zur Navigation zum Inhalt
© Jing Cui
Dr. Lin Cong Chinesischer psychosomatischer Mediziner und Buchautor, bei einer Meridian Dao Yin-Übung
© Lin Cong

; Therapeutisches lyrisches Wandern

 
Komplementärmedizin 4. September 2015

CPM - Chinesische psychosomatische Medizin

Eine neue, interdisziplinäre Medizinrichtung stellt sich vor. Ein neues Buch zu diesem Thema ist kürzlich erschienen. Gespräch mit dem Autor Dr. Lin Cong, Wien.

Wir gratulieren Ihnen herzlich zu Ihrem neuen Buch „Chinesische psychosomatische Medizin“, das kürzlich im Springer Verlag erschienen ist.

Was hat Sie dazu bewogen, dieses Buch zu verfassen?

Cong: Danke für die Gratulation. Ich beschäftige mich seit mehr als 30 Jahren mit den Themen der chinesischen psychosomatischen Medizin, weil ich fasziniert vom Wissen der alten chinesischen Weisen bin. Nach meinem Medizin-Studium begann ich nachzuforschen, warum diese traditionellen Heilverfahren wie z. B. Dao-Kultivierung, Meridian Übungen, etc. so erfolgreich waren und sind. Vor allem bei vielen heutigen Erkrankungen wie z. B. Allergien, Burnout, Depressionen, Angstzuständen, Wirbelsäulenerkrankungen, Magen-Darm-Beschwerden, etc. stößt die gängige Medizin an ihre Grenzen. Diese Erkenntnis hat mich bewogen, die Funktionsweisen und Erfolge dieser alten Verfahren zu studieren und mit Hilfe der modernen medizinischen Wissenschaft eingehend und leicht verständlich zu erklären. Daraufhin begann ich im Sinne einer ganzheitlichen psychosomatischen Medizin das Wissen von östlicher und westlicher Medizin zu vereinen. Und tatsächlich stellte sich dieser neue Ansatz als überaus wirkungsvoll heraus. Ganz nach dem Motto „best of both worlds“.

Chinesische psychosomatische Medizin ist, so schreiben Sie, eine neue medizinische Richtung. Bitte erklären Sie uns, welche Inhalte dieser Begriff subsumiert.

Cong: Die chinesische psychosomatische Medizin (CPM) ist eine interdisziplinäre Medizin, in der die chinesische Lebensphilosophie als Gedankenwelt, die bewährten Eigeninitiativ-Heilverfahren wie z. B. Meridian Dao Yin-Übungen und therapeutisches lyrisches Wandern als Haupt-Methoden charakteristisch sind. Diese speziellen Heilverfahren sind ganz gezielt auf die Aktivierung und Optimierung der psychosomatischen Vorgänge ausgerichtet. Zudem wurden die Heilkunde der traditionellen chinesischen Medizin wie z. B. Heilkräuter, Akupunktur und Akupressur als Kombinationstherapien und die neuen medizinischen Forschungsergebnisse als Erklärungen für die Wirkungsweisen integriert. In der gängigen Medizin wird hauptsächlich das krankmachende Symptom bekämpft. In der traditionellen chinesischen Medizin wird vor allem das Syndrom bekämpft. Im Gegensatz dazu beschäftigt sich die CPM mit jenen psychosomatischen Vorgängen wie z. B. neuro-muskulärer Vorgang, neuro-vaskulärer Vorgang, etc., die der Erkrankung zugrunde liegen und beginnt diese wieder ins Gleichgewicht zu bringen und damit den Heilungsprozess einzuleiten. Wenn diese psycho-somatischen Vorgänge wieder in Gang gesetzt wurden, dann ist die Krankheit geheilt. Darüber hinaus legt die chinesische psychosomatische Medizin (CPM) einen großen Schwerpunkt auf die Aktivierung und Optimierung der psychosomatischen Vorgänge. Um nicht nur eine vorliegende Krankheit zu heilen, sondern den Zustand der Gesundheit möglichst lange durch Eigeninitiativ-Verfahren aufrecht zu erhalten.

