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© privat

David Hagen

 
Gesundheitspolitik 7. Februar 2017

So richtig tief im Minus

Mini-Eiszeit.Dieser Winter hat europaweit mehr als 20 Menschenleben gefordert. Obdachlose, Armutsmigranten und Asylsuchende leiden unter der Kälte. „Eisengel“ und mobile medizinische Dienste retten viele vor dem Erfrieren.

Der erste Monat des Jahres 2017 war – mit einer österreichweiten Durchschnittstemperatur von zirka minus sechs Grad – der kälteste Jänner seit 30 Jahren. Und es ist noch nicht absehbar, ob der Tiefpunkt dieser Mini-Eiszeit schon erreicht ist.

Die arktische Kälte erhöht den Leidensdruck der obdachlosen Menschen ins Unermessliche. Minusgrade sind ein Überlebenstest für Betroffene und ein Härtetest für Hilfsorganisationen.

„Jede Hilfe wird jetzt zur Überlebenshilfe für obdachlose Menschen“, sagt Klaus Schwertner von der Caritas Wien angesichts der Eiseskälte im Jänner. Damit kein Mensch auf der Straße erfrieren muss, hat die Caritas ein „Kälte-Telefon“ (01 480 45 53) eingerichtet und die Notschlafplätze aufgestockt. Für warme Suppen sorgt der Canisi- und für medizinische Hilfe der Louisebus.

Die Caritas ist eine Organisation, die bei klirrender Kälte – auch grenzüberschreitend – im Einsatz ist, um zu helfen. Eine schnelle ärztliche Versorgung für Bedürftige bieten auch die Ordination von Amber Med der Diakonie ( www.amber-med.at ), das Neunerhaus ( www. neunerhaus.at ) in Wien oder die Marienambulanz der Caritas in Graz ( www.caritas.at ) und das Vinzenzstüberl in Linz ( www.bhslinz.at ). Auf mobile Hilfe setzen der Virgilbus in Salzburg und Medcar(e) Innsbruck ( www.roteskreuz.at ).

Die Kälteproblematik endet selbstverständlich nicht an Österreichs Grenzen. Auch Flüchtlinge entlang der Balkanroute und Menschen in Kriegs- und Krisengebieten wie Syrien sind Leidtragende. Medizinische „Winterhilfe“ leisten u. a. die Hilfsorganisationen Ärzte ohne Grenzen/Médecins Sans Frontières ( www.aerzte-ohne-grenzen.at ) und UNICEF ( www.unicef.at ).

Isabella Csokai

Deutlich mehr Patienten an kalten Wintertagen

„In Salzburg bietet der Virgilbus seit Dezember 2014 ,medical streetwork‘. In den ersten zwei Jahren wurden 1450 Patienten aus drei Kontinenten – Europa, Asien und Afrika – betreut. Die größte Patientengruppe des Virgilbusses sind Obdachlose. Doch auch Asylsuchende werden in letzter Zeit vermehrt behandelt. In den Wintermonaten beobachten wir eine deutliche Steigerung der Patientenzahlen.

Das Besondere am Virgilbus ist, dass alle drei Einsatzorganisationen – Rotes Kreuz, Malteser Hospitaldienst und Arbeiter-Samariterbund – zusammenarbeiten und abwechselnd das Einsatzfahrzeug stellen. Es gibt mittlerweile einen Stamm an Ärzten und Sanitätern, die ehrenamtlich beim Virgilbus mitarbeiten. Als Kooperationspartner treten Stadt und Land Salzburg, Ärzte-, Apotheker- und Zahnärztekammer, sowie seit diesem Jahr auch die Salzburger Gebietskrankenkasse auf. Weitere Unterstützung kommt von: AVOS, Diakonie, Caritas, dem Krankenhaus der Barmherzigen Brüder, der Plattform für Armutsmigranten sowie von private Sponsoren.

Zu den häufigsten Diagnosen im Virgilbus zählen chronische Schmerzen, akute Infekte, Zahnschmerzen, Kreislaufprobleme, Magen-Darm-Probleme, Hauterkrankungen, Verletzungen, Diabetes, u. ä. m. Vor allem grippale Infekte und Lungenerkrankungen nehmen bei großer Kälte zu. Betroffen sind vorrangig Obdachlose, die im Freien schlafen. Salzburg verfügt österreichweit über die geringste Anzahl an Notschlafplätzen. Ebenso gibt es kein Kältetelefon wie in Wien. Hier ist die zuständige Vizebürgermeisterin aufgefordert, endlich Strukturen zu schaffen. Bei starken Unterkühlungen und Erfrierungen kann sich das Team des Virgilbusses an das Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Salzburg wenden, aber zum Glück kam es bisher noch zu keinen schweren Fällen.

Für die Patienten ist der Virgilbus meist die einzige Möglichkeit, eine medizinische Behandlung zu erhalten. Viele von ihnen haben seit Jahren keinen Arzt mehr aufgesucht und scheuen sich, in eine Praxis zu gehen oder können sich keine Medikamente leisten. Patienten ohne Möglichkeit zu einer anderen medizinischen Versorgung wird auf Augenhöhe begegnet. Allerdings steht die Symptombekämpfung, die Linderung akuter Schmerzzustände, im Vordergrund. Die krankmachenden und krankheitsauslösenden Lebensumstände dieser Menschen können damit nicht verändert werden!“

Dr. Sebastian Huber, Facharzt für Innere Medizin, Projektleiter Virgilbus, Salzburg-Stadt, NEOS-Klubobmann

Ich bin besorgt, dass Kinder an Unterkühlung sterben

„Immer wieder erreichen uns Bilder von geflüchteten und migrierten Kindern, die im kalten europäischen Winter gefangen sind. Die eisige Kälte bedroht das Leben von Kindern in Zentral-, Ost- und Südeuropa. Viele sind in schlecht isolierten Notunterkünften untergebracht, die nicht genug Schutz bieten. Schneefall, Stürme und die aktuellen Temperaturen erschweren das Leben dieser jungen Menschen, die ohnehin schon alles verloren haben. Nichts rechtfertigt, dass sie an den Grenzen Europas leiden müssen.

