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© Dirk Reinartz
Oliver Sacks
 
Neurochirurgie 10. November 2015

75 Jahre Einsamkeit

Die Memoiren eines Neurologen.

Der schwerkranke britisch-amerikanische Neurologe und Autor Oliver Sacks hat seine Erinnerungen veröffentlicht.

Ein weltbekannter Neurologe und Autor geht 50 Jahre lang zwei Mal pro Woche zum Analytiker und bekennt dem, der das eigentlich gar nicht wissen will, 35 Jahre lang keinen Sex gehabt zu haben, um sich dann mit 75 Jahren in einen anderen Schriftsteller zu verlieben. Das zwingt ihn, seine „Gewohnheiten lebenslanger Einsamkeit“ zu verändern, „nachdem ich mein ganzes Leben lang Distanz gewahrt hatte“.

Oliver Sacks, mittlerweile 82 Jahre alt und schwer krank, hat seine Memoiren veröffentlicht („On the Move – Mein Leben“, Rowohlt). Es ist eine faszinierende Mischung von bemerkenswerten Patienten-Fallstudien über „normale“ und „unnormale“ Verhaltensweisen mit Geschichtenerzählungen über sein Leben und Menschen, denen er begegnet ist.

So schildert er in berührenden Worten die späte Veränderung in seinem langen, wissenschaftlich und schriftstellerisch reichen und privat doch so lange einsamen Leben: „Es war eine neue Erfahrung für mich, ruhig in den Armen eines anderen zu liegen, zu reden, Musik zu hören oder gemeinsam zu schweigen oder auch „richtige Mahlzeiten“ zuzubereiten. Ich hatte bis dahin mehr oder weniger von Cornflakes gelebt, oder von Ölsardinen, die ich direkt aus der Dose aß, im Stehen, in 30 Sekunden.“ Dabei hatte Sacks nach früheren Enttäuschungen beim Verlieben in „normale Männer“ beschlossen, „nie wieder mit irgendjemand zusammenzuleben“.

Es sind nicht die einzigen zu Herzen gehenden privaten Bekenntnisse dieses beruflich so erfolgreichen Mannes. Als er sich als Jugendlicher im Elternhaus zu seinem Schwulsein bekennt, im England der 50er Jahre mit der Strafverfolgung Homosexueller, muss er sich von seiner eigenen Mutter anhören, dass er „ein Gräuel“ sei: „Ich wünschte, du wärst nie geboren worden.“ Es ist für den Jugendlichen wie ein Messerstich, der ein Leben lang schmerzen wird. Und doch bringt er später Verständnis für seine Mutter auf, die ihm doch als Kind abends oft stundenlang vorgelesen hat, weil sie bereits das Schicksal mit dem schizophrenen Bruder von Oliver zu schultern hatte.

Aber es führte auch dazu, dass Oliver bald sein Elternhaus und England, beides für ihn zu eng geworden, verlässt, um in Kanada und schließlich in den USA sein Glück zu suchen, wo er heute noch lebt. Beruflich wird er es finden und mit seinen medizinischen Fallstudien zur Hirnforschung Aufsehen erregen. Dass Sacks seine Erkenntnisse mit seinem Talent als Geschichtenerzähler verbindet und also auch populärwissenschaftlich schreibt, wird ihm den Argwohn der Fachwelt einbringen, dafür aber auch die Aufmerksamkeit eines breiten, interessierten Publikums sichern, seine Bücher werden Bestseller.

Zu seinen größten Erfolgen zählt das Buch „Awakenings“ (Zeit des Erwachens) über Patienten mit Schlafkrankheit, das auch mit Robert de Niro und Robin Williams verfilmt wurde, wie auch das unter anderem von Peter Brooks dramatisierte Buch „Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“.

Den Titel von „Awakenings“ entlieh er dem Theaterstück „Wenn wir Toten erwachen“ von Henrik Ibsen, dem Autor der „Gespenster“ (mit einem geisteskranken Sohn), was Sachs damaliger Gemütsverfassung nahekam.

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