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© Stefan Dahle / panthermedia.net
 
Allgemeinmedizin 10. Juni 2014

Von Goldgräberstimmung und pulsierenden Organen

In der hitzigen Windkraft-Debatte werden vage Behauptungen und wissenschaftliche Ergebnisse willkürlich vermengt.

Die Diskussion um die Windenergie nimmt immer mehr Fahrt, sprich Emotion auf und ähnelt in dieser Hinsicht der Debatte um die Gefährlichkeit von Handystrahlung. Kurzum, es stehen sich die Diskutanten unversöhnlich gegenüber und (halb)wissenschaftliche Erkenntnisse werden je nach Belieben interpretiert. Umweltaktivisten fühlen sich um eine grüne Chance betrogen.

In den letzten Jahren hat sich das Image der Windkraft deutlich verschlechtert. Immer mehr Anti-Windkraftinitiativen sorgen für Gegenwind. Ursachen dafür sind etwa das unsensible, die Bedenken von Anrainern negierende Vorgehen mancher Windkraftbetreiber, denen es längst nicht mehr um Umweltschutz, sondern nur um den Gewinn geht, oder das bekannte Floriani-Prinzip („keine Windkraft bei uns im Speckgürtel“; „nicht in der Gemeinde des Landeshauptmanns“). Die Befürchtungen der Anrainer werden von den (im Internet kursierenden) Thesen der US-amerikanischen Ärztin Dr. Nina Pierpont angefeuert. Das „Windturbinen-Syndrom“, so die Ärztin, löse durch den von Windkraftanlagen ausgehenden Infraschall ein Syndrom aus, das sich in zwölf Hauptsymptomen, nämlich Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Tinnitus, Ohrendruck, Schwindel, Drehschwindel, Übelkeit, Sehstörungen, Tachykardie, Reizbarkeit, Konzentrations- und Gedächtnisprobleme sowie Panikattacken äußere. All dies zusammen bewirke, dass die Betroffenen das Gefühl hätten, dass die inneren Organe pulsieren oder erzittern.

Unwissenschaftliche Vorgangsweise

Zu ihren Schlussfolgerungen gelangte Pierpont durch die telefonische Befragung von 23 Personen (10 Familien), die ihre gesundheitlichen Beschwerden auf lokale Windkraftanlagen zurückführen. Von diesen 23 Personen erhielt sie telefonisch Informationen zu Symptomen von weiteren 15 Verwandten. Basierend auf diesen Telefonaten konstruierte sie ein neues Krankheitsbild, das „Windturbinen-Syndrom“, auch „Visceral Vibratory Vestibular Disturbance (VVVD)“ genannt.

Die Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg äußert sich dazu kritisch: „Bei näherer Betrachtung zeigt sich, dass die Studie offensichtlich gravierende Mängel enthält. Schon die Vorgehensweise, lediglich auf der Grundlage von 23 Telefonaten ohne begleitende medizinische Untersuchungen ein neues Krankheitsbild mit zwölf Leitsymptomen zu entwickeln, mutet abenteuerlich an. Auch die gewagte These, die zwölf Symptome seien auf Infraschall zurückzuführen, ist wissenschaftlich nicht haltbar. Denn die Autorin hat keinerlei akustische Messungen vorgenommen und auch nicht näher dargelegt, wie es zu einer Störung des Gleichgewichtsorgans kommen soll. […] Es verwundert daher nicht, dass die Arbeit bis heute in keiner wissenschaftlichen Fachzeitschrift veröffentlicht wurde. Das angebliche Krankheitsbild ist wissenschaftlich nicht anerkannt. […] Ein „Windturbinen-Syndrom“ gibt es nicht.“

Wie gefährlich ist der Infraschall wirklich?

Dem setzt die niederösterreichische Bürgerinitiative „Pro Mensch“ etwas entgegen:“Infraschall emittiert durch Windkraftwerke macht krank! Irgendetwas Widerwärtiges schwebt in der Luft, etwas Bedrohliches sitzt im Nacken. Eine unsichtbare Macht überschattet das Leben.“ Auch die Wiener Ärztekammer behauptete in einer Presseaussendung anlässlich des Tags gegen Lärm Ende April, dass „sich bei Anrainern von Windkraftanlagen Beschwerden durch übermäßige und vor allem niederfrequente Schallentwicklung und Infraschall häuften“. Zwar gibt es tatsächlich Hinweise darauf, dass Infraschall sich negativ auf das Innenohr auswirken kann (Salt & Hullar, Hearing Research, 2010), es stellt sich aber die Frage, ob dessen Intensität in z. B. einem Kilometer Entfernung von der Anlage wahrgenommen werden kann und ausreicht, körperliche Symptome auszulösen.