Rund 23.700 Flüchtlingskinder und migrierte Kinder sind weiterhin in Griechenland und in den Balkanstaaten gestrandet. Der Großteil von ihnen kommt aus Syrien, dem Irak und Afghanistan, darunter sind auch viele Kleinkinder und Neugeborene. Die meisten Flüchtlingsfamilien haben ihre Heimat nur mit dem Notwendigsten – oft nur mit den Kleidern, die sie am Leib getragen haben – verlassen. Sie sind nicht auf Schnee und Minusgrade vorbereitet. Kleinkinder haben grundsätzlich weniger Körperfett, um sich vor der Kälte zu schützen. Das macht sie anfälliger für Atemwegserkrankungen und Infektionen wie Lungenentzündung und Grippe. Viele Kinder sind durch monatelange Entbehrungen bereits geschwächt und können der Kälte kaum noch etwas entgegensetzen. Wir sind äußerst besorgt, dass manche sogar an Unterkühlung sterben könnten.

Die Überbelegung und schlechte Wärmedämmung im Winter machen die Asylunterkünfte sehr gefährlich und fördern die Verbreitung von Atemwegserkrankungen. Deshalb leisten UNICEF-Mitarbeiterinnen und -mitarbeiter unermüdlich Winterhilfe vor Ort: Sie verteilen warme Kleidung und Hygieneartikel und unterstützen bei der Ernährung und medizinischen Versorgung. Hygiene ist ein entscheidender Faktor, um die Ausbreitung von Krankheiten in überbelegten Unterkünften zu vermeiden.

Laut UN-Kinderrechtskonvention sind die Staaten dazu verpflichtet, das Überleben und die Entwicklung von Kindern in größtmöglichem Umfang zu gewährleisten. Dass dafür sichergestellt werden muss, dass alle Kinder die notwendige ärztliche Hilfe, Gesundheitsfürsorge und ausreichend vollwertige Nahrungsmittel erhalten, ist nicht nur selbstverständlich, sondern wurde auch in Artikel 24 der Konvention explizit festgehalten. Diese Verpflichtung haben die Länder gegenüber allen Kindern auf ihrem Staatsgebiet und nicht nur gegenüber jenen, die dort dauerhaft ansässig sind.“

David Hagen, Kinderrechtsexperte UNICEF Österreich

Bei Kälte können Infekte nicht ausgeheilt werden

„In unserer Ordination von Amber Med bieten wir kostenfrei medizinische Versorgung für unversicherte Patienten an. Zirka fünf Prozent sind Österreicher, der Rest Migranten, teilweise mit abgelehntem Asylbescheid oder unklarem Aufenthaltsstatus.

Während der kalten Zeit kommen auch Menschen zu uns, nur um sich aufzuwärmen – ohne den Arzt zu besuchen. Wir bieten dann in der Ordination heißen Tee und Zucker an. Obdachlose Paare z. B. sind, sobald es wärmer ist, zusammen auf der Straße, da es kaum Unterkünfte für Paare gibt und sie gemeinsam bleiben wollen. Gelegentlich kommen auch Schwangere ohne Wohnmöglichkeit zu uns, für die wir dann rasch ein Notquartier besorgen müssen.

Medizinisch ist bei großer Kälte die Situation dadurch verschärft, dass Infekte nicht ausgeheilt werden können, zu wenig warme Kleidung vorhanden ist … Besonders für Kinder ist die Situation prekär, wenn sie krank sind. Wir haben zuletzt eine Grippe-Impfstoff-Spende für Kinder bekommen. Was wir vermehrt brauchen sind Hustensäfte, Antibiotika und Grippemittel, wobei die Versorgung mit Medikamenten größtenteils durch die Zusammenarbeit mit dem Roten Kreuz gesichert ist.

Flüchtlinge kommen normalerweise nur in die Ordination von Amber Med, wenn sie den Anspruch auf Grundversorgung verloren haben oder wenn sie die Dolmetscher brauchen, die bei uns zur Verfügung stehen. Sie wohnen oft bei Verwandten, die einen anerkannten Asylstatus haben. Sie sind zwar nicht obdachlos, aber unversichert! Schwierigkeiten ergeben sich für sie dadurch, dass man bei großer Kälte nicht ins Freie ausweichen kann, wenn die Wohnverhältnisse zu eng sind. Zusätzliche Schwierigkeiten können sein: Die Kleidung wird beim Waschen nicht trocken, daher wird sie oft gar nicht gewaschen. Oder die Benützung von öffentlichen Toiletten kostet meist 50 Cent, die diese Menschen nicht haben.

Besonders wichtig für uns ist die enge Zusammenarbeit mit Kooperationspartnern, die auf Notquartiere und Verteilung von Sachgütern – Kleidung, Lebensmittel, Essensausgabe – spezialisiert sind. Bei Amber Med haben wir derzeit zirka 55 ehrenamtliche Ärztinnen und Ärzte: Allgemeinmediziner und verschiedene Fachärzte. Dazu kommen Therapeuten, Dolmetscher, Hebammen und weitere Helfer. Unverzichtbar sind auch die gut 80 externen Kooperationspartner, an die wir Patienten überweisen können: Labor, Röntgen, Krankenhäuser …“

Dr. Monika Matal, ärztliche Leiterin von AmberMed, Wien 23

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