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Angela Gebert, die korrespondierende Autorin, ist für die Lamprecht und Stamm Sozialforschung und Beratung AG in Zürich tätig.
 
Sportmedizin 31. März 2017

Rauschige dritte Halbzeit

Expertenbericht. So unerschütterlich der Glaube an die positiven Effekte des Sports in der Bevölkerung auch sein mag, so vielfältig und uneinheitlich sind die Forschungsresultate dazu. Sportlich aktive Jugendliche neigen jedenfalls zu erhöhtem Alkoholkonsum und insbesondere zum Komasaufen.

Mein Kind soll Sport betreiben, sonst gerät es auf die schiefe Bahn. Das stimmt so aber nicht. Dass bezüglich der präventiven Wirkung des Sports Wahrnehmung und Wirklichkeit nicht wie erwünscht korrespondieren, ist seit Längerem bekannt und wird in der wissenschaftlichen Fachwelt rege diskutiert. So vermerkt beispielsweise Raithel (Jürgen Raithel 2005: „Sportaktivität, Substanzkonsum und Ernährungsverhalten im Jugendalter. In: Sport und Gesellschaft, 2, 2, 2005), dass Sport „nicht als ein Immunisierungspotenzial gegenüber allen Substanzmitteln verstanden werden“ darf. Inwiefern der Sport den hohen Ansprüchen an eine präventive Funktion hinsichtlich des Substanzkonsums gerecht werden kann oder eben nicht, unterstreichen die Ergebnisse zahlreicher Studien.

Unter Berücksichtigung von vier ausführlichen Reviewstudien, welche Untersuchungen aus verschiedenen Ländern einschließen, lässt sich aufzeigen, dass sportlich aktive Jugendliche zu erhöhtem Alkoholkonsum und zum Rauschtrinken tendieren. In einer Metaanalyse von 78 Studien kommen Diehl et al. (2012) zum Schluss, dass junge Athleten eher Alkohol und rauchfreien Tabak konsumieren, hingegen seltener Tabak oder Marihuana rauchen. Von den vielen Messungen zum Tabakkonsum kann eine überwiegende Mehrheit der berücksichtigten Studien belegen, dass Nichtsportler wahrscheinlicher rauchen. Es ist allerdings davon auszugehen, dass der präventive Effekt von sportlicher Aktivität auf das Rauchen eher indirekter Natur ist und durch den Einfluss der Sportaktivität auf das Selbstkonzept von Jugendlichen zustande kommt.

Daraus lässt sich folgern, dass weitere Untersuchungen nötig sind, um genauer zu verstehen, unter welchen Bedingungen die Teilnahme am Sport einen positiven Effekt auf die Prävention des Substanzkonsums hat. Dabei könnten die Intensität der Sportaktivität sowie die Form der Teilnahme am Sport entscheidende Faktoren darstellen. Zwischen dem Umfang der sportlichen Aktivität und dem Konsum von Zigaretten sowie Cannabis lässt sich eine negative Dosis-Wirkungs-Beziehung herstellen, während sich für den Alkoholkonsum keine solche findet. Zudem wurden Freizeitsport und Sporttraining einerseits als schützende Faktoren hinsichtlich des Marihuanakonsums bei Frauen und andererseits als Risikofaktoren für Alkoholkonsum bei jungen Männern identifiziert.

Die Unterschiede nach Sportarten sind augenfällig, wenn es um Snus- und Schnupftabakkonsum geht. Der Konsum von Snus (Oraltabak) und Schnupftabak ist nicht ein generelles Problem des Sports sondern gewisser Sportarten. Snusen ist im Eis- und Unihockey (Floorball) weit verbreitet. Hinsichtlich des Alkoholkonsums fallen Mountainbike und Unihockey auf. Wer diese ausübt, zeigt etwas häufiger einen problematischen Alkoholkonsum. Beide Sportarten werden vermehrt von Männern ausgeübt, die eine weiterführende Schule besuchen, Faktoren, die mit einem höheren Alkoholkonsum korreliert sind.

Der Originalbericht „Die präventive Wirkung von Sport und Verein“ ist erschienen in „German Journal of Exercise and Sport Research“ 2017, DOI 10.1007/s12662-017-0443-6, © Springer Verlag

Von Angela Gebert, Markus Lamprecht und Hanspeter Stamm

, Ärzte Woche 14/2017

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