Auf jeden Fall sind entsprechende Video-Informationen über die diversen Symptome, die Infraschall bewirken könne, in der Lage, bei gesunden Versuchspersonen diese Symptome hervorzurufen; unabhängig davon, ob sie in der Testkammer Infraschall oder keinem Infraschall ausgesetzt waren (Crichton et al., Health Psychology, 2014). In der Windkraft/Infraschall-Diskussion meist nicht erwähnt wird zudem die Tatsache, dass es noch zahlreiche andere Infraschall-Quellen (natürliche und technische) gibt. Dazu zählen etwa Wasserfälle, die Meeresbrandung, Heizungs- und Klimaanlagen, Waschmaschinen, Pumpen, Kompressoren und Beschallungsanlagen.

In Hinblick auf den Lärm meint Dr. Piero Lercher, Umweltmedizin-Referent der Wiener Ärztekammer, es müsse „unser Ziel sein, Schlafstörungen, psychische Affektionen und irreversible Schädigungen des Gehörs durch Lärm, wie er auch bei Windkraftanlagen entsteht, zu verhindern“. Unklar dabei ist, wie Lärm geringer Intensität durch ein in entsprechendem Abstand zu Wohnbauten situiertes Windrad zu irreversiblen Gehörschädigungen führen soll.

Beeinträchtigte Schlafqualität

Hinsichtlich von Schlafstörungen zeigte beispielsweise die Studie von Nissenbaum und Mitarbeitern (Noise & Health, 2012), dass Anrainer, die in geringerer Entfernung als 1,4 km zu einer Windkraftanlage lebten, eine schlechtere Schlafqualität (und unterdurchschnittliche psychische Gesundheit) aufwiesen als diejenigen, die weiter weg wohnten. Bei Belästigungen und möglicherweise daraus resultierenden Schlafstörungen spielen (analog zu anderen Lärmquellen) auch die Veränderungen des Landschaftsbildes, die Art des Lärms, die Einstellung zur Windkraft und die jeweilige Lärmempfindlichkeit eine Rolle (Knopper & Ollson, Environmental Health, 2011). Grüne Windkraftanlagen stören dabei das Landschaftsbild weniger (Maffei et al., 2013). Zu empfehlen seien, so Prof. PD. DI Dr. Hans-Peter Hutter vom Institut für Umwelthygiene der MedUni Wien, niedrigere Anlagen und eine geringere Anzahl von Windrädern.

Anrainer und Umwelt nicht links liegen lassen

„Zudem müssen Anrainer bei der Planung von Windkraftanlagen frühzeitig eingebunden und ausführlich informiert werden“, betont Hutter. Windkraftindustrie und -betreiber sollten sich zudem um eine Reduktion der Schallemissionen bemühen. Beispielsweise kann der sogenannte Hinterkantenlärm der Rotorblätter durch einen adäquaten Profilentwurf reduziert werden. Lercher fordert darüber hinaus von den Herstellern von Windkraftturbinen die Verwendung von umweltverträglichen Technologien und Substanzen: „Permanenterregte Generatoren beispielsweise enthalten große Mengen von seltenen Erden, deren Gewinnung in den Abbaugebieten zu großflächigen giftigen und radioaktiven Kontaminationen führen.“

Häufig erwähnt werden auch die von Windrädern ausgehenden Gefahren für Vögel (Kollisionen etc.). Dazu Mag. Gábor Wichmann, stellvertretender Geschäftsführer von BirdLife Österreich: „Zunächst möchte ich betonen, dass Windkraft eine erneuerbare Energieform darstellt, deren Verortung planbar ist. Probleme haben wir vor allem bei großen, langlebigen Arten mit geringen Populationsgrößen wie Kaiseradler oder Großtrappe. Auch bei Zugvögeln kann es problematisch werden, wenn wichtige Zugkorridore oder Rastplätze betroffen sind. Aktuell sind wir aber mit den Windkraft-Zonierungen in den einzelnen Bundesländern im Großen und Ganzen zufrieden.“

Sogar Kernkraft ist besser

Was die Zukunft betrifft, geht Hutter davon aus, dass der Widerstand gegen Windkraftanlagen weiter zunehmen wird. In diesem Zusammenhang müsse die Frage erlaubt sein, woher der Strom kommen soll, solange für einen Großteil der Bevölkerung Stromsparen kein Thema ist. Für manche Anti-Windkraftaktivisten ist die Antwort klar: Im Vergleich zur Windkraft sei sogar Atomkraft das kleinere Übel.

Dr. Peter Wallner ist Mitarbeiter am Institut für Umwelthygiene der MedUni Wien, Medizinpublizist und Mitautor mehrerer Bücher.

Peter Wallner, Ärzte Woche 24/2014

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