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© Univ.-Klinik für Klinische Pharmakologie AKH Wien
Prof. Dr. Michael Wolzt Univ.-Klinik für Klinische Pharmakologie, AKH Wien
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Männer und Frauen reagieren häufig unterschiedlich auf Medikamente zur Behandlung von Depressionen und Hypertonien. Dabei spielt auch die Erwartungshaltung eine wichtige Rolle.

 
Neurologie 18. Jänner 2016

Nebenwirkung: Störung der Sexualfunktion

Expertenbericht:Bei der chronischen Behandlung mit Medikamenten kann die Lebensqualität stark eingeschränkt werden. Dann ist eine Anpassung der Therapie sinnvoll.

Bei chronischen Erkrankungen, wie Depressionen oder Hypertonien, kann es aufgrund der Therapie zu unerwünschten Nebenwirkungen, wie Sexualfunktionsstörungen kommen, die einen erheblichen Einfluss auf die Compliance haben. Ärzte sollten daher Patienten auf Nebenwirkungen direkt ansprechen, damit es nicht zu einem Abbruch der Therapie kommt. Auch eine eingehende Aufklärung beeinflusst die Wirksamkeit und Nebenwirkungen medikamentöser Interventionen.

Bei chronischer Behandlung mit Medikamenten sind Nebenwirkungen zu beachten, die für eine Akuttherapie von Erkrankungen wenig Bedeutung haben, aber Lebensqualität und Wohlbefinden von Patienten stark einschränken können. Dazu zählen Störungen der Sexualfunktion.

Abhängig von der Aufklärung der Patienten über das Eintreten dieser möglichen Nebenwirkung, der subjektiven Erwartungshaltung und der Entwicklung der behandelten Grunderkrankung führen neu aufgetretene Sexualfunktionsstörungen häufig zu schlechter Behandlungsadhärenz oder auch zum Therapieabbruch durch die Betroffenen. Das Ansprechen möglicher Therapie-bedingter neu aufgetretener Symptome ist daher auch unter diesem Gesichtspunkt für eine zielführende Behandlung notwendig.

Depression und Hypertonie

Zwei medikamentöse Langzeittherapien für Krankheitsdiagnosen sollen unter dem Gesichtspunkt dieser Nebenwirkung vorgestellt werden: die chronische Behandlung von Depression und Hypertonie. Für beide Krankheiten ist eine dauerhafte Therapie mit entsprechender Adhärenz angezeigt. Mehrere Behandlungsmöglichkeiten sind verfügbar, wobei Unterschiede in Bezug auf Störungen der Sexualfunktion für einzelne Wirkstoffe bestehen.

Zur Behandlung der Depression stehen verschiedene Substanzgruppen zur Verfügung. Es wird zwischen nicht-selektiven Wiederaufnahme-Hemmern von Neurotransmittern (Trizyklika), selektiven Wiederaufnahme-Hemmern von Neurotransmittern, Monoaminooxidase-Hemmer und anderen Wirkstoffen wie etwa noradrenerge-serotonerge Substanzen, Serotonin-Antagonist und Aufnahme-Hemmer, glutamergen Modulatoren sowie Serotonin-Antagonist und Melatonin-Agonisten unterschieden.

Behandlung von Depressionen

Unter diesen Medikamenten mit unterschiedlichen Wirkmechanismen treten Störungen der Sexualfunktion, vor allem bei der chronischen Behandlung mit Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmern, auf. Diese Nebenwirkung wird bei bis zu 2/3 der behandelten Frauen und Männer berichtet und verbleibt unter Behandlung ohne Entwicklung einer Toleranz. Unter Serotonin Antagonisten oder anderen Substanzen ist in kontrollierten Studien diese Nebenwirkung mit einem Auftreten von < 10 Prozent der Behandelten bei vergleichbarer antidepressiver Wirksamkeit deutlich geringer.

Breites Spektrum der Störung

Das Spektrum der Störungen der Sexualfunktion unter Antidepressiva ist sehr breit und reicht von Libidoverlust und Empfindungsstörungen bis zu erektiler Dysfunktion und Anorgasmie. Bei Umstellung der antidepressiven Medikation aufgrund sexueller Dysfunktion ist eine geringere Verbesserung unter Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmern im Vergleich zu anderen Wirkstoffen berichtet.

