zur Navigation zum Inhalt
© Hans-Georg Kress
Prof. Dr. Georg Kress Leiter der Klinischen Abteilung für Spezielle Anästhesie und Schmerztherapie am AKH Wien
 
Allgemeinmedizin 3. November 2014

„Chronischer Schmerz ist nicht lang anhaltender Akutschmerz“

Der Umgang mit Schmerzpatienten in Österreich schmerzt insbesondere, da eine Besserung nicht in Sicht ist.

Zu selten und viel zu spät erhalten Österreichs Schmerzpatienten eine regelkonforme Therapie bei einem speziell ausgebildeten Schmerztherapeuten. Dies liegt nicht nur an der teilweise komplexen Behandlung, sondern häufig daran, dass vor allem der chronische Schmerz unter der Wahrnehmungsgrenze von Entscheidungsträgern liegt.

Oft hadern heimische Patienten über Jahre hinweg mit unzureichend behandelten Schmerzen, was in der Regel weitreichende persönliche und wirtschaftliche Konsequenzen nach sich zieht. Das Gespräch mit Prof. Dr. Georg Kress, Leiter der Klinischen Abteilung für Spezielle Anästhesie und Schmerztherapie am AKH Wien, ist daher eine umfassende Anklageschrift gegen den Umgang mit Schmerzpatienten in Österreich. Kress ist aber nicht nur Ankläger, er hätte durchaus praktikable Lösungsvorschläge anzubieten. Zuallererst sollten aber die Jungärzte und Studenten besser ausgebildet werden.

 

Weshalb werden chronische Schmerzen als ein wichtiges medizinisches Thema weiterhin derart unterschätzt?

Kress: Weil diese Plage im Bewusstsein der Entscheidungsträger nicht präsent ist, da Patienten mit chronischen Schmerzen in der offiziellen Gesundheitsstatistik kaum erscheinen. Das Dilemma ist, dass chronische Schmerzen nicht eine Entität darstellen, wie etwa Diabetes mellitus, sodass der Schmerz in all seinen Formen und Vielfalt verborgen bleibt.

Die Folgen bleiben auch im Verborgenen?

Kress: Die gesellschaftlichen Folgen sind gigantisch, aber nicht offensichtlich. Wir haben Zahlen, die belegen, dass die meisten Länder zwischen zwei und vier Prozent des Bruttoinlandsprodukts für direkte und indirekte Folgen von Schmerzpatienten ausgeben. Dazu zählen etwa Fehlzeiten, Produktivitätsverlust oder Frühinvalidität. Viel zu wenige Sozialpolitiker haben Einblicke in diese Fakten, zudem haben nicht alle Versicherungsträger echtes Interesse daran, an der Situation etwas zu ändern, beispielsweise weil die Frühpensionierungen zulasten eines anderen Trägers gehen.

Sind wenigstens die Ärzte ausreichend über chronische Schmerzen informiert?

Kress: Es kommt leider vor, dass Ärzte das Problem ebenfalls unterschätzen, da das Verständnis für den chronischen Schmerz in der Ausbildung nicht geweckt wird. Beim Akutschmerz ist das etwas anderes, den kann quasi jeder Mediziner behandeln, denn im Rahmen eines normalen Heilungsprozesses, etwa einer Gewebsverletzung oder Organstörung, klingt auch der Schmerz wieder ab. Viele Ärzte, vor allem junge Kolleginnen und Kollegen, unterliegen daher dem Trugschluss, dass man den chronischen Schmerz genauso gut behandeln könnte. Aber chronischer Schmerz ist nicht einfach lang anhaltender Akutschmerz, sondern eine eigenständige Schmerzform, die eine komplexe, multimodale Behandlung erfordert. Hier braucht es von medizinischer Seite ein speziell dafür zugeschnittenes biopsychosoziales Modell. Das erfordert wiederum eine besondere Kompetenz, die sich nicht darin erschöpft, Opioide zu verschreiben.

Das heißt, Schmerzpatienten werden nicht optimal behandelt?