In der Praxis hat die CPM ihren Schwerpunkt auf die Aktivierung des Meridian-Systems gelegt und nutzt dafür spezielle Meridian Dao Yin-Übungen. Meridian Dao Yin ist somit das Haupt-Heilverfahren in der chinesischen psychosomatischen Medizin, so wie etwa ein Medikament und Skalpell in der westlichen Medizin oder Kräuter und Akupunktur in der traditionellen chinesischen Medizin (TCM). Meridian Dao Yin ist ein Eigeninitiativ-Verfahren, das jeder selbst anwenden kann. Es dient als Heilmittel zur Aktivierung der psychosomatischen Vorgänge. Somit liegt der Schwerpunkt der CPM darin, die Funktionseinheit der Körper-Organe-Zentren zu fördern und zu optimieren. Das ist ein besonderes Merkmal der CPM, denn keine andere medizinische Wissenschaft baut auf Übungen als Heilmittel auf. Für die Patienten bedeutet das, dass man meine medizinische Aktivität durch eigene Mitarbeit ergänzen und fördern kann.

Waren psychosomatische Erkrankungen bereits im alten China bekannt?

Cong: Ja, vor allem deren Ursache war bereits vor abertausenden Jahren bekannt. Im Werk „Shang Shu“ (Werk über die chinesische Geschichte in der Urzeit) wurde eine wichtige Aussage über das Auseinanderdriften von Mensch- und Natur-Hirn dokumentiert: „Das Mensch-Hirn wird zunehmend aktiv und schwächt das Dao-Hirn (Natur-Hirn) allmählich ab. Die entgegenwirkende Lösung liegt darin, die harmonische Wechselwirkung zwischen Mensch-Hirn und Natur-Hirn zu fördern und die ausgeglichene Zusammenarbeit zu erhalten“.

Das Mensch-Hirn bzw. Neokortex und das Natur-Hirn bzw. Subkortex sind durch zivilisatorische Entwicklung auseinander gedriftet, und das führt dazu, dass alle inneren, naturgemäßen psychosomatischen Vorgänge nicht ordnungsgemäß initiiert und reguliert werden. Hier liegt die grundlegende Ursache der psychosomatischen Erkrankungen.

In der kaiserlichen Klinik wurde bereits gezeigt, dass dieses Auseinanderdriften einen negativen Einfluss auf den Heilerfolg erzeugt. Im Werk “Des Gelben Kaisers Klassiker für Innere Medizin„ steht ein Zwiegespräch: „Im Altertum wurden Dekokte zubereitet, aber nicht geschluckt. Im Mittelalter, als Dao und Moral sich verschlechtert hatten, konnten pathogene Faktoren eindringen. Wenn man eine Medizin einnahm, wurde man sicher geheilt. Der Gelbe Kaiser sagte: ‘Warum wirken heutzutage die Dekokte nicht mehr so gut bei Patienten?

Qi Bo antwortete: ‘Heutzutage müssen Ärzte die Krankheit der Patienten mit stärkeren Kräutern von innen angreifen und mit Steinnadel und Moxibustion von außen behandeln.

Der Gelbe Kaiser fragte: ‘Warum wirkt diese Behandlung nicht, wenn die körperlichen Funktionen sehr gestört sind und das Blut erschöpft ist?

Qi Bo antwortete: ‘Weil das Shen, nämlich die integrierte zentrale Steuerung, versagt.

Der Gelbe Kaiser fragte weiter: ‘Was bedeutet dies?

Qi Bo antwortete: ‘Die Behandlungen können die ganzheitliche Aktivität und Vitalität des Lebens nur fördern, wenn die für Körperaktivitäten aufrechterhaltende Ursubstanz vorhanden ist und die zentrale Steuerung integriert funktioniert. Wenn Wille und Lebensbewusstsein nicht angetrieben werden, werden diese Patienten nicht auf die Behandlung ansprechen.‘“

Das Mensch-Hirn (Neokortex) ist für den Empfang und die Verarbeitung von gesellschaftlichen Informationen verantwortlich. Hingegen ist das Natur-Hirn (Subkortex) für die Veranlassung und Regulation unserer inneren psychosomatischen Vorgänge zuständig. Dort sitzt der wahre Herrscher über unsere Lebensvorgänge. Wenn unser Natur-Hirn inaktiv ist, können weder körperliche, organische und seelische Funktionen normal ablaufen, noch die Heilwirkung beansprucht werden. Das typische Beispiel: Burnout, Depressionen, etc.

