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Neurologie 29. August 2016

Was Wagner wirklich quälte

Migräne. Die Musik Richard Wagners (1813 bis 1983) ist nicht jedermanns Sache. Auch Prof. Dr. Hartmut Göbel, Neurologe und Kopfschmerzexperte, hatte nach eigener Aussage lange „keine tiefere Beziehung zu Wagner“ – bis eine „Siegfried“-Premiere für ein überraschendes Aha-Erlebnis sorgte.

Diese plötzliche Erkenntnis hat Göbel so beschrieben: „Das merklich wahrnehmbare Paukentremolo leitet den ersten Akt ein, es vermittelt ein Brummen im eigenen Kopf. Die Streicher fügen die ersten leichten Pulsationen hinzu. Ankündigungssymptome der Migräne werden unmittelbar erlebbar, die Zündschnur der Migräne glimmt bereits. Takt für Takt baut sich der Anfall auf, beim Schwertmotiv eskaliert das Pochen, es hämmert und pulsiert wie im Höhepunkt einer Migräne.“

Die Inszenierung verstärkte den Eindruck, Wagner habe künstlerisch die Qualen eines Migräneanfalls verarbeitet: „Zwangvolle Plage, Müh‘ ohne Zweck“, ruft Mime, der Schmied, er fasst sich an die Schläfen und verzerrt das Gesicht vor Schmerz. Später beschreibt sein Text die Sehstörungen, wie sie bei einer Migräne-Attacke vorkommen können: „Verfluchtes Licht! Was flammt dort die Luft! Was flackert und lackert, was flimmert und schwirrt, was schwebt dort und webt und wabert umher?“

Dieses Kunsterlebnis war für Göbel, gemeinsam mit seinen Kindern Dr. Anna Göbel und Dr. Carl H. Göbel, Anlass für eine aufwändige Analyse von Wagners Schriften und Briefen sowie der detaillierten Tagebuchaufzeichnungen der zweiten Ehefrau Wagners, Cosima. Auch wenn der Begriff „Migräne“ zu Wagners Zeiten unbekannt war, lassen nach Auffassung der Familie Göbel die Beschreibungen und der Abgleich mit den aktuellen Klassifikationskriterien der International Headache Society (IHS) kaum einen Zweifel daran, dass Wagner – neben weiteren Gesundheitsproblemen – an einer Migräne mit und ohne Aura gelitten hat. Er bezeichnete sie sogar als die Hauptplage seines Lebens.

Kopfbedeckung gegen den Schmerz

Es scheint eine familiäre Häufung vorzuliegen: Wagners Mutter litt häufig unter schweren Kopfschmerzen und trug, im Bemühen dem vorzubeugen, permanent eine Kopfbedeckung. Diese Gewohnheit nahm auch Richard Wagner an, selbst in Innenräumen war sein Kopf selten unbedeckt – eine in der damaligen Volksmedizin etablierte Standardmaßnahme gegen Kopfschmerzen.

Die Kinder Wagners waren später ebenfalls von Kopfschmerzattacken geplagt, ebenso Cosima Wagner. „Verfluchtes Licht! Was flammt dort die Luft! Was flackert und lackert, was flimmert und schwirrt?“ Ab Richard Wagners 28. Lebensjahr finden sich regelmäßig Hinweise auf oft tagelange Kopfschmerzattacken schwerster Intensität, die er als „nervöse“ oder „ängstliche Kopfschmerzen“ beschreibt.

Körperliche Aktivität, Überarbeitung, Gerüche, Tabakrauch und Alkohol triggerten oder verstärkten die Schmerzen. Begleitet waren sie von Übelkeit und Erbrechen, Lärm- und Lichtüberempfindlichkeit sowie Sehstörungen, deren Beschreibungen auf Flimmerskotome hindeuten.

Immer wieder musste Wagner Bettruhe halten, bis die Schmerzen nachließen, musste seine Kompositionsarbeiten unterbrechen. So auch jahrelang am „Siegfried“. Im Dezember 1856 schrieb Wagner in einem Brief, er könne sich nicht mehr motivieren, an der Oper zu arbeiten. Erst 1864 vollendete er den zweiten Akt und nicht eher als im August 1876 fand die Premiere in Bayreuth statt.

Kriterien für Migräne erfüllt

Die Analyse der Szintillationsrate visueller Auraelemente bei Migräne-Patienten hat in einer Studie eine Flimmerfrequenz von durchschnittlich 17,8 Hz ergeben. Der 1. Akt, 3. Szene im „Siegfried“ wird von einer Melodieführung eingeleitet, die eine solche visuelle Aura zu imitieren scheint: die Streicher spielen 16 Zweiundreißigstelnoten pro 2/4-Takt, was bei einem Tempo von 120 Schlägen/min mit 16 Hz der experimentell ermittelten Szintillationsrate nahe komme, erläutern die Göbels.

Entscheidend für die retrospektive Diagnose ist jedoch, dass die Kriterien der aktuellen Kopfschmerzklassifikation ICHD-3 beta für eine Migräne ohne Aura, aber auch eine ausreichende Anzahl von Kriterien für eine Migräne mit Aura erfüllt werden: Die Kopfschmerzattacken dauerten vier bis 72 Stunden an, sie wiesen die typischen Migränecharakteristika auf wie pulsierender Schmerz, starke Intensität sowie Aggravation bei körperlicher Aktivität und waren von Erscheinungen wie Übelkeit oder Fotophobie begleitet. Zudem traten typische Auren auf, die nicht mit anderen Erkrankungen erklärt werden können.

Erhöhtes Herz-Kreislauf-Risiko

Lebenslange Migräne und besonders Migräne mit Aura gehen mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen einher bis hin zu einem erhöhten kardiovaskulären Mortalitätsrisiko. Von Wagner ist bekannt, dass er in seinen letzten Lebensjahren unter schweren Angina-pectoris-Anfällen gelitten hat und wahrscheinlich an den Folgen eines Herzinfarkts gestorben ist. Es fragt sich, welche Musik ein von chronischen Kopfschmerzen befreiter Wagner komponiert und ob eine elektive Schmerztherapie ihm sogar mehr Jahre kreativen Schaffens ermöglicht hätte (in der übernächsten Ausgabe der Ärzte Woche bringen wir einen Spezialteil zum Thema Kopfschmerz).

Der Originalartikel „Takt für Takt baut sich der Migräneanfall auf“ ist erschienen in „Der Schmerz“ (2016) 30: 289. doi:10.1007/s00482-016-0114-9, © Springer-Verlag Berlin Heidelberg.

Legenden der Medizin

Thomas Meißner

, Ärzte Woche 35/2016

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