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Hart an der Grenze

Die Neurobiologie von Lust und Schmerz.

Im allgemeinen Hype um „Fifty Shades of Grey“ stellt sich für viele die Frage: Warum und wie können Schmerzen Lust bereiten? Der Psychiater Prof. Dr. Tillmann Krüger, Leitender Oberarzt an der Klinik für Psychiatrie, Sozialpsychiatrie und Psychotherapie, Medizinische Hochschule Hannover, hat sich mit dem Thema befasst.

Schmerz ist, im Gegensatz zur Lust, etwas, das man normalerweise eher meidet. Nun gibt es aber Menschen, denen Schmerzen Lust bereiten. Wie passt das zusammen?

Krüger: Es gibt bei Lust und Schmerz durchaus gewisse Schnittstellen, etwa im Sinne von Schmerzantizipation, Schmerzwahrnehmung und dann auch wieder Schmerzreduktion. Insbesondere die Schmerzreduktion überlappt sich mit der Sexualität: Hier wie dort werden Belohnungszentren im Gehirn angesprochen. Es existiert gewissermaßen eine gemeinsame Endstrecke von Schmerz und Lust. Wir kennen das auch vom Verliebtsein. Allein schon das Bild eines geliebten Partners zu betrachten, kann helfen, Schmerzen zu reduzieren. Bei manchen Menschen nimmt der Zusammenhang von Schmerz und Lust ziemlich explizite Formen an — Stichwort BDSM, im Fachjargon als Bondage and Discipline, Dominance and Submission, Sadism and Masochism, kürzer und ungenauer als Sadomasochismus bezeichnet. Man muss zunächst anmerken, dass bei den BDSM-Praktiken nur in den seltensten Fällen wirklich schwerste Schmerzen zugefügt werden. Es ist ja nicht so, dass sich die Beteiligten schwer verletzen, wie das zum Teil bei ausgeprägten Persönlichkeitsstörungen oder anderen psychiatrischen Störungsbildern vorkommen kann. Bei BDSM spritzt üblicherweise nicht das Blut und es klaffen keine Wunden. Es geht hier mehrheitlich um Fesseln und leichten bis moderaten Schmerz. Oft geht es auch nur um die Antizipation von Schmerz und um Unterwerfung.

Wie erklärt sich die Verbindung von Sexualität, Schmerz und Unterwerfung?

Krüger: Möglicherweise handelt es sich hier um ein Relikt aus der Evolution. Gewalt ist durchaus ein bekanntes Phänomen in der Paarungsstrategie von Säugern. Menschen tragen dieses Relikt womöglich noch mit sich, denken Sie nur an Liebesbisse oder Knutschflecken. Schon aus den Untersuchungsergebnissen von Alfred Kinsey aus den 1950er-Jahren ist bekannt, dass 55 Prozent der Frauen und 50 Prozent der Männer Liebesbisse während des Geschlechtsverkehrs als erotisch empfinden. Das führt immerhin zu Hämatomen, die wir uns sonst freiwillig gar nicht zufügen lassen würden. Hier sieht man schon: Ein blauer Fleck – an sich nichts Tolles und sogar ein bisschen schmerzhaft – ist kompatibel mit Geschlechtsverkehr.

Wäre das Verhalten aus der Evolution erklärbar, müsste sich aber doch ein Vorteil damit verknüpfen. Welcher Vorteil könnte in schmerzhaftem Sex stecken?

Krüger:Einmal könnten Dominanz und Unterwerfung einfach eine Variante der sexuellen Interaktion mit dem Partner sein. Das Verhalten könnte aber auch eine Variante der direkten sexuellen Stimulation sein. Möglicherweise ist die Stimulation durch die Kombination von sexueller Erregung und leichten Schmerzen steigerbar. Das kann gut sein, weil sexuelle Erregung ein gewisses Maß an psychophysischer Aktivierung benötigt. Das heißt, es wird Noradrenalin im ZNS ausgeschüttet. Wenn wir davon zu viel haben, stehen wir im Stress und denken nicht an Sex; wenn wir zu wenig haben, schlafen wir ein. Aber ein gewisses Maß an Aktivierung ist nötig und individuell unterschiedlich ausgeprägt.

Und was bedeutet das für sadomasochistische Praktiken?

Krüger: Es gibt Untersuchungen dazu, was auf der biologischen Ebene passiert, wenn solche Personen Sex miteinander haben. Man sieht hier, dass der oder die Untenliegende höhere Werte an Kortisol hat. Das widerspricht eigentlich den Erwartungen. Denn man würde denken, der Dominante oben hat auch eine stärkere HPA-Achsen-Aktivierung (Anm.: Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenachse) und eine höhere Kortisolausschüttung. Das ist aber nicht so. Vielmehr hat der Untenliegende mehr Kortisol, vermutlich ein Marker für seine erhöhte Erregung. Wenn er dafür prädestiniert ist, ein so hohes Maß an Erregung als angenehm zu empfinden, dann ist das für ihn natürlich positiv. Bei Frauen sieht man zudem, dass sie, wenn sie unten liegen, auch eine höhere Testosteronauschüttung haben. Das kann noch ein weiterer Trigger sein.

Also, salopp gesagt: Wer unten liegt, hat mehr Spaß?

Krüger: Ja, bei konsensuellem BDSM ist das so. Die Teilnehmer bestätigen das auch. Sie sprechen von einem ganz hohen Maß an Hingabe und Vertrauen, auch Unterwerfung, und dadurch gleichzeitig an Nähe. Durch diese Techniken, das Antizipieren von Schmerzen, den Druck der Fesseln und bis zu einem gewissen Grad auch das Spüren von Schmerzen scheinen sich die sexuelle Begegnung und die Intimität zu intensivieren. Ich spreche hier wohlgemerkt nicht von Vergewaltigung oder Ähnlichem.

Warum funktioniert das über Schmerzreize?

Krüger: Wichtig ist die Variation des Intimitätslevels. Wenn wir Intimität im Rahmen einer Partnerschaft oder Begegnung verändern, triggert das Leidenschaft. Wenn wir nichts ändern und immer das gleiche sexuelle Skript verfolgen, wird es schnell langweilig. BDSM ist für die, die es mögen, eine Möglichkeit, das Intimitätsniveau sehr stark zu variieren. Schmerz ist psychologisch wie neurobiologisch einer der stärksten Reize, um bestimmte Hirnzentren und auch psychologische Phänomene zu aktivieren.

Wer praktiziert eigentlich BDSM, und warum?

Krüger: Männer häufiger als Frauen, zumindest was den Besuch von BDSM-Studios angeht. Fragt sich, warum manche Männer submissive Paarungsstrategien suchen, während andere zum Gegenextrem neigen und Vergewaltiger werden. Eine Theorie ist die der Feminisierung des Gehirns im Mutterleib durch zu viel oder zu wenig Testosteron. Die submissive Rolle kann aber auch eine Paarungsstrategie sein, beispielsweise für Männer, die merken, dass sie beispielsweise durch Aussehen oder Geld keinen guten Status haben. Sich zu unterwerfen, kann bei Frauen, die gern dominant sind, ein Vorteil sein. Und eine dominante Partnerin kann als reproduktiv potent erlebt werden. Das alles sind mögliche Erklärungen für das Phänomen, dass manche Männer in BDSM-Studios gehen.

Ist ein solches Verhalten neurobiologisch determiniert?

Krüger: Ich glaube, bei einem Großteil der Betroffenen ist das so. Aber natürlich gibt es Modulationen durch die Umwelt.

Ab wann spricht man davon, dass eine Neigung zu BDSM pathologisch ist?

Krüger: Entscheidendes Kriterium ist der Leidensdruck. Wenn wir von sadomasochistischen Störungen sprechen, meinen wir nicht nur ein paar BDSM-Variationen. Hier lässt sich oft ein psychodynamischer Hintergrund erkennen. Das kann Menschen betreffen, die in ihrer Kindheit Unterdrückung und Gewalt erfahren haben und ihre Traumata in neuen Beziehungen reinszenieren. Und darunter leiden die Patienten, sonst kämen sie nicht in unsere Sprechstunde.

Das Gespräch führte Robert Bublak.

Der Originalartikel „Schmerz und Lust haben eine gemeinsame Endstrecke“ ist erschienen in MMW - Fortschritte der Medizin 2/2015, DOI: 10.1007/s15006-015-2616-2, © Urban & Vogel.

springermedizin.de, Ärzte Woche 9/2015

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