Treten psychosomatische Erkrankungen heute häufiger auf als früher, und gibt es eine bestimmte Verteilung der Inzidenz auf der Welt?

Cong: Die psychosomatischen Erkrankungen nehmen dramatisch zu, vor allem in jenen Ländern, wo Menschen sich intensiver mit zivilisatorischen Tätigkeiten beschäftigen und kaum das Leben mit der Natur im Einklang führen. Es hat sich also bewahrheitet, was die chinesischen Weisen – siehe oben – gesagt haben. Die Trennung von Natur und Mensch geht leider weiter. Dadurch wurde unser zentrales Nervensystem gespalten, die psychische Großheit verringerte sich und die in der Mitte stehenden Zentren wurden immer schwächer, etc. Und aus diesem negativen Kreislauf entstehen psychosomatische Erkrankungen. Je mehr Menschen sich der modernen Lebensweise anschließen, um so mehr verteilt sich diese Bedrohung auf die Welt.

Wie geht die chinesische Medizin an psychosomatische Erkrankungen heran?

Cong: Die chinesischen psychosomatischen Medizin (CPM) löst diese Aufgabe, in dem sie die grundlegenden, naturgemäßen psychosomatischen Vorgänge dem Patienten erläutert und sie in die Lage versetzt mit den speziellen Eigeninitiativ-Heilverfahren wie z. B. Meridian Dao Yin-Übungen diese wieder optimal in Gang zu bringen. Damit bietet CPM sowohl die ursächliche Behandlung bei psychosomatischen Beschwerden, als auch die Wege zum Erreichen der psychosomatischen Gesundheit.

Welche Behandlungsmöglichkeiten bietet die chinesische Medizin bei psychosomatischen Erkrankungen?

Cong:CPM bietet das bedarfsgerichtete Eigeninitiativ-Heilverfahren wie z. B. Meridian Dao Yin-Übungen und therapeutisches lyrisches Wandern als Behandlungsmöglichkeiten bei psychosomatischen Beschwerden. Meridian Dao Yin-Übungen sind eine zielgerechte spezielle Motorik, mit der man selbst die längsgerichtet verlaufende Übertragung der sensomotorischen Impulse, nämlich Meridiane, aktiviert. Diese Art von Im-pulsen ist eine unerlässliche elektrische Energie und dient dazu, die grundlegenden psychosomatischen Vorgänge wie Immunkraft, Stoffwechsel, Organ-System, Gefäße, etc. anzutreiben. Infolgedessen löst sie hervorragend die Ursachen heutiger Zivilisationskrankheiten wie z.B. Bluthochdruck, Burnout, Magen-Darm-Beschwerden etc. auf. Daher gelten diese sensomotorischen Impulse als elektrische Heilmittel gegen zahlreiche psychosomatische Störungen. Das therapeutische lyrische Wandern ist sowohl ein Eigeninitiativ-Heilverfahren, als auch eine gesunde Lebensweise und sinnvolle Freizeitbeschäftigung, mit der man sein Natur-Hirn in Gang setzt und die angekurbelten naturgemäßen psychosomatischen Vorgänge wie z. B. Homöostase, Bio-Rhythmus, Hormon-Ausschüttung, seelische Verfassung, Innenleben, etc. in optimalem Zustand aufrechterhält. Darüber hinaus, können diese Eigeninitiativ-Heilverfahren mit der Kräuterkunde, Akupunktur, Akupressur, Medikamente problemlos kombiniert werden, um die Heilerfolge zu steigen.

An welche Leser wenden Sie sich mit Ihrem neuen Buch?

Cong: In erster Linie wende ich mich natürlich an Mediziner und Therapeuten, weil sie tagtäglich mit Menschen zu tun haben, die an psychosomatischen Erkrankungen leiden und diesen wirkungsvoll helfen möchten.

