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Alles für ein ästhetisch anspruchsvolles Picnic: „Moment for oneself“ for Hermès (2014)

Die kompakte mobile Küche fürunterwegs: „Mobile hospitality“(mobile Gastfreundschaft), 2011

Zwei Objekte, die Poetisches mit Funktionalistischem verbinden:„A timber daybed for Hermès“ (2014)Prix Èmile Hermès 2014 Design Award Finale, sowie „Sack und Pack“

©  (4) Rauminhalt

Puristische Formen- sprache mit klassischem Anspruch: Little desk (2014) Schminktisch mit Schublade, Materialien: Esche massiv, Esche furniert; Spiegel: Messing.

 
Leben 20. Juli 2015

Alles, worauf es ankommt

Das 2011 in Wien gegründete Designduo chmara.rosinke spürt auf subtile Art und Weise neuen Werten nach. Ania Rosinke und Maciej Chmara besitzen die besondere Gabe, Alltagsdinge neu zu denken. Eine klare, puristische Formensprache zu definieren, verlangt schließlich eine konsequente Umsetzung.

Das Zeitalter der urbanen, neuen Nomaden zwingt dazu, neue Möbel- und Raumkonzepte auf ihre Tauglichkeit zu erproben und so neue Wege zu öffnen. Der poetische Funktionalismus der beiden Designer prägt die reine Form ihrer Entwürfe.

Das Leben ist gezeichnet von stetiger Veränderung. Warum also nicht aus der Not eine Tugend machen? Die beiden Designer Ania Rosinke und Maciej Chmara schöpfen aus einer Vielzahl von thematischen Verknüpfungen, ob geschichtlich, literarisch, handwerklich oder materialkundlich, und filtern daraus ein Gestaltungsdestillat, das den gegenwärtigen Anspruch einlöst, andererseits aber auch durchaus klassische Züge trägt. Der Rückzug ins Persönliche und die Rückbesinnung auf Wesentliches kennzeichnen zudem die Gestaltung der Objekte und des Mobiliars. Den Rahmen, in dem sich die Wirkung der Entwürfe des Designduos entfaltet, bieten oftmals räumlich überschaubare Refugien. Dabei wird auf Reduktion und stilistischen Purismus gesetzt. Ein gutes, ausgewogenes Gespür für Sachlichkeit trifft hier auf ein poetisches Moment, das die Gestaltung ganz wesentlich mitbestimmt.

Kennengelernt haben sich die beiden Entwerfer im Laufe des Architektur- und Designstudiums an der Academy of Fine Arts in der ehemaligen Hansestadt Gdansk/Danzig. Es folgten weiterführende Studienaufenthalte an der Kunstuniversität Linz (space&design strategies) sowie der Akademie der bildenden Künste in Wien und der TU Wien. Mit rigorosen, fast radikalen Vorstellungen von Raum und den dazu in Beziehung tretenden Möbelentwürfen steht das Designduo den konzeptionellen und ausgeführten Interieurs der amerikanischen Künstlerin Andrea Zittel durchaus nahe.

Die Kunst des Weglassens

Konsequentes gedankliches und auch räumliches Reduzieren schafft hier wie da eine Klarheit, die einem sonst in einer von Eindrücken überfluteten Welt leicht abhanden kommt. Dem Credo von der ständigen allgegenwärtigen Verfügbarkeit wird der selbst auferlegte Verzicht entgegengehalten. Das bringt natürlich die grundsätzliche Frage mit sich, was von all dem, womit man sich umgibt, tatsächlich nötig ist. Damit stellt sich unweigerlich auch die Frage der Funktionalität und der Materialität von Objekten sowie deren besonderem Charakter. Es sind die intimen Momente des „ganz bei sich Seins“, die den besonderen Reiz der zumeist aus unbehandeltem Holz gestalteten Möbelobjekte ausmachen; sie bilden Ruhepole im hektischen Alltagsgetriebe. Die Zeit und damit das Verweilen erhält dadurch wieder eine besondere Qualität.

Diese Momente der Sammlung und des Innehaltens vermittelt etwa das „Daybed“ aus Ahorn und Lärchenholz, das 2014 beim Prix Émile Hermès in das Design Award Finale kam. Auch „Moment for oneself“ aus dem gleichen Jahr – es kam ebenfalls im Prix Émile Hermès in das Design Award Finale – ist hier zu nennen: Das Spiel mit dem Konzept einer „mobilen“ Koch- und Grilleinheit hat zwar in unseren Breiten eher Freizeit-Charakter, in anderen Erdteilen haben mobile Gar-Küchen allerdings eine wirtschaftlich und gesellschaftlich wichtige Aufgabe zu erfüllen.

Die Intimität von Zurückgezogenheit im Innenraum vermittelt hingegen „Little desk“, 2014, auf geradezu klassische Art und Weise: Der Schminktisch mit Schublade in Esche und Messing erinnert an das klassische Boudoir, jenen Raum der mehr als nur ein temporärer Rückzugsort zu Beginn oder am Ende eines Tages ist, sondern der auch Stimmungen prägt.

Hand anlegen

Der handwerkliche Aspekt ist bei allen Entwürfen von besonderer Bedeutung, schließlich bestimmt er - zusammen mit dem Entwurf - die endgültige Wirkung der Möbelobjekte. Oft schwingt eine leichte Reminiszenz mit, ohne dass die entworfenen Objekte dem derzeit aktuellen Retro-Chic unterworfen werden. Sie sind – ganz im Gegenteil - sehr zeitgemäß und dazu gemacht, in ihrer zeitlosen Form, die oftmals wie ein elegantes Statement wirkt, Moden verlässlich zu überdauern.

Das Spiel mit Formen gestattet Rückgriffe, die in neuer Zusammenstellung frisch und somit unverbraucht wirken. Wer nach Zitaten sucht, der kann dies getrost sein lassen: Hier geht es um Möbelthesen, die als klare Begriffe und eindeutige Standpunkte gedacht und gemacht sind. Schnörkellos und doch charmant, in einer Einfachheit, die selbst Skeptiker für sich einnimmt.

Leichtigkeit ist ein Begriff, der einem fast zwangsläufig in den Sinn kommt, darin liegt wohl auch die Kunst des Gestaltens. Pragmatismus könnte man damit auch verbinden. Es ist eine Formensprache die anrührt, bewegt - nicht abgehoben und unverständlich, sondern eher auf etwas ganz Wesentliches begründet, nämlich darauf, was man tatsächlich braucht und auf was man in letzter Konsequenz in einer Gesellschaft des Überflusses getrost verzichten kann.

Angesichts mancher dieser Objekte ist das ein mehr als reizvolles Gedankenspiel, schließlich können leere und dadurch wie neu wirkende Räume, genauso wie ein vollzogener Ortswechsel, Neues entstehen lassen. „Sack und Pack“ lädt als Kombination von Wanderstab und einem Bündel mit nützlichen Utensilien dazu ein, sich auf eine poetische Wanderschaft zu machen, Altes hinter sich zu lassen und Neues begierig in sich aufzunehmen. Alles, worauf es ankommt, hat man schließlich mit dabei. Ob man dieses in limitierter Stückzahl in Wien hergestellte Objekt als pure Inspirationsquelle betrachtet oder sich damit auf den Weg begibt ist Geschmackssache. Eine Fülle an Inspiration bietet auch dies allemal.

www.chmararosinke.com

www.rauminhalt.at

Thomas Kahler, Ärzte Woche 28/2015

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