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Neurologie 7. April 2014

Umstrittene Krankheit Fibromyalgie

Fakten statt Mythen.

Das Fibromyalgie-Syndrom ist ein kontrovers diskutiertes diagnostisches Etikett und Beschwerdebild. Evidenzbasierte Leitlinien räumen mit weitverbreiteten Irrmeinungen auf und weisen den Weg zu effektiven Therapien.

Sind die Patienten depressiv, leiden sie an Rheuma oder rühren ihre Schmerzen von einer Infektion? „Um kaum eine Schmerzerkrankung ranken sich so viele Mythen wie um das Fibromyalgie-Syndrom (FMS)“, so Dr. Winfried Häuser, Leiter des Zentrums für Schmerztherapie am Klinikum Saarbrücken. Die chronische Krankheit ist durch Schmerzen der Muskulatur, des Bindegewebes und der Gelenke gekennzeichnet, mitunter tut „der ganze Körper“ weh. Etwa zwei Prozent der Bevölkerung leiden daran, Frauen vier- bis siebenmal so häufig wie Männer.

Die medizinische Fachwelt liefert sich jedoch zum Teil erbitterte Kontroversen über Klassifikation, Ätiologie, Diagnose und Therapie der Krankheit. Häusler plädierte dafür, den zahlreich verbreiteten Halbwahrheiten und Fehlmeinungen gesichertes Wissen zum umstrittenen Krankheitsbild entgegenzusetzen. So ist die manchmal auch Patienten gegenüber vertretene Behauptung, FMS gäbe es gar nicht, bereits vor 20 Jahren widerlegt worden. Verbreitet ist auch immer noch die Annahme, es handle sich bei FMS um eine somatoforme Schmerzstörung, bei der sich der Schmerz entwickelt oder intensiviert, nachdem Patienten emotionalen oder psychosozialen Belastungen ausgesetzt waren. Auch die von Vertretern der Psychiatrie immer wieder vertretene Theorie, FMS sei nichts anderes als eine larvierte Depression, hält sich hartnäckig. Die Datenlage widerlegt dies allerdings.

Die deutschen interdisziplinären Leitlinien klassifizieren die Krankheit als funktionelle Störung, die selten in Reinform auftritt. FMS geht häufig einher mit anderen funktionellen Störungen, etwa dem Reizdarmsyndrom, psychischen Störungen oder somatischen Begleiterkrankungen wie einer entzündlichen Rheumaerkrankung. Bei einer multilokulären Schmerzsymptomatik können aber auch einige Schmerzregionen durch somatische Krankheitsfaktoren erklärt werden, z. B. Nervenschmerzen nach einem Bandscheibenvorfall.

Nicht immer schmerzen die Tenderpoints

Über viele Jahre wurden Tender-Point-Untersuchungen durch Rheumatologen vorgenommen, um die Diagnose FMS zu belegen. „Diese Vorgangsweise ist inzwischen überholt. Neuere Studien haben gezeigt, dass die druckempfindlichen Punkte unspezifische Schmerzpunkte sind und bei FMS-Patienten auch durchaus fehlen können“, erklärte Häuser. Laut Leitlinien ist eine Diagnose zielführend, die die klassische Schmerzsymptomatik in mehreren Körperregionen mithilfe von Schmerzskizzen und eines Fragebogens überprüft. Außerdem müssen körperliche Erkrankungen, welche die Beschwerden der Patienten ausreichend erklären oder die Einnahme von Medikamenten, die chronische Schmerzen auslösen können, ausgeschlossen werden.

Psychotherapie alleine kann FMS nicht heilen

„Realistische Therapieziele sind der Erhalt und die Verbesserung der Leistungsfähigkeit im Alltag. Beschwerdefreiheit, wie sie manchmal vor allem von psychodynamisch orientierten Psychotherapeuten fälschlicherweise in Aussicht gestellt wird, ist dagegen ein unrealistisches Ziel. Psychotherapie kann FMS leider nicht heilen“, so widerlegt Häuser einen weiteren Mythos. Da FMS viele Ursachen und Verläufe haben kann, liegt es auf der Hand, dass es nicht eine einzig richtige Therapieform geben kann. Bei leichten Verläufen sei etwa gar keine spezifische Behandlung angezeigt. Betroffene sollten aber zu regelmäßigen körperlichen und geistigen Aktivitäten ermutigt werden. Eine medikamentöse Therapie sei in diesen Fällen laut Leitlinien nicht zwingend nötig.

Bei schweren Verläufen sollte Patienten neben aerobem Training und meditativen Bewegungstherapien wie Qi-Gong oder Yoga eine zeitlich befristete medikamentöse sowie multimodale Therapie empfohlen werden, darunter mindestens ein körperlich aktivierendes und ein psychotherapeutisches Verfahren. Die Leitlinie spricht für kein Medikament eine starke Empfehlung aus, rät jedoch dezidiert davon ab, starke Opioide einzusetzen.

Die deutsche interdisziplinäre evidenzbasierte Leitlinie ist aufrufbar unter www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/041-004.html

Quelle: Pressekonferenz zum 18. Internationalen Schmerzsymposium, 7. März 2014, Wien

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