Kress: Ja, das stimmt leider. Hierzu ein Beispiel: Die häufigsten Krankheitsbilder des Schmerzes sind am muskuloskelettalen System zu finden, diese Patienten werden dann oft vom Hausarzt an den Orthopäden überwiesen, der – ich formuliere das jetzt etwas überspitzt – dann mithilfe der Bildgebung Ursachen sucht und nachfolgend injiziert sowie operiert. In der Behandlung wird jedoch auf das umfassende biopsychosoziale Konzept verzichtet. Die Folgen sind häufig unnötige Operationen, eine weitergehende teure Diagnostik oder invasive Therapien.

In der Patientenstudie „Chronischer Schmerz 2014“*) geben 40 Prozent der Schmerzpatienten an, dass sie seit ein bis fünf Jahren an Schmerzen leiden, 16 Prozent sogar seit mehr als 15 Jahren. Werden wirklich so wenige Patienten regelrecht behandelt?

Kress: Nur etwa ein Prozent der Patienten wird beim niedergelassenen Schmerztherapeuten betreut, etwa zwei bis vier Prozent in der Ambulanz. Und dieser Prozentsatz wird weiter sinken, denn in Österreich wurden in den letzten zwei Jahren zehn Schmerzambulanzen geschlossen. Meiner Meinung nach zeigt das deutlich, wie wenig Bewusstsein für die Notwendigkeit dieser Ambulanzen besteht.

Hätten Sie ein Lösungskonzept für die derzeitige Situation?

Kress: Ein Ansatzpunkt läge bereits im Medizinstudium. Die European Pain Federation hat eine Erhebung in 15 europäischen Ländern durchgeführt. Das Ergebnis war erschütternd: Mit Ausnahme von Frankreich, wo die Schmerzausbildung zentralistisch gut organisiert ist, und Deutschland, das Schmerzmedizin als Ausbildungsfach eingeführt hat, sieht es wirklich düster aus. Der Schmerzmedizin wird insgesamt eine sehr geringe Priorität zugesprochen, in Großbritannien wird etwa für die Schmerzausbildung nur rund ein Prozent des Studiums eingeplant.

Im Rahmen der Medizinerausbildung müsste es verpflichtende Kurse geben, sowohl für Studenten als auch im postgraduellen Bereich. Das würde innerhalb weniger Jahre zu einer deutlichen Verbesserung führen. Die Schmerzmedizin ist zudem ein ungeschützter Fachbereich, daher kann man sich – auch ohne entsprechende Ausbildung – als Schmerztherapeut bezeichnen. Diese ‚Experten‘ können selbstverständlich kaum diagnostische oder therapeutische Möglichkeiten anbieten, die tatsächlich wirksam sind.

Wir haben zwar das Diplom der Ärztekammer, aber es hat zehn Jahre gedauert, bis wir das endlich bekommen haben. Außerdem besteht das Diplom lediglich aus 140 Stunden Theorie und zwei Wochen Hospitation an einer entsprechenden schmerzmedizinischen Abteilung, und die ist nicht einmal verpflichtend. Auch regelmäßige Auffrischungen sind nicht vorgesehen. In Deutschland gibt es hingegen die Bezeichnung des ‚Schmerzmediziners‘. Die Grundlage hierfür ist eine zwölfmonatige ganztätige Weiterbildung an einer entsprechenden Bildungsstätte sowie die Teilnahme an einem von der deutschen Ärztekammer anerkannten, interdisziplinären Kurs über Schmerztherapie im Ausmaß von 80 Stunden. Dieses Diplom wird erst nach Prüfung der deutschen Ärztekammer verliehen. So etwas wäre auch bei uns notwendig, langfristig sollten wir das Zusatzfach ‚Schmerzmedizin‘ für alle Fachgebiete anbieten.

Wo brennt der Schmerzhut noch?