Die Störungen der Sexualfunktion bei Patienten mit Depression sind allerdings multifaktoriell und eine Besserung der Grunderkrankung beeinflusst unabhängig von der eingesetzten Wirkstoffklasse solche Nebenwirkungen. Unstrittig ist jedoch, dass vorhandene Sexualfunktionsstörungen unter einer chronischen Behandlung mit Antidepressiva auch verschlechtert werden können und der Wechsel des medikamentösen Regimes bei subjektiv belastenden Nebenwirkungen eine sinnvolle Intervention darstellt.

Erreichen des Blutdruckziels

Auch bei der Behandlung der Hypertonie ist eine Kombination von verschiedenen Substanzen zum Erreichen des Blutdruckziels oft notwendig. Generell gilt auch hier, dass mit steigender Dosis die Häufigkeit und der Schweregrad von Nebenwirkungen zunimmt. Eine frühzeitige Kombination von Wirkstoffen vor Erreichen der Tageshöchstdosis einzelner Substanzen ist daher nicht nur in Bezug auf Wirksamkeit, sondern auch für das Auftreten von Nebenwirkungen zweckmäßig.

Es ist festzuhalten, dass viele Wirkstoffe einen schlechteren Ruf bezüglich des Auftretens sexueller Funktionsstörungen haben, als es der Datenlage entspricht. Darüber hinaus sind Nebenwirkungen nicht immer für alle Wirkstoffe einer Substanzklasse in gleichem Ausmaß zutreffend.

Bei der Auswahl der antihypertensiven Therapie wird unter den Wirkstoffen erster Wahl die Gruppe von Diuretika, Beta-Blockern, Kalziumkanalblockern, ACE-Hemmern und Angiotensin-Rezeptor-Blockern angeführt. Bei therapie-refraktärer Hypertonie ist eine Kombination mit Mineralokortikoid-Rezeptor-Antagonisten, Alpha-Blockern, direkten Vasodilatantien und zentral wirksamen Wirkstoffen angezeigt.

Unter den Medikamenten erster Wahl werden bei Behandlung > 6 Monaten Erektionsprobleme von 6 bis 18 Prozent der behandelten Männer angegeben. Diuretika verschlechtern die Sexualfunktion bei Männern, bei Frauen sind keine ausreichenden Daten verfügbar. Unter den Beta-Blockern scheint Nebivolol die Sexualfunktion bei Männern günstig zu beeinflussen, auch im Vergleich zu anderen Beta-Blockern. In der Gruppe der Kalziumkanalblocker ist eventuell Felodipin für Frauen günstig bei Störungen der Sexualfunktion. Bei Männern ist unter Kalziumkanalblockern das Bild uneinheitlich und zeigen keine Verbesserung sexueller Funktionsstörungen. ACE-Hemmer verhalten sich neutral, während für Angiotensin Rezeptor Blocker bei Männern und Frauen Daten zu verbesserter Sexualfunktion unter Therapie verfügbar sind.

Für andere Antihypertensiva sind keine günstigen Effekte auf die Sexualfunktion bei Männern oder Frauen konsistent ausgewiesen, aufgrund der antihormonellen Eigenschaften werden bei Mineralokortikoid-Rezeptor Antagonisten Verschlechterungen der Sexualfunktion häufig berichtet.

Wie erwartet hat die subjektive Einstellung für das Auftreten, den Schweregrad und die Behandlung von erektiler Dysfunktion unter einer chronischen medikamentösen Therapie bei Männern großen Einfluss. Bei bekannter Nebenwirkung stellen sich Sexualfunktionsstörungen eher ein als bei Verblindung des Wirkstoffs oder der Angabe von möglichen Nebenwirkungen.

Einfluss der Aufklärung

In gleicher Weise ist die Behandlung einer medikamentös-ausgelösten erektilen Dysfunktion durch Phosphodiesterasehemmer bei Männern gleich wirksam wie mit einem Scheinmedikament. Eine eingehende Aufklärung beeinflusst daher nicht unerheblich die Wirksamkeit und Nebenwirkungen medikamentöser Interventionen.

Es ist festzuhalten, dass Reduktionen der Sexualfunktion insbesondere bei zentral wirksamen Medikamenten, Diuretika und Mineralokortikoid-Rezeptor Antagonisten eine häufige Nebenwirkung der Langzeitbehandlung darstellen und keine Toleranzentwicklung auftritt. Eine Anpassung der Therapie nach Erfragen von diesen typischen Nebenwirkungen erscheint daher angezeigt, wobei die Erwartungshaltung der Patienten einen deutlichen Einfluss auf die Besserung der Beschwerden besitzt.

Michael Wolzt, Ärzte Woche 3/2016

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