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Pulmologie 28. September 2015

Skandalöser Selbstzünder

VCÖ fordert mobile Tests, um den realen Ausstoß von Stickoxiden und Feinstaub zu dokumentieren.

Autohersteller Volkswagen hat die Abgaswerte seiner Vierzylinder-Dieselmotoren manipuliert. Für die Gesundheitsbehörden eine böse Überraschung, sind doch Stickoxide und Dieselruß brandgefährliche Umweltgifte.

Die jüngere Geschichte von Volkswagen ist auch eine Geschichte von Affären, Intrigen und Skandalen. Da gibt es 1993 den spanischen Sanierer, der geheime Unterlagen von Opel in seinen neuen Job mitgenommen haben soll; 2005 sorgen Schmiergelder und Lustreisen auf Unternehmenskosten für Aufsehen; im vergangenen Frühjahr verliert Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch den Machtkampf gegen Vorstandschef Martin Winterkorn und tritt zurück. Eben jenen Winterkorn, der nun über die Abgasaffäre gestolpert ist.

Die amerikanische Umweltbehörde EPA hat den VW-Konzern in den USA überführt, bei Diesel-Fahrzeugen eine Software z u integrieren, die erkennt, wann der offizielle Abgastest erfolgt und dafür sorgt, dass in diesem Moment „sauber“ gefahren wird. Im Normalbetrieb seien die NOx-Emissionen dieser Autos 40 Mal so hoch, so lautet der Vorwurf.

So schlecht für dieser Skandal für den Aktienkurs und das Image von Europas größtem Autobauer ist, eine Sensation ist er nicht. Denn seit Jahren ist bekannt, dass die offiziellen Verbrauchs- und Emissionsangaben von den realen Werten abweichen. Umweltverbände und Verkehrsklubs kritisieren diesen Zustand.

Groß sind aber die Gefahren für Mensch und Umwelt, die durch die erhöhten Emissionen entstehen. NOx-Emissionen von Diesel-Pkw unter realen Fahrbedingungen stellen sowohl in den USA als auch in Europa eine große Herausforderung für die Luftqualität dar. Die daraus resultierenden anhaltenden NO₂-Werte in deutschen Städten haben im vergangenen Sommer zu einem Vertragsverletzungsverfahren der EU gegen Deutschland geführt.

Bei der Weiterentwicklung von Otto- und Diesel-Motoren liegt das Augenmerk seit Jahren auf der NOx- und Partikelreduzierung. Stickoxide können Atemwegserkrankungen und Lungenschäden verursachen, besonders Kinder und ältere Menschen sind gefährdet. Die ultrafeinen Partikel können unter anderem zu Lungenschäden, Krebs und Herzinfarkt führen und das Wachstum von Kindern beeinträchtigen. In Wien verursacht der Verkehr mehr als die Hälfte der PM2,5-Emissionen (Feinstaub). Das Problem ist bekannt, doch die Lösung ist wegen der exorbitanten Entwicklungskosten für Abgasnachbehandlung nicht so einfach. Der deutsche Autofahrerklub ADAC meint, dass durch moderne Clean Car Technologie die Stickoxide der Dieselfahrzeuge im realen Betrieb in den Städten um 90 bis 95 Prozent gesenkt werden könnten.

Die gängigen Testmethoden scheinen nicht geeignet, um die tatsächliche Schadstoffbelastung durch der Dieselmotoren nachzuweisen. Erst im vergangenen Jahr hat eine Studie des International Council on Clean Transportation, kurz: ICCT, ( http://goo.gl/kCIExd ) ergeben, dass neue Diesel-Pkw im Schnitt siebenmal mehr schädliche Stickoxide ausstoßen als nach geltender Schadstoffnorm Euro 6 zulässig. Ebenso klafft zwischen dem realen Kraftstoffverbrauch der Autos in Europa und den offiziellen Angaben der Hersteller eine immer größere Lücke. Nach Angaben der ICCT ist sie mittlerweile auf 38 Prozent im Jahr 2013 angewachsen. 2001 waren es noch acht Prozent. Die CO₂-Emissionen im Alltagsbetrieb neuer Pkw lagen um etwa ein Drittel höher als die unter Laborbedingungen ermittelten offiziellen Werte. Dazu kommt: Seit 2009 wird die Kfz-Steuer in Deutschland nach dem CO₂-Ausstoß festgesetzt. Allein bei den Neuwagen eines Verkaufsjahres entgehen dem Fiskus durch Manipulationen somit mehr als 200 Millionen Euro Einnahmen pro Jahr. In Österreich gibt es die Normverbrauchsabgabe.

Laut deutschem Verkehrsministerium sind auch in Europa manipulierte VW-Diesel-Pkw unterwegs. Der Verkehrsclub Österreich (VCÖ) fordert: „Die Autofahrer müssen sich darauf verlassen können, dass das gekaufte Fahrzeug das hält was die Angaben auf dem Papier versprechen. Das gilt für die Schadstoff-Emissionen ebenso wie für den Spritverbrauch und die Angaben zu den CO₂-Emissionen. Erreichbar sei das nur, wenn so wie in den USA auch in Europa die Tests beim tatsächlichen Fahren auf der Straße durchgeführt werden. 58 Prozent der heuer in Österreich neuzugelassenen Pkw fahren mit Diesel, zweimal so viel wie in Deutschland.

MB/Fahrzeugtechnik/VCÖ, Ärzte Woche 40/2015

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