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Larrey-Medaille.
© (2) Historisch/Regal

Fliegende Ambulanz in den Napoleonischen Kriegen.

 
Chirurgie 15. Juni 2015

Sans Frontières

Dominique Jean Larrey galt einmal als der „beste Wundarzt aller Zeiten“.

Napoleon I. bezeichnete ihn als den „verdienstvollsten Mann, den ich gekannt habe“. Theodor Billroth hielt ihn für den besten Wundarzt aller Zeiten. Für Ferdinand Sauerbruch war er der Vater der modernen Kriegschirurgie und „neben Paracelsus der größte Arzt der letzten 500 Jahre“. Sein Name ist mitten unter den hochdekorierten Kriegshelden am südlichen Pfeiler des Arc de thriomphe in Paris verewigt. Dominique Jean Larrey war als Mensch, Arzt und Militärchirurg eine Legende. Heute ist er beinahe vergessen.

Die medizinische Nomenklatur kennt die Larreysche Spalte, jene Bruchpforte für die gleichnamige, eher selten vorkommende Zwerchfellhernie und den Larreyschen Punkt, jener Orientierungspunkt im Winkel zwischen Xyphoid und linksseitigem sternalem Rippenbogenansatz zur Perikardpunktion. Kaum jemand weiß aber, dass auch die Bezeichnung „Schock“ auf Larrey (1766–1842) zurückgeht. Als Kriegschirurg beobachtete er, dass bei manchen Soldaten nach einem stumpfen Bauchtrauma (französisch choc für Schlag) der Kreislauf zusammenbrach, sie blass und kaltschweißig wurden und ohne sichtbare äußere Verletzung dahinschieden. Larrey fand schließlich heraus, dass sie an inneren Blutungen verstorben waren und übertrug diese Beobachtung auch auf Verletzungen mit hohem Blutverlust, die primär nicht tödlich gewesen wären. „Symptome de Choqué“ nannte er diese lebensgefährliche Komplikation.

Vom Rand ins Zentrum

Um hohe Blutverluste auch bei weniger schweren Verletzungen zu vermeiden, versuchte Larrey die chirurgische Versorgung auf den Schlachtfeldern zu verbessern. In den Kriegen am Ende des 18. Jahrhunderts war es üblich, dass die Ambulanzen am Rande des Schlachtfeldes das Ende der Schlacht abwarteten und erst dann ausschließlich die eigenen Verwundeten einsammelten. So konnte es vorkommen, dass verletzte Soldaten oft tagelang auf Hilfe warten mussten oder sie bei dem hin und her der Front von den Gegnern endgültig niedergemetzelt wurden. Nicht verwunderlich, dass bei dieser Art der medizinischen Hilfe, die meisten Verwundeten nicht an ihren Verletzungen, sondern wegen der mangelnden medizinischen Versorgung starben.

Um diese Situation zu verbessern, entwickelte Larrey das System der „ambulances volantes“, der fliegenden Ambulanzen. Damit erfüllte er nicht nur ein dringendes humanitäre Anliegen, sondern legte den Grundstein zur modernen Notfallmedizin: Den Arzt zum Patienten, in diesem Fall nahe an die Front zu bringen, und nicht den Verwundeten über große Entfernungen zum Arzt transportieren zu lassen. Er konstruierte leichte Pferdewagen mit denen medizinische Hilfe bereits während der Schlacht zu den verwundeten Soldaten gebracht werden konnte. Dann wurden noch am Schlachtfeld, sogar unter Kugelhagel, Blutungen gestillt, Verbände angelegt und Amputationen durchgeführt. Dieses Prinzip der schnellen Hilfe rettete tausenden Verwundeten das Leben. Hier „erfand“ Larrey auch die Triage, die damals allerdings noch nicht so genannt wurde.

Da der Humanist Larrey seine oft lebensrettende Erste Hilfe nicht nur Soldaten des eigenen Heeres zukommen ließ – dies war nach dem Kriegsreglement sogar verboten – bekam er mehrfach Probleme mit der Obrigkeit. Die Einstellung auch feindlichen Soldaten Hilfe zu gewähren, macht ihn zu einem Vorreiter der Idee vom Roten Kreuz, die Henry Dunant (1828–1910) Jahrzehnte später umsetzen konnte.

Larreys Kollege Pierre-François Percy (1754 - 1825), ebenfalls Militärchirurg im Dienste Napoleons, war 1800 mit seinem Vorschlag, Verwundete und Lazarette als neutral und unverletzlich zu erklären, am Widerstand des österreichischen Feldzeugmeisters Paul Kray von Krajowa (1735 – 1804) gescheitert.

Die fliegenden Ambulanzen wurden von vielen Ländern kopiert und verbessert. Vermutlich nicht, weil das schreckliche Schicksal der verwundeten und verstümmelten Soldaten die Feldherren so sehr erschütterte, sondern weil die Heerführer bald erkannten, dass die Kampfmoral der Truppe durch den Glauben, im Notfall schnell gerettet zu werden, dramatisch gestiegen war.

Mehrere Historiker sind der Ansicht, dass die beachtlichen militärischen Erfolge Napoleons zum einem nicht geringen Teil auf die hervorragende medizinische Betreuung seiner Armee beruhte. Und die organisierte der für den Beruf des Schlachtenchirurgen geradezu geborene Larrey. Schon bei seinem ersten Einsatz in der französischen Armee war er tief betroffen von der „Mangelhaftigkeit der chirurgischen Versorgung“. Gegen große Widerstände organisierte er die Feldlazarette neu. Durch seinen Einsatz wurde Larrey zum Chefchirurgen der 14. republikanischen Armee ernannt.

Im Jahr 1796 organisierte er für Napoleon im Italienfeldzug die mobilen Lazarette. Da dieser Einsatz ein großer Erfolg war, ernannte ihn Bonaparte zum Chefchirurgen seines Feldzugs nach Ägypten. Ab 1805 war Larrey Generalinspekteur des Militärsanitätswesens und Chefchirurg in allen Feldzügen Napoleons.

Da ohne Narkose operiert wurde, spielte die Verkürzung der Eingriffsdauer eine gewaltige Rolle. Legendär sind seine 234 Amputationen an erfrorenen Extremitäten, die Larrey in 24 Stunden während der Winterschlacht bei Preußisch Eylau im Februar 1807 selbst durchführte.

Danach schrieb er in sein Notizbuch: „Die in einem Stumpf zurückgebliebenen Muskelkräfte müssten für die Bewegung einer künstlichen Hand auszunutzen sein.“ Eine Idee, die erst ein Jahrhundert Jahre später Sauerbruch im Ersten Weltkrieg mit seiner berühmten Handprothese umsetzte.

Wolfgang Regal und Michael Nanut, Ärzte Woche 25/2015

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