Kress: Leider liegt auch Ambulanzbereich einiges im Argen, den es eigentlich massiv auszubauen gilt, sowohl strukturell als auch personell, denn als Ein-Mann- oder Ein-Frauen-Betrieb lässt sich keine Schmerzambulanz führen. Als Begleitmaßnahme müsste beispielsweise auch eine staatlich gelenkte Politik im Gesundheitswesen eingeführt werden, um klar zu definieren, zu welchem Zeitpunkt die Patienten automatisch einem Schmerztherapeuten zugeführt werden müssen, um das furchtbare Arzt-Hopping über Jahre hinweg zu stoppen. Die Kosten dieses unkoordinierten Herumreichens von Patienten mit X-fachen Aufenthalten in diversen medizinischen Einrichtungen ohne korrekte Diagnose sind ja enorm. Was fehlt sind definierte Patientenpfade, auch um eine Chronifizierung des Schmerzes zu unterbinden. Wir brauchen außerdem eine bessere Rückschleusung in den Arbeitsprozess, schließlich sind die frühe Rehabilitation und eine rasche Wiederherstellung der sozialen Kontaktfähigkeit besonders bei älteren Menschen wichtig. Leider muss ich gestehen, dass selbst ich mittlerweile pessimistisch bin. Selbst an meiner eigenen Abteilung wurde unser Akutschmerzdienstrad nach mehr als 20 erfolgreichen Jahren mit 1. Jänner 2014 abgeschafft.

Das Gespräch führte Dr. Lydia Unger-Hunt.

*) Die Patientenplattform „Allianz Chronischer Schmerz“ und Astellas Pharma initiierten mit dem Gallup Institut die bundesweite Umfrage zwischen Mai und Juli 2014, in der Patienten ihre subjektiv erlebten Wünsche und Bedürfnisse artikulierten (siehe Zusammenfassung unten).

 

 

 

Österreichischer Patientenbericht „Chronischer Schmerz 2014“

Die Ergebnisse der umfangreichen Patientenstudie „Chronischer Schmerz 2014“ an 890 Menschen spiegelt die subjektiv empfundenen Bedürfnisse chronischer Schmerzpatienten im Umgang mit ihrer Erkrankung wider. In Österreich leiden rund 23 Prozent der Menschen an chronischen Schmerzen. Er gehört zu den häufigsten Ursachen für Krankenstände, Berufsunfähigkeit und Frühpension.

Die Umfrage zeigt, dass die häufigsten chronischen Schmerzen im Bereich des Stütz- und Bewegungsapparates auftreten, gefolgt von Kopf- und Nervenschmerzen. 40 Prozent berichten, dass Sie seit ein bis fünf Jahren an Schmerzen leiden, bei 16 Prozent sind sogar mehr als 15 Jahre vergangen, seit die ersten Schmerzen aufgetreten sind. Die Krankheitsbilder sind vielfältig, die Diagnose aufgrund der Ursachen oft sehr schwierig. Für die Patienten besteht eine lange Wartezeit bis zur adäquaten Therapie. Erster Ansprechpartner bei Schmerzen ist der Hausarzt (46 Prozent), knapp gefolgt vom Facharzt mit 42 Prozent. Der Patientenbericht zeigt, dass Schmerzpatienten in Österreich mehrheitlich (45 Prozent) zwei bis drei Ärzte konsultieren, fast ein Viertel (23 Prozent) hat sogar mehr als fünf Ärzte im Zusammenhang mit den chronischen Schmerzen aufgesucht.

Die Schmerzpatienten zeigen sich in Bezug auf die erhaltene Behandlung nur mäßig zufrieden. Ein Drittel ist zufrieden, ebenso viele sind aber dezidiert wenig zufrieden. Vor allem ältere Menschen (über 60 Jahre) zeigen sich mit der Schmerzbehandlung vergleichsweise am wenigsten zufrieden. Ein Vergleich zwischen Personen mit bzw. ohne private Zusatzversicherung zeigt hingegen nur einen geringen Unterschied in Bezug auf die Zufriedenheit.

Die Studie zeigt, dass 46 Prozent der Menschen eine starke Beeinträchtigung ihrer Lebensqualität erleben. Die Patienten sehen sich neben den körperlichen Einschränkungen (72%) vor allem auch finanziellen und psychischen Belastungen ausgesetzt. Eine finanziell angespannte Situation erklärt sich durch teure Behandlungskosten oder auch die Gefahr, aufgrund der Schmerzen berufsunfähig zu werden.

Chronische Schmerzen führen auch zu sozialem Rückzug, da die Erkrankung eine starke gesellschaftliche Stigmatisierung erfährt. Oft folgt die Depression den Schmerzzuständen. Die wesentlichen Wünsche zielen auf mehr Verständnis für die Betroffene ab, die mit ihrem Leiden ernst genommen werden wollen, sowie auf entsprechende finanzielle Kassenleistungen, um bestmögliche Therapieansätze zu ermöglichen.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben