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© Delugan_Meissl Associated Archit ects
Delugan Meissl Associated Architects entwarfen 2003 einen Panoramalift auf den Mönchsberg.

© Architekturmuseum TU Berlin

Hans Poelzig: Festspielhaus Salzburg; 1. Projekt: Freitreppe, 1920

    © Archiv der Salzburger Festspiele

Blick in die Ausstellung mit dem Festspielhaus in Hellbrunn von Hans Poelzig im Vordergrund./Rainer Iglar

 
Leben 31. Mai 2015

Was wäre wenn?

Die Ausstellung „Ungebautes Salzburg“ im Museum der Moderne am Mönchsberg zeigt visionäre Projekte, die nie realisiert wurden.

Das Wesentliche an Utopien ist, dass sie nicht verwirklicht werden. Architektonisch gescheiterte Konzepte in Salzburg werden in einer Schau, die noch bis 12. Juli 2015 zu sehen ist, in Plänen und Architekturmodellen dargestellt. Sie alle hätten das Stadtbild massiv verändert.

Veränderungen – speziell solche architektonischer Natur – bedeuten bestenfalls Neuerungen, die sich letztlich als visionär erweisen: Die dadurch gesetzten baulichen Akzente prägen oftmals eine neue und somit andere Sichtweise auf ein historisch gewachsenes Ensemble, wie dies etwa in Salzburg der Fall ist. Salzburgs spezielle Lage mit der Alt-und Neustadt, die voneinander durch die Salzach getrennt werden, abgeschirmt von den beiden Hausbergen, dem Kapuzinerberg auf der Neustadtseite und dem lang gestreckten Mönchsberg auf der Altstadtseite, schafft besondere Verhältnisse. Auf dieser Bühne entfaltet Architektur in einem vergleichsweise enggesteckten Rahmen ihre Wirkung. Darin liegen Chancen, aber auch Risiken. Denn architektonisch markante Bauten haben einen weit über das Sichtbare hinaus reichenden Einfluss. Auch ein schwaches Projekt ist als solches erkennbar und prägt die Stadt und ihre Bewohner.

Dennoch gestaltet sich der Sachverhalt in Salzburg nicht ganz so einfach. Die Bürgerhäuser stehen der barocken Prachtentfaltung der Landesfürsten gegenüber. Repräsentativ geplant hat man in der erzbischöflichen Residenzstadt seit dem 16. und 17. Jahrhundert. Der neue Dom, erbaut nach Plänen Santino Solaris, die Alte und die Neue Residenz sowie die Paris-Lodron Universität prägen seither das Stadtbild. Auf engstem Raum entfaltet sich zudem der Luxus freier Plätze. Ein größerer Gegensatz ist kaum möglich. Und doch sollte gerade das 20. Jahrhundert noch größere Projekte und kühne Vorhaben mit sich bringen.

Salzburg als architektonische Bühne

Ohne die Salzburger Festspiele, als deren unermüdlicher Promotor Max Reinhardt in den 1920er Jahren auftrat, hätte Salzburg heute wohl nicht seinen internationalen Rang und Namen. Die internationale „Bühne“, die er damit schuf, hatte eine bedeutende Anzahl an architektonischen Projekten zur Folge. Oft kamen Projekte nicht über die Entwurfsphase hinaus, so etwa jenes von Hans Poelzig für ein Festspielhaus im Schlosspark von Hellbrunn aus dem Jahr 1919 das, ganz anders als der beträchtlich später verwirklichte Neubau des Festspielhauses, starke expressive Züge aufwies.

Aber auch der ungebaute Entwurf des „Festspielhaus am Rosenhügel“ im Mirabellgarten, nächst dem Schloss Mirabell aus dem Jahr 1950 von Clemens Holzmeister, hätte eine ganz andere Wirkung entfaltet als das schließlich 1956 ebenfalls von Holzmeister verwirklichte Neue Festspielhaus, das als ein deutlicher und obendrein gelungener Eingriff in das historische Zentrum Salzburgs gelten kann.

Die architektonische Umsetzung erfolgte gekonnt, wenn auch nicht unter ungeteilter Zustimmung der Salzburger. An den teils voller Erregung geführten Diskussionen, die neue Projekte begleiten, hat sich bis heute nichts geändert. Solch umfangreiche Bauvorhaben riefen regelmäßig Kritiker auf den Plan, Widerstand kam oftmals auch von den Medien.

Moderne, Reaktion und Avantgarde

Die Vertreter der klassischen Moderne kamen hier städteplanerisch im Bereich des Wohnbaus selten zum Zug. So boten sich in verschiedenen Stadtvierteln immer wieder Möglichkeiten zur architektonischen Neugestaltung, wie etwa das Wettbewerbsprojekt Bebauung Arenberg von Peter Behrens und Alexander Popp aus dem Jahr 1932 zeigt. Auch Josef Hoffmann und Oswald Haerdlt hatten hierfür unter anderen einen Entwurf eingereicht.

Erspart blieb der Stadt Salzburg das Monumentalprojekt des Gauforum auf dem Kapuzinerberg (Imberg) mit Gauhalle, Gauhaus, Versammlungsplatz und Festspielhaus sowie der Variante mit Adolf-Hitler-Schule, die um 1940 von Otto Reitter und Otto Strohmayr konzipiert wurden. Solch gescheiterte Projekte zeigen auch deutlich, wo der Anspruch politischer Willkür samt purer Machtdemonstration und Realitätsferne aufeinandertreffen.

Bei anderen Projekten führte ein eklatanter Mangel an kulturpolitischem Weitblick und damit verbundener Courage dazu, dass – wie im Fall des Entwurfs von Hans Hollein für das Guggenheim-Museum im Jahr 1989 – visionäre Projekte nicht verwirklicht wurden und man im Grunde unbefriedigenden provinziellen Lösungen den Vorzug gab.

Damit ergibt sich ein Rückblick auf vergebene, einmalige Chancen, wie das auch im Fall des von Friedrich Kurrent geplanten „Haus für Mozart“ im Bruderhof aus dem Jahr 2000 so ist. Dieses wurde schließlich als Adaption des Kleinen Festspielhauses nach Plänen von Wilhelm Holzbauer und François Valentiny verwirklicht.

Dass manches nicht realisiert wurde, ist im Nachhinein eine mehr als glückliche Fügung. Ein Projekt, wie jenes für eine Mirabellplatz-Verbauung von Wunibald Deininger und Martin Knoll aus dem Jahr 1932, wirft Fragen nach dem grundsätzlichen Umgang mit sensiblen zentralen Bereichen der Stadt auf.

Manches, wie etwa der Panoramalift auf den Mönchsberg von Delugan Meissl Associated Architects aus dem Jahr 2003, hätte einen deutlichen Kontrapunkt zu dem historischen Häuserensemble am Fuße des Mönchsbergs dargestellt und somit die stetige Spannung von Altem und Neuem sehr gut zum Ausdruck gebracht. Salzburg ist bei aller architektonischen Vielfalt kein Museum. Ein zentrales Anliegen liegt in der Reflexion über die geplanten Projekte und darin, etwaige Vorhaben kritisch zu hinterfragen.

Die Frage, was man einer Stadt wie Salzburg zumuten kann und wann Grenzen eindeutig überschritten sind, ist allemal wert, leidenschaftlich und engagiert diskutiert zu werden. Den Blick dafür schult diese Ausstellung, indem sie zeigt, was hätte sein können und was stattdessen tatsächlich ist.

Ausstellung „Ungebautes Salzburg“

Museum der Moderne Salzburg, bis 12.7.2015

www.museumdermoderne.at

Thomas Kahler, Ärzte Woche 22/2015

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