Doch darüber hinaus habe ich das Buch auch für all jene Menschen geschrieben, die Vorsorge betreiben möchten. Also z.B. sich für die psychosomatische Gesundheit interessieren, diese aufrecht erhalten möchten und daher über die Ursachen psychosomatischer Beschwerden wie z.B. Burnout-Syndrom, Depressionen, Bluthochdruck, etc. Bescheid wissen wollen. Schulmedizin und TCM haben unbestritten große Erfolge gegen somatische Erkrankungen wie z. B. Infektionskrankheiten und organische Beschwerden erzielt. Bei diesen Beschwerden funktionieren diese beiden medizinischen Systeme immer noch. Bei psychosomatischen Erkrankungen können sie jedoch nicht die Ursachen bekämpfen und brauchen dringend ein systematisches Update und zielgerichtetes Heilverfahren, um die heute explodierenden psychosomatischen Erkrankungen effektiv beseitigen zu können.

In Ihrem Buch beschreiben Sie den „wahren Menschen als Vorbild psychosomatischer Gesundheit“. Ist dieses Vorbild durch Menschen unserer Zeit erreichbar?

Cong: Ja, absolut. Die wahren Menschen sind solche Menschen, bei denen das Natur-Hirn und die naturgemäßen psychosomatischen Vorgänge sich in gutem Zustand befinden. Um dieses Ziel erreichen zu können, haben die chinesischen Weisen viele hochgeschätzte Erfahrungen gesammelt und bewährte Verfahren wie z. B. die fünf Top-Designs geschaffen. Nach meiner langjährigen Forschung habe ich diese „geheimnisvollen“ Methoden entschlüsselt und dank der modernen medizinischen Wissenschaft leicht verständlich in meinem Buch präsentiert. Wenn man diese Verfahren in die Tat umsetzt, erreicht jede/jeder bestimmt seine psychosomatische Gesundheit und damit den Zustand des „wahren Menschen“.

Sie bieten einen Lehrgang in chinesischer psychosomatischer Medizin (CPM) an: An welche Berufsgruppen wendet sich dieser, und wie ist er organisiert?

Cong: Die psychosomatischen Erkrankungen sind schon schlimm genug, aber noch schlimmer ist der Mangel an Informationen über die psychosomatischen Vorgänge. Denn dadurch haben wir modernen Menschen unser Leben wegen Unwissenheit falsch geführt und uns selbst viele Probleme geschaffen. Aus diesem Grund biete ich einen Lehrgang in chinesischer psychosomatischer Medizin (CPM) an, um das Wissen weiter zu geben und die praktischen Eigeninitiativ-Heilverfahren zu üben und beizubringen.

Die Zielgruppen umfassen Gesundheitsberufe, wie etwa: Ärzte, Psycho- und Physiotherapeuten, Pflegepersonal, Krankenschwestern, Masseure, Fitness-Trainer, Sportler, alle für ihre psychosomatische Gesundheit Interessierten. Und Erkrankte, also alle, die unter psychosomatischen Beschwerden wie z.B. Burn-out, Depressionen, Bluthochdruck, Arteriosklerose, Magen-Darm-Beschwerden, Immun-Schwäche, etc. leiden. - Organisator ist die GAMED, Wiener Internationale Akademie für Ganzheitsmedizin.

Wo sehen Sie die Position der chinesischen psychosomatischen Medizin in einem westlichen Land wie Österreich?

Cong: Die chinesische psychosomatische Medizin nutzt die Stärken der bedeutenden medizinischen und gesundheitlichen Systeme. Zum Beispiel: Die ganzheitliche Betrachtung der chinesischen Lebensphilosophie, die erfolgreichen Eigeninitiativ-Heilverfahren der chinesischen Weisen, die bewährte Naturheilkunde der TCM und die detaillierten Erkenntnisse der modernen Medizin, etc. Daher wird die CPM eine gute Position sowohl in Österreich, als auch in anderen Ländern ein- nehmen.

Herzlichen Dank für das interessante Gespräch!

Dr. Renate Höhl, 22. Juni 2015

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben