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© Paul Sutherland / Getty Images / Thinkstock
 
Praxis 25. August 2015

Was tun die eigentlich in den Selbsthilfegruppen?

Wie man mit Gleichgesinnten gesund wird.

Gemeinschaftliche Selbsthilfe kann eine wichtige Rolle in der Gesundheitsförderung und Präventionsarbeit spielen. Allerdings mangelt es an der Einbindung der Hunderten Gruppen, die sich regelmäßig treffen. Das wird in einer Studie des Ludwig Boltzmann Instituts Health Promotion Research festgestellt.

Es gebe Länder, China etwa, in denen Selbsthilfegruppen an erster Stelle stehen. „Da gehen die Menschen hin, bevor sie ins Spital gehen“, sagt Susanne Kamper. Die Niederösterreicherin leitet eine vom Dachverband anerkannte Selbsthilfegruppe für Burnout-Klienten.

Burnout-Selbsthilfe in Österreich ist eher am anderen Ende der Kette zu finden, sagt Kamper: „Ich habe so viele Folder ausgeteilt, in Apotheken bei Ärzten, die Folder sind alle weg, die Leute stecken sie ein und schauen sie zu Hause immer wieder an. Bis sie soweit sind, dass sie mich anrufen, ist dann schon ein Punkt erreicht, wo sie aus ihrer emotionalen, seelischen und körperlichen Erschöpfung nicht mehr herauskönnen. Oft ausgelöst durch einen Todesfall oder eine Trennung.“ Sie würde sich wünschen, dass die Menschen schon früher zu ihr kommen, „spätestens, wenn sie nicht mehr schlafen können. Aber bei uns hat die Selbsthilfegruppe eben noch nicht den großen Stellenwert wie anderswo.“ Kampers Klienten sind vorher beim Arzt um Herzklopfen, Panikattacken etc. abklären zu lassen.

Mag. Daniela Rojatz und Rudolf Forster vom Ludwig Boltzmann Institut für Health Promotion Research in Wien erläutern in ihrer Studie „Gemeinschaftliche Selbsthilfe als Gesundheitsförderung pur!?“, erschienen im Journal Prävention/Gesundheitsförderung (10/2015), dass die Integration der unterschiedlichen Strategien zu einem „Health in all Policies“-Gesamtkonzept noch in den Kinderschuhen stecke. Zwischen gesundheitsfördernden Spitälern und Selbsthilfegruppen sei das wechselseitige Bewusstsein für die Synergiepotenziale noch zu gering.

Initialzündung

Doch es gibt auch gelungene Beispiele: Dr. Kristina Adorjan, Dr. Gabriele Koller und Dr. Oliver Pogarell, alle drei sind an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität München tätig, beschreiben die Behandlung von Suchterkrankten, vor allem Alkoholkranken, in der Zeitschrift MMW - Fortschritte der Medizin (157 / 2015): „Die Behandlung von Suchterkrankten ist oft schwierig. Therapieabbrüche, Rückfälle und Niederlagen gehören zum Alltag. Für einen nachhaltigen Erfolg werden die Patienten in Deutschland in einem mehrstufigen System behandelt. In einer initialen Kontaktphase wird versucht, mit motivierenden Gesprächen Krankheitseinsicht und Veränderungsbereitschaft zu bewirken. Dafür stehen Suchtberatungsstellen, Fach- und Hausärzte sowie Klinikambulanzen und Selbsthilfegruppen zur Verfügung. Ist der Patient sich seiner Probleme bewusst, folgt als zweite Phase eine qualifizierte Entzugsbehandlung. Diese sollte aufgrund möglicher Komplikationen in der Regel unter stationären Bedingungen erfolgen. In der dritten Phase, der Entwöhnungsphase, sollen der Patient weiter stabilisiert und das Abstinenzziel gefestigt werden. Dabei kommen vor allem psychotherapeutische und sozialpsychiatrische Maßnahmen im ambulanten, stationären oder teilstationären Rahmen zum Einsatz. Am Ende folgt, viertens, eine ambulante Rehabilitations- bzw. Nachsorgephase, in der unter anderem Selbsthilfegruppen besucht werden.“

Seit der Eröffnung der Münchener Klinik im Juni 2014 wurden mehr als 150 Patienten in der Tagesklinik behandelt. Die Mehrzahl konnte nach Hause oder in eine Langzeittherapie entlassen werden; lediglich fünf Prozent brachen die Therapie aufgrund eines Rückfalls ab.

Martin Burger, Ärzte Woche 35/2015

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