zur Navigation zum Inhalt
© Fuse / Thinkstock
 
Neurologie 7. April 2014

Schmerzen bei Krebspatienten

Durch Chemotherapie verursachte Nervenschmerzen und Durchbruchschmerz.

Schmerzen bei Krebspatienten werden häufig mit Leiden in der letzten Lebensphase und palliativmedizinischen Interventionen assoziiert. Das aber sei überholt, betonen Experten beim 18. Internationalen Wiener Schmerzsymposium.

Dank der Fortschritte in der onkologischen Medizin ist Krebs heute in vielen Fällen zu einer chronischen Erkrankung geworden, mit der viele Betroffene viele Jahre leben. Als Folge kommt es aber immer häufiger zu durch chirurgische, radiotherapeutische und chemotherapeutische Behandlungen verursachte chronische Schmerzgen, die kompetent behandelt werden müssen. Dafür fehlt aber noch in vielen Fällen das Bewusstsein“, betonte Prof. Dr. Rolf-Detlef Treede, designierter Präsident der Internationalen Schmerzgesellschaft (IASP) und Inhaber des Lehrstuhls für Neurophysiologie, Universitätsmedizin Mannheim der Universität Heidelberg.

Neuropathische Chemo-Schmerzen

Eine wichtige Rolle im Ensemble solcher chronischer Schmerzen spielen neuropathische Schmerzen in Folge einer Chemotherapie. In einer von Treede und Kollegen kürzlich veröffentlichten Studie trat bei mehr als 40 Prozent der untersuchten Krebspatienten chronischer Schmerz als Folge von Chemotherapie-induzierten Neuropathien auf, wobei auch durchaus nicht-neuropathische Schmerzkomponenten beobachtet wurden. „Eine ganze Reihe von wirksamen Chemotherapienführen zu Nervenschädigungen und in der Folge zu Nervenschmerzen“, so Treede. Je nach Substanz, Dosierung, Behandlungsdauer, aber auch Alter der Patienten oder Vorerkrankungen liegt die Inzidenz Chemotherapie-indizierter Nervenschmerzen zwischen 10 und 100 Prozent. Den dahinter liegenden Mechanismus erklärt Treede so: „Kommt es zu einer Nervenschädigung, beschäftigt sich das gewissermaßen arbeitslos gewordene Neuron selbst und gerät außer Kontrolle. Betroffene spüren durch äußere Reize verursachte Schmerzen an Stellen nicht, an denen sie aber spontane Schmerzen entwickeln. Das ist vergleichbar mit einer außer Kontrolle geratenen Alarmanlage.“

Schmerzspezialisten von Anfang an einbeziehen

Es ist daher besonders wichtig, dass schon bei der Planung einer Tumorbehandlung solche möglichen Konsequenzen mit berücksichtigt werden, forderte Treede. „Bei bestimmten Chemotherapie-Schemata besteht eine besonders hohe Wahrscheinlichkeit für neuropathische Schmerzen. Ich halte es daher für wichtig, dass in den interdisziplinären Tumorboards von Beginn an auch Schmerzexperten vertreten sind.“ Auch Krebspatienten sollte man frühzeitig auf die möglichen neuropathischen Konsequenzen einer Therapie aufmerksam machen und sie dafür sensibilisieren, beim Auftreten von Symptomen rasch kompetente Hilfe zu suchen.

Wirksame Therapieansätze bei Chemotherapie-induzierten Neuropathien sind beispielsweise Ionenkanal-Blocker, also Antikonvulsiva; Antidepressiva, vor allem Trizyklische und Selektive Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer; topische Therapien mit Lidocain oder Capsaicin; aber auch Opioide, wobei bei Letzteren eine Tendenz zur Toleranzentwicklung besteht. Evidenz gibt es auch für eine Reihe von nichtmedikamentösen Verfahren wie Massagen, Akupunktur, Hypnose, Spiegeltherapie oder Kognitive Umstrukturierung.

Effektive Schmerzkontrolle bei Durchbruchschmerz

Lassen sich tumorbedingte Hintergrund- und Dauerschmerzen mit einer angemessenen Schmerztherapie gut kontrollieren, sind die massiven, jäh auftretenden Schmerzattacken, sogenannte Durchbruchschmerzen, nach wie vor schwer in den Griff zu bekommen. Tagungspräsident Prof. DDr. Hans G. Kress, Präsident der Europäischen Schmerzföderation EFIC und Leiter der Klinischen Abteilung für Spezielle Anästhesie und Schmerztherapie der MedUni Wien stellte innovative Therapiemöglichkeiten für Durchbruchschmerzen vor. Gleichzeitig kritisierte er den bürokratischen Zugang zu den neuen Medikamenten, der vor allem Schwerstkranke betrifft. „Während es bei Krebspatienten in frühen Krankheitsstadien in 30 bis 40 Prozent der Fälle zu diesen akuten Durchbruchschmerz-Attacken kommt, sind Menschen in einem fortgeschrittenen Krankheitsstadium praktisch immer betroffen. 70 bis 90 Prozent von ihnen leiden an diesen häufig unerträglichen Schmerzspitzen“, so der Experte.

Herkömmliche Analgetika wirken nicht rasch genug

Die typische Episode beim Durchbruchschmerz erreicht binnen weniger Minuten ihr Schmerzmaximum, dauert durchschnittliche 30 bis 45 Minuten und kehrt mehrmals täglich wieder. Herkömmliche Analgetika versagen bei Durchbruchschmerzen häufig, denn sie entfalten ihre Wirkung üblicherweise erst dann, wenn die Attacke bereits abklingt, wirken dann aber oft unnötig lange.

Mit Fentanyl steht ein potentes Opioid zur Verfügung, das 100-fach stärker wirkt als Morphin, aber eine kurze Anschlagszeit und Wirkdauer aufweist. Mittlerweile wurden eine Reihe neuer, leicht anwendbarer und schneller wirksamer Applikationsformen in Form von Sticks, Nasensprays oder Buccaltabletten entwickelt: Diese wirken rasch über die Mund- oder Nasenschleimhaut und stellen gegenüber den Immediate-Release-Opioiden einen großen Fortschritt dar. Das zeigen zahlreiche Studien, nicht zuletzt eine kürzlich durchgeführte Untersuchung mit 263 Patienten zur Fentanyl-Buccaltablette. Die Schmerzintensität konnte im Durchschnitt um 45 Prozent gesenkt werden. „Die Verabreichung über die Wangenschleimhaut umgeht weitgehend den initialen Abbauprozess über die Leber, der bei Aufnahme von Opioiden über den Magen-Darm-Trakt üblicherweise stattfindet“, erklärte Kress. Entsprechend hoch sei mit 65 Prozent gegenüber 30 Prozent die Bioverfügbarkeit des neuen Präparats.

Der EFIC-Präsident bedauerte, dass Krebspatienten in Österreich nur sehr eingeschränkt vom Fortschritt in der Durchbruchschmerzbehandlung profitieren können, da die neuen Medikamente nicht „kassenfrei“ verschreibbar sind. Innerhalb des Stufensystems des österreichischen Erstattungskodex der Krankenkassen befinden sie sich in der „No-Box“ bzw. der „Roten Box“. „Hier wird einmal mehr am falschen Platz zu sparen versucht, nämlich ausgerechnet bei einer kleinen Gruppe von Schmerzpatienten. Die medizinisch ungerechtfertigten administrativen Hürden erschweren die Behandlung von Schmerzspitzen. Die Betroffenen, schwer kranke Menschen in einem fortgeschrittenen Stadium der Krebserkrankung, müssen oft unnötig leiden. Der Zugang zu geeigneten Durchbruchschmerz-Medikamenten muss dringend jenem angepasst werden, den es für die Basismedikation der Dauerschmerzen schon lange gibt“, so Kress.

Quelle: Pressekonferenz zum 18. Internationalen Schmerzsymposium, 7. März 2014, Wien

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben