nur Größe, Gewicht, Alter, Ess- und Trinkverhalten, Mobilität und Gesamtzustand des Patienten und damit können wichtige Vergleichszahlen geliefert werden, heißt es in der im Online-Journal PloS One (DOI:10.1371/journal.pone.0127316) veröffentlichten Studie.

Das könne auch den individuellen Umgang mit Patienten verändern. Denn einige Faktoren wie Gewicht und Alter seien nicht zu ändern, andere aber schon. „Wenn mit dem Messinstrument hohe Prozentzahlen herauskommen, sollte man sich Essen, Trinken und Mobilität genau ansehen“, so Hiesmayr. „Beim Essen ist es einfach: Je weniger Patienten essen, desto schlechter.“ Die über die Jahre am Nutrition Day erhobenen Daten zeigen, dass ein mit der Krankheit assoziierter Gewichtsverlust im Spital die Mortalität erhöht. „Die meisten kommen mit einem bestehenden Ernährungsproblem ins Spital“, sagt Hiesmayr.

Auch die Bewegungslosigkeit in den Spitalsbetten erhöhe die Wahrscheinlichkeit, in den nächsten 30 Tagen zu sterben. „In vielen Stationen ist es jetzt schon gelungen, Routinen anzupassen, Ernährungsrisiken bereits bei der Aufnahme zu erfassen, die gegessene Menge an Nahrung zu überwachen und den Ernährungszustand und einen Therapieplan im Entlassungsbrief anzugeben.“ Das sagt Dr. Karin Schindler, Mitbegründerin des Projekts von der Klinik für Innere Medizin III an der MedUni Wien.

Hiesmayr, der Leiter der klinischen Abteilung für Herz-Thorax-Gefäßchirurgische, Anästhesie und Intensivmedizin an der MedUni Wien, hofft, dass das neue Instrument in die Routinedokumentation von Krankenhäusern übernommen wird. Für die Entwicklung von „Pandora“ wurden über 43.000 Patienten-Daten aus rund 2.500 medizinischen Einrichtungen in 59 Ländern herangezogen und diese mit weiteren 13.000 Patienten-Befragungen verglichen. Bei der laut Hiesmayr weltweit ersten derartigen Messmethode handelt es sich um eine konkrete Umsetzung aus dem Projekt „nutritionDay worldwide“, das er gemeinsam mit Schindler vor zehn Jahren ins Leben gerufen hat.

Ziel des Projekts war und ist es, weltweit eine Karte zu erstellen, in der die Häufigkeit von Mangelernährung, der Ernährungszustand von Patienten sowie die ernährungsrelevanten Versorgungsstrukturen in Krankenhäusern und Pflegeheimen ersichtlich sind. Denkbar sei auch ein Online-Risikorechner, den der Betroffene, sofern er dazu in der Lage ist, selbst ausfüllt. „Die Ergebnisse können zukünftig auch in die Patientenakte einfließen. Derzeit ist der Score ein Werkzeug, um die Schwere einer Erkrankung besser zu beschreiben und in Zahlen gießen zu können.“

MedUni Wien, Ärzte Woche 28